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Wenige Tage vor dem Massaker: mehr als 100 Soldaten von Gaza nach Judäa und Samaria versetzt

JERUSALEM, 05.12.2023 (NH) – Es ist eine sehr schmerzhafte und harte Erkenntnis: Das israelische Militär, die stärkste und angesehenste Armee im Nahen Osten, wurde am 7. Oktober völlig überrascht und überrannt. Die Annahme, die regierende Terrororganisation in Gaza sei an keinem „Konflikt“ interessiert, legte Israels Sicherheitsapparat lahm. Im Schatten der fälschlichen Vermutung reduzierte das Militär die Truppen in der Gaza-Region. Ein Teil verstärkender Streitkräfte wurden vor den jüdischen Feiertagen in das brodelnde Judäa und Samaria verlegt. Der „Die Hamas will keinen Krieg“-Hypothese zufolge scheinte die Entscheidung naheliegend und einleuchtend, wurde das sogenannte Westjordanland doch jüngst von einer Welle des Terrorismus heimgesucht. Rückblickend hat die israelische Geheimdienstdirektion schlichtweg hochmütig versagt. Die Überheblichkeit hat mehr als 1.400 Israelis das Leben gekostet. Die Bevölkerung fordert nun Antworten.

Abzug der Streitkräfte zu Simchat Thora

Der Überraschungsangriff der Hamas, der mit einem nie dagewesenen Ausmaß an hochproffesioneller Brutalität das Land überzog, hat die Zivilbevölkerung zutiefst erschüttert. Die Israelis vertrauten blind „der stärksten Armee der Welt“, ihrer Technologie und der berühmten unterirdischen Multimilliarden-Euro-Barriere, die eine Terrorinvasion durch Tunnel verhindern sollte. Doch die Hamas infiltrierte über eine breit angelegte Bodenoffensive: Im Schatten von 2.500 Raketen wurde der hochtechnologische Grenzzaun überrannt, Armeestützpunkte eingenommen und die Verteidigungslinie Israels völlig durchbrochen. Auf Verstärkung warteten tausende von Israelis und Soldaten an diesem Tag vergeblich. Doch wo waren die Streitkräfte am besagten Schwarzen Schabbat?

Jetzt berichtet der Militärkorrespondent der israelischen Nachrichtenagentur Kan News, mehr als 100 Soldaten seien nur wenige Tage vor dem grausamen Massaker von ihrem Zuständigkeitsbereich im Gazagrenzgebiet nach Judäa und Samaria verlegt worden. Zwei Truppenkompanien sollen zu den jüdischen Feiertagen abgezogen worden sein, um terroristische Unruhen im sogenannten Westjordanland zu ersticken. Die fehlenden Streitkräfte wurden jedoch nicht durch andere Truppen ersetzt.

Daniel Hagari verspricht: „Die Thematik wird nach dem Kriegsbeginn auf operativer Ebene untersucht“.

„Die operative Beschäftigung hat sich nicht geändert“

Der Bericht kommt nach zwei Monaten des Leugnens. In den letzten Wochen hatten Armeesprecher wiederholt klargestellt, keine Truppen der Gaza-Divison abgezogen zu haben. „Die operative Beschäftigung in der Division Judäa und Samaria hat sich vor dem Krieg nicht auf Kosten des Südkommandos geändert“, so das israelische Militär.

Nachdem während der gestrigen Pressekonferenz Israels Armeesprecher Konteradmiral  Daniel Hagari erneut mit den harten Anschuldigungen konfrontiert wurde, räumte Hagari ein, dass nach Sicherheitseinschätzungen des Generalstabs tatsächlich temporäre Verstärkungs- bzw. Bereitschaftsstreitkräfte verlegt worden sind. Der Armeesprecher versicherte jedoch, dass die Anzahl der routinemäßigen Sicherheitskräfte in der Gaza-Division vor dem 7. Oktober  nicht verändert wurde. Das „Verschieben der Einsatzkräfte“ erfolge wöchentlich in Anbetracht der Sicherheitsbedrohungen und im Auftrag des Generalstabs. Der Konteradmiral versprach, die Thematik werde nach Kriegsende untersucht und die Ergebnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Titelbild: Palästinensische Demonstranten stoßen in der palästinensischen Terrorhochburg Huwara im Westjordanland mit israelischen Soldaten zusammen. Foto: Nasser Ishtayeh/Flash90