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Helden ohne Umhang (8) – Abraham Baruch und sein treuer Begleiter Hopey

von Nadine Haim Gani

JERUSALEM, 11.06.2021 (TM) – Das Wort „Held“ wird von jeder Person anders assoziiert. Viele denken an berühmte Superhelden wie Superman oder einen Menschen, der besonders stark und klug ist. Manch ein anderer verbindet einen Helden mit einem mutigen Ritter oder Kämpfer. Dass es auch besonders kuschelige Helden auf vier Pfoten gibt, zeigen wir Ihnen in unserer heutigen Reportage. Hopey – ein besonders liebevoller Therapeut!
Erst mit 80 Jahren wurde Abraham Baruch als PTSD-Kranker (post-traumatisches Stress-Syndrom) anerkannt. Keine medikamentöse oder psychologische Betreuung und Behandlung konnten dem Senior helfen. Bis der Golden Retriever Hopey in sein Leben trat. Der treue Diensthund, der speziell für ihn ausgebildet wurde, schaffte es, das Verhaltensmuster seines Herrchens nach mehr als 48 Jahren positiv zu verändern. Ein Lebenstraum erfüllt sich nun für den Opa. „Mein Traum war es, unter Menschen zu sein, ohne Angst davor zu haben, dass mir etwas passieren könnte“,, erzählt Abraham Baruch unter Tränen.
50 Jahre Gefangenschaft
Seit fast 50 Jahren ist Abraham Baruch aus dem Kibbuz Beit HaShitah, der damals im blutigen Yom-Kippur Krieg um Israels Existenz kämpfte, in seinem Haus eingesperrt. Er vermeidet alle größeren Festlichkeiten aus Angst, ein Trauma-Anfall könnte ihn einholen. Vor allem junge Soldaten in Uniform werfen ihn 50 Jahre zurück auf das Schlachtfeld. Es war sehr schwer in Worte zu fassen, wie unglaublich überwältigend der Moment war, als er den Mut aufbrachte und nach fünf Jahrzehnten zur Militär-Zeremonie seines Enkels erschien. Und all das verdankt die Familie nur einem: dem treuen Diensthund Hopey.
Der Yom-Kippur Krieg
Es ist fast unmöglich für Abraham, über die Ereignisse zu sprechen, die er 1973 im Yom-Kippur Krieg erlebt hat. Damals war er bereits verheiratet und stolzer Vater von vier wundervollen Kindern. Er wurde in den Krieg eingezogen, kämpfte um die Existenz seines Landes, um die Zukunft seiner Kinder. Er kämpfte auf den Golanhöhen und war Teil der Schlacht um das Hermongebirge. Nach Kriegsende diente er weitere acht Monate an der Front im Norden Israels. Seinen Leidensweg publik zu machen, hat nur einen bestimmten Grund: die Bevölkerung und Regierung zur Thematik der Diensthunde für posttraumatisierte Kämpfer zu sensibilisieren. Erst am jüngsten Soldaten-Gedenktag, 48 Jahre später und mit Hopey an seiner Seite, war er zum ersten Mal in der Lage zu erzählen, wie der Yom-Kippur Krieg endete und sein privater, persönlicher Krieg begann.

Ein Denkmal auf dem Tel Saki-Hügel auf den Golanhöhen. Die Schlacht von Tel Saki war eine der ersten des israelischen Jom-Kippur-Krieges 1973. Foto: Moshe Shai/Flash 90


