
Zwischen Alarm und Erschöpfung: Wie Israel nach dem Krieg um den Schlaf ringt
JERUSALEM, 10.07.2025 (BF) – Auch wenn der Himmel über Israel inzwischen wieder weitgehend ruhig ist, der Schlaf ist es noch lange nicht. Die nächtlichen Angriffe aus dem Iran haben bei vielen Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Erschöpfung, Schlaflosigkeit und innere Unruhe gehören für Tausende