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70 Jahre Staat Israel: Herausforderungen und Gefahren

von Johannes Gerloff

JERUSALEM, 18.05.2018 – Seit David Ben-Gurion im Mai 1948 den Staat des jüdischen Volkes proklamiert hat, sieht sich der Staat Israel Herausforderungen gegenüber, wurde zeitweise ernsthaft gefährdet, war immer umstritten. Welchen Bedrohungen sieht sich Israel zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 2018 ausgesetzt?

BDS schadet vor allem den Palästinensern

Die so genannte „BDS-Bewegung“, die „Boykott, Desinvestition und Sanktionen“ (BDS) gegen Israel propagiert, gehört definitiv nicht dazu. BDS schadet zu allererst den Palästinensern. Das zeigt die Situation vor Ort. Sie hilft Israel, indem sie Arbeitsplätze aus den Palästinensergebieten nach Israel verlegt, Palästinenser zwingt, ihr Land zu verkaufen, und unter Beweis stellt, dass Israels Kritiker tatsächlich von antisemitischen Motiven getrieben werden, die grundsätzlich das Existenzrecht eines jüdischen Staates im Nahen Osten infrage stellen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der BDS-Bewegung können vernachlässigt werden und ihrer Anstrengungen, die Legitimation des jüdischen Staates zu untergraben, spottet die Realität. Israel hat im Jahr 2018 diplomatische Beziehungen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch sowie militärische Kooperation mit mehr Staaten als je zuvor in der Geschichte.

Demographische Zeitbombe entschärft

Auch die demographischen Entwicklungen sind nicht die existentielle Bedrohung, die Weltuntergangs-Experten jahrzehntelang gebetsmühlenartig beschworen haben. „Die demographische Zeitbombe ist ein Blindgänger.“ Zu diesem Schluss kommen Demographen, die Geburtenraten beobachten und zu der Erkenntnis gelangt sind, dass israelische Araber und Palästinenser nicht einmal ein Drittel der Gesamtbevölkerung eines „Groß-Israel“ stellen würden, würde Israel das Westjordanland jetzt annektieren. Niemand kann voraussagen, was Palästinenser tatsächlich denken, oder wie sie wählen würden, hätten sie die echte Freiheit und Sicherheit einer israelischen Staatsbürgerschaft. Die Tatsache, dass in praktisch allen Segmenten der israelischen Gesellschaft Araber vertreten sind, in der ganzen Armee und in allen politischen Parteien, sollte nicht übersehen werden. Zudem haben versagende arabische Staaten, versagende orientalische Gesellschaften und eine versagende islamische Religion eine Wirkung auf Muslime, die man kaum überschätzen kann.

Fragt man Israelis, was nach ihrer Wahrnehmung die Gefahren sind, denen ihre Gesellschaft ausgesetzt ist, kommen ganz oben auf der Liste soziale Fragen zur Sprache. Israel hat sich von einem sozialistischen Drittweltland in den 1950er-Jahren zu einem der weltweit führenden Wirtschafts- und Wissenschaftszentren entwickelt. Es gibt heute praktisch keinen Computer und kein Smartphone mehr, das nicht israelisches Gedankengut, israelische Erfindungen, Programm oder Teile enthält. Israel ist weltweit die Nummer Eins unter den Produzenten von Innovationen. Der Neue Israelische Schekel ist eine der härtesten Währungen auf dem Markt.

Polarisierung nimmt zu

Aber das alles hat seinen Preis. Die Polarisierung zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsteilen wird immer offensichtlicher. Es gibt nicht nur Spannungen zwischen Rechts und Links, Sepharden und Aschkenasen, Juden und Arabern, sondern auch zwischen finanziell Privilegierten und denen, die einen täglichen Kampf ums bloße Überleben erfahren. Hohe Lebenshaltungskosten und niedrige Einkommen sind nicht nur das Problem einer bildungsarmen Unterschicht, sondern auch von jungen Akademikern. Ein Einkommen ist kaum hoch genug, um eine Familie zu ernähren. So verdient ein junger Arzt zum Beispiel in Israel weniger in einem Monat, als er in Australien an einem Wochenende nach Hause bringen würde. Eine Frucht der angespannten sozialökonomischen Lage ist, dass viele Hochschulabsolventen das Land verlassen. Eine der großen Herausforderungen Israels im 21. Jahrhundert ist, ein attraktives Umfeld zu bieten, nicht nur für IT-Genies oder Elektroingenieure, sondern auch für Ärzte, Pflegepersonal, Physiotherapeuten oder Lehrer, um nur einige zu nennen.