„Eines Nachts wachte ich aus einem unvorstellbar grausamen Albtraum auf. Ich hörte die Schreie: ‚Die Syrer sind an den Zäunen!‘ Dann spürte ich, wie mich jemand packt und versucht, mich als Geisel zu entführen. Ich fange an, meinen Angreifer zu würgen. Ich höre starken Husten, Würgen und Weinen. Ich öffnete meine Augen und muss mit Bestürzen erkennen, wie ich meine Ehefrau würge“, erzählt Abraham.
Ruthi Baruch, Abrahams Frau erzählt: „Er hat mich wirklich fast erdrosselt. Danach hörte er nicht auf zu weinen, aus Scham über das, was er getan hatte. Er verstand auch nicht, woher diese Attacke kam.“ Zu diesem Zeitpunkt zerbrach Abraham innerlich. Er schottete sich von der Außenwelt ab und lebte jahrzehntelang in einer Welt, in der er das Erlebte auf dem Schlachtfeld täglich auf das Neue durchmachte. Nächtelang lag er wach, aus Angst einzuschlafen, von weiteren Albträumen heimgesucht zu werden und schreiend zu erwachen. Seine Ehefrau Ruthi zog die vier Kinder alleine groß. Der Vater konnte seine Kinder nicht einmal in die Arme schließen. Seine Hände waren beschmutzt mit dem Blut israelischer Soldaten und dem Blut der Feinde. Seine unschuldigen Kinder konnte er nicht berühren. Erst lange Zeit später war Abraham bereit dazu, seinen Kindern zu erklären, warum er ihnen die benötigte Vaterliebe vorenthielt. Fast 50 Jahre lang vermied er den Kontakt zu anderen Menschen, blieb Veranstaltungen, Geburtstagen, Familienfeiern und selbst den Abschlussfeiern seiner Kinder fern. Zu groß war die Angst, ein Geräusch, ein Wort oder ein Geruch könnte ihn zurück in den grausamen Krieg werfen und eine Panikattacke auslösen.
„Kein Grund dich zu beschweren“
Der Kibbuz Beit Hashita verlor 11 seiner Söhne in diesem Krieg. Eine Beerdigung folgte der nächsten. Diejenigen, die unversehrt vom Kriegsfeld zurückkehrten, galten als Glückliche, solche, die sich nicht beschweren dürfen. Der Schmerz über den Verlust der Kibbuz-Kinder, den Tod seiner Kameraden, ließ ihn in der Auffassung, er könnte sich niemandem mit seinen Panikattacken und Angstzuständen anvertrauen und so lebte Abraham in Selbsttäuschung. Er war nicht bereit, die Worte „posttraumatische Belastungsstörung“ zu hören.

IZKOR – In hebräischer Schrift ist das Wort „Erinnern“ auf dem Steinmonument auf dem Tel Saki-Hügel eingemeiselt. Foto: Moshe Shai/Flash 90

