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Uri Avnery in „kritischem Zustand“ im Krankenhaus

von Ulrich W. Sahm

JERUSALEM, 10.08.2018 (FJ) -Der ultralinke Friedensaktivist Uri Avnery (94) wurde in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Nach einem Bericht der Zeitung “Haaretz” soll er am Samstag vor fast einer Woche einen Schlaganfall erlitten haben und bewusstlos sein. Der Schriftsteller und ehemalige Knesset-Mitarbeiter, gilt seit 70 Jahren als Anwalt eines palästinensischen Staates, so Haaretz. Damals haben die heutigen Palästinenser sich jedoch noch als „Araber aus Palästina“ bezeichnet und noch nicht einmal einen eigenen Staat für sich beansprucht.
Avnery ist ein ehemaliges Knesset-Mitglied gewesen und war Gründer der Friedensbewegung “Gush Shalom”. Er war Chefredakteur der Wochenzeitung “Haolam Hazeh”, nach dem Vorbild des „Spiegel“ unter Rudolf Augstein, den er schon in Deutschland kennengelernt hatte. Anat Saragusti, eine Journalistin und Menschenrechtsaktivistin, die dem 94-jährigen Avnery nahe steht, hat am späten Mittwoch auf Facebook einen ironischen Kommentar abgegeben: “Es kann davon ausgegangen werden, dass er diese Woche seine wöchentliche Kolumne nicht schreiben wird: ‘Wenn Sie meine Kolumne am Freitag nicht erhalten, sollten Sie wissen, dass ich gestorben bin.’ Also, er ist nicht gestorben, aber er ist nicht bei Bewusstsein.”

Kritiker des Nationalstaatsgesetzes

Avnery war der erste Israeli, der sich 1982 in dem von Israel belagerten West-Beirut im Libanon mit PLO-Führer Yassir Arafat traf. Große Schlagzeilen machte er, nachdem der Oberste Gerichtshof seinen Antrag auf Änderung der Staatsangehörigkeit von “jüdisch” auf “israelisch” zurückwies.
Im seinem letzten Artikel, den Avnery für Haaretz schrieb, der am Dienstag erschienen war, äußerte er sich sehr kritisch gegenüber dem umstrittenen Nationalstaatsgesetz, das die Knesset vergangenen Monat verabschiedet hat. Er argumentierte, dass die israelische Nation und nicht die jüdische Nation ihre Heimat in Israel hat. Avnery ist weltberühmt als prominentester Kritiker des Staates Israel und der (rechtsgerichteten) Politik des jüdischen Staates.

Im Münsterland als Helmut Ostermann geboren
Uri Avnery wurde am 10. September 1923 in Beckum im Münsterland als Helmut Ostermann geboren. Kurz nachdem er als Kind ans Kaiserin-Auguste-Victoria-Gymnasium in Hannover gewechselt war, floh seine Familie 1933 mit ihm vor der NS-Diktatur nach Palästina. Nach mehreren Namenswechseln nahm er mit 19 die hebräische Version Uri Avnery an, nachdem er erst den Vornamen seines 1941 als Soldat der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg gefallenen Bruders Werner zu Avner hebraisiert hatte.
Von 1938 bis 1942 war er Mitglied der Irgun. Avnery trat nach eigenen Angaben der Untergrundorganisation bei, um für die Freiheit gegen die britische Mandatsmacht zu kämpfen. Er verließ jedoch die Organisation aus Protest gegen ihre „anti-arabischen und reaktionären Ansichten und Terrormethoden“. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 war Avnery Soldat der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte „Haganah“. Avnery diente in der Einheit „Schu’alei Schimschon“ der Giv’ati-Brigade und wurde schwer verwundet. 1949 veröffentlichte er sein Kriegstagebuch “In den Feldern der Philister” über die Geschehnisse während des Krieges.

Von 1950 bis 1990 war er Herausgeber und Chefredakteur des Nachrichtenmagazins “haOlam haZeh” (“Diese Welt” – im Unterschied zum Jenseits, der “kommenden Welt”). 1965 und 1969 wurde Avnery auf der Liste der gleichnamigen Partei haOlam haZeh in die Knesset gewählt. 1973 konnte die neue Kleinpartei Meri (Aufstand), auf deren Liste auch Avnery antrat, nicht genügend Stimmen für die Knesset gewinnen. 1975 wurde er durch ein Attentat mit einem Messer schwer verletzt. 1977 wurde Avnery für die Liste der Mehaney Smol LeYisrael (Linkes Lager Israels bzw. kurz Scheli als Akronym von Shalom LeYisrael – Frieden für Israel) wieder zum Knessetmitglied gewählt. 1981 trat Avnery nicht mehr zur Parlamentswahl an.
1993 begründete Avnery mit Freunden die israelische Friedensinitiative “Gusch Schalom”.

Als “Menschliches Schutzschild” nach Ramallah
Avnery setzt sich für die Trennung von Staat und Religion und gegen den orthodoxen Einfluss auf das religiöse und politische Leben in Israel ein. Er propagierte ein „Israel ohne Zionismus“, um den Staat von den seiner Meinung nach falschen Voraussetzungen der Vergangenheit zu befreien, die sich aus seiner Sicht erschwerend auf den Friedensprozess auswirken.
Am 13. September 2003 begab er sich als „Menschliches Schutzschild“ zum belagerten palästinensischen Präsidentensitz in Ramallah, um nach eigener Aussage die „Absichten von Premierminister Scharon zu durchkreuzen“, Arafat zu ermorden.
Im März 2006 verglich Avnery in einem Radiointerview den PFLP-Anschlag auf den rechtsextremen israelischen Politiker Rechaw’am Ze’ewi mit gezielten Tötungen militanter Palästinenser durch die israelische Armee. 2009 verglich er die Blockade Gazas durch die Israelischen Streitkräfte mit der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht. 2010 wurde Avnery nach einer Friedenskundgebung in Tel Aviv angegriffen, wo er die israelische Militäraktion gegen den Free-Gaza-Konvoi kritisiert hatte.
In der Kontroverse um das Gedicht “Was gesagt werden muss” von Günter Grass vertrat Avnery die Auffassung, dass es antisemitisch sei, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden dürfe. Kritiker warfen Avnery vor, mit der Aktion am 13. September 2003 und mit vielen Äußerungen in Interviews und Presseerklärungen die Politik Arafats zu rechtfertigen.
Auf eine Frage zur Ermordung sogenannter Kollaborateure in den Palästinensergebieten antwortete Avnery: „Natürlich gab es Morde an Kollaborateuren. Kollaborateure sind Verräter. […] Wer seine Kameraden an eine feindliche Besatzung ausliefert, ist nach den Spielregeln militärischer Verbände, zumal im Untergrund, ein Verräter und wird umgebracht. […] Ich war ein Terrorist, als ich ein junger Mann war. […] Auch wir haben unsere Kollaborateure umgebracht, die unsere Kameraden an die englische Kolonialregierung ausgeliefert haben.“

Avnery erhielt zahllose Auszeichnungen für seine scharfe Kritik am Staat Israel.

Foto: Uri Avnery hält die Ehrengastrede zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille 2008 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Quelle: Michael F. Mehnert / Wikicommons, gemeinfrei.

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