Gefahr aus dem Norden

Militärisch entwickelt sich die größte Gefahr von Israel im Norden. Es ist allerdings nicht der so genannte Islamische Staat oder andere islamistische Terrorgruppen, die eine entscheidende Bedrohung darstellen, sondern die hegemonialen Ambitionen der Islamischen Republik Iran. Der blutige Krieg in Syrien hat sich zugunsten der pro-Assad-Koalition gewendet, was vor allem eine Stärkung des Iran und seiner Verbündeten bedeutet. Die Islamische Republik und ihre Vertreter haben in Syrien eine Infrastruktur aufgebaut, aber auch im Libanon, wo die Hisbollah im vergangenen Jahrzehnt ihre Fähigkeiten massiv ausgebaut hat. Ähnlich tragen schiitische Milizen im Irak oder die Houthis im Jemen, die das Herzland Saudi-Arabiens mit Raketen beschießen, dazu bei, Teherans zunehmenden Griff auf den Mittleren Osten umzusetzen. Dieses Szenario bringt Bedrohungen eines völlig neuen Maßstabes mit sich.

Amos Jadlin, geschäftsführender Direktor des Instituts für nationale Sicherheitsstudien, geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für eine militärische Konfrontation an der Nordfront Israels, bei der auch die syrische Armee mit einbezogen werden könnte, 2018 größer ist als zu jedem Zeitpunkt im zurückliegenden Jahrzehnt. Im März simulierte eine Übung der israelischen Armee einen Krieg an mehreren Fronten gleichzeitig, nicht nur gegen die vom Iran finanzierten Terrororganisationen Hamas im Gazastreifen und Hisbollah im Libanon, sondern auch im Blick auf eine mögliche Intervention Russlands wegen Syrien. Israel besitzt eine bedeutende Hebelwirkung gegen den Iran und Russland, weil es in der Lage ist, deren Errungenschaften zum Erhalt des Assad-Regimes und einer fortschreitenden Stabilisierung Syriens effektiv zu unterminieren.

In der sunnitischen und arabischen Welt lauert ein nuklearer Wettlauf zwischen dem Iran und sunnitischen Regionalmächten wie Saudi-Arabien, Ägypten oder der Türkei. Außerdem fordert das islamistische Lager um die Türkei, Qatar und die Bewegung der Muslimbruderschaft ständige Aufmerksamkeit. Der so genannte Islamische Staat hat zwar sein ganzes Territorium verloren, abgesehen von einigen Enklaven auf den Golanhöhen, der Sinaihalbinsel und in Nordafrika. Seine Ideologie aber ist noch immer attraktiv für große muslimische Bevölkerungsanteile. Terrorzellen wie auch Einzeltäter, die vom Islamischen Staat und Al-Qaida inspiriert wurden, sind nach wie vor aktiv.

Israelis wollen keine Besatzer sein

Im Blick auf den palästinensisch-israelischen Konflikts ist die größte Herausforderung für viele Israelis, der Realität ins Auge zu schauen. Ein Großteil der israelischen Bevölkerung behauptet, eine Zwei-Staaten-Lösung zu befürworten, weil er die Palästinenser loswerden will, weil man hasst, Besatzer zu sein, und sich davor fürchtet, zu einem Apartheidstaat zu werden. Allerdings ist praktisch niemand bereit, den Palästinensern das zu bieten, das diese als unabhängigen Staat akzeptieren könnten. Selbst die am meisten links-stehenden Israelis können sich für die Palästinenser lediglich eine de facto Autonomie vorstellen, die diese dann als ihren Staat bezeichnen dürften. Und niemand weiß, wie arabische und islamische antijüdische Gefühle angegangen werden sollen, die tief in islamischen Quellen verwurzelt sind und als einer der Urgründe des Hasses gegen den jüdischen Staat angesehen werden müssen.

Wenn man über moderne Formen des Antisemitismus nachdenkt, ist Israel nicht nur Opfer. Sich selbst kritisch zu sehen, ist eine Charaktereigenschaft und Tradition, die bis zu den Propheten in biblischer Zeit zurückverfolgt werden kann. Alles und jeden in Frage zu stellen ist durchaus eine Quelle der innovativen Kraft, die Israel entwickelt hat. Aber die übertriebene Kritik vieler Israelis – und besonders vieler jüdischer Israelis – im Blick auf sich selbst, ihre Gesellschaft und ihre Führung könnte eine der außergewöhnlichen Stärken Israels als eine seiner größten Schwächen und ganz gewiss als echte Herausforderung offenbaren. Es ist eine Tatsache, dass einige der schlimmsten Lügen über das jüdische Volk und seinen Staat von jüdischen Israelis in die Welt gesetzt wurden.

Bild: Der Kibbuz Misgar liegt an der kritischen israelischen Nordgrenze (der Berg im Hintergrund gehört schon zum Libanon). Foto: Tommy Mueller / Fokus Jerusalem