Erst im Jahr 2016 bat er um eine ärztliche Diagnose und wurde als posttraumatisierter Kriegsveteran anerkannt. Abraham erhielt Tabletten, medizinisches Cannabis, individuelle psychologische Behandlung und Gruppentherapie, aber nichts konnte Abraham sein Leiden erleichtern. Doch dann kam Hopey.
Das Diensthunde-Trainingszentrum bildet jeden Hund speziell für die Person aus, für die er bestimmt ist. Die meisten Diensthunde beginnen ihre Ausbildung bereits im Welpenalter. Die Qualifizierung eines Hundes kostet 90.000 Schekel, fast 23.000 Euro. Abraham erhielt Spenden, um die Ausbildung des Vierbeiners zu finanzieren und beschloss, seinen Golden Retriever auf den Namen Hopey, aus dem englischen Wort „Hope“ (zu deutsch Hoffnung) zu taufen.
Nur Hopey schafft es, sein Herrchen zu beruhigen
Hopey weiß genau, wie er sein Herrchen während einer Traumaattacke beruhigen kann. „Wenn ich nachts mit einer Panikattacke aufwache und in Albtraumträumen schreie ‚Die Syrer sind auf Zäunen!‘ Kommt Hoppy ins Spiel“, berichtet Abraham. Der treue Vierbeiner springt sofort auf das Bett, schaltet das Licht ein und beginnt seinem Herrchen innig das Gesicht abzuschlecken. Erst wenn Abraham zu sich kommt, beruhigt sich auch der kluge Retriever-Rüde und zwingt seinen Besitzer, ihn zu streicheln. Die innige Liebestherapie scheint zu wirken. „Wir sitzen dann auf der Veranda und reden bis zum Morgengrauen. Ich erzähle und Hopey hört mir zu.“. Seine Ehefrau Ruthi fügt hinzu: „Manchmal versuche ich zu lauschen, über was sich die beiden unterhalten, aber ich kann es nicht verstehen.“
Seit Hopey in das Leben der Familie getreten ist, haben sich die nächtlichen Schreie und Attacken auf unglaubliche Art und Weise auf ein Minimum reduziert. Der treue Vierbeiner schiebt sein Herrchen morgens aus dem Bett und weicht den ganzen Tag nicht von seiner Seite. „Wir haben uns eines Abends zum Essen hingesetzt und plötzlich höre ich Abraham lachen. Ich war wie versteinert. Es war das erste Mal, dass ich Abraham nach über 48 Jahren lachen hörte“, erzählt seine Ehefrau glücklich.
Hopey darf in den Operationssaal
Jahrzehntelang verschob Abraham Arztbesuche und medizinische Behandlungen, sogar dringende Operationen aus Angst vor einer Panikattacke. Im letzten Monat begleitete Hopey sein Herrchen zu einer Herzoperation ins Krankenhaus. Kurz vor dem Eintritt in den OP erkannte der Retriever einen plötzlichen Anstieg des Blutdrucks und Herzrasen bei Abraham. Er schmiegte sich sofort an seinen Besitzer, kuschelte mit ihm auf dem Krankenbett und versuchte ihn zu beruhigen. Aber der treue Vierbeiner hatte das Gefühl, dass es damit nicht genug war. Er folgte seinem Herrchen sogar in den sterilen Operationssaal. Ehefrau, Kinder und andere Familienmitglieder mussten auf ihren geliebten Opi draußen warten. Hopey jedoch ließ sich nicht beirren und durfte mit einer Sondergenehmigung mit in den Operationssaal. Zum ersten Mal in Israel und vielleicht auch weltweit war ein Hund während einer Operation im Operationssaal anwesend.
„Wenn Hopey nicht hier wäre, würde ich mir keinen Bypass am Herzen legen lassen. Hopey beruhigt mich und gibt mir Selbstvertrauen an fremden Orten, die mir Angst machen. Ich weiß, dass er mir versucht zu sagen: „Vertraue mir, alles ist in Ordnung. Du kannst beruhigt sein.“
Die erste Zeremonie seit 50 Jahren
Nachdem Abraham und sein Diensthund die OP überstanden haben und sich genug Zeit nahmen, zu genesen, kam Hopeys größtes Ereignis. Abraham wollte versuchen, an der militärischen Ordensverleihung seines Enkels, der Teil des israelischen Nordkommandos ist, teilzunehmen. Bis dato wurde Abraham bei dem Anblick von Soldaten von schweren Panikattacken heimgesucht. Eine Uniform war immer wieder ein Grund für Albträume. Doch nach 50 Jahren Einsamkeit und Isolation wollte er den Schritt mit Hopey an seiner Seite wagen. Bei dem Anblick der israelischen Soldaten steigt Abrahams Blutdruck, die Tränen fangen an, über seine Wangen zu rollen, Erinnerungen kommen in ihm hoch. Hopey spürt die aufkommende Panik und wie das Trauma versucht von Abraham Besitz zu ergreifen. Der treue Vierbeiner schmiegt sich an sein Herrchen, leckt ihm die Tränen von Gesicht und übermittelt seinem Herrchen „Du bist jetzt sicher. Ich bin da!“
Manchmal bedarf es keiner großen Worten oder Taten, einer bedürftigen Person zu helfen. Eine kalte Schnauze und eine große Portion bedingungslose Liebe können verletzte Seelen heilen und rehabilitieren. Hopey ist für sein Herrchen der Grund weiterzuleben und gegen seine schweren Traumata zu kämpfen. Hopey ist unser Held, ein Held auf vier Pfoten.

Titelbild: Die wunderschöne Goldenretriever-Hündin „Mocha“ spielt am Strand von Tel Aviv. Foto: Privat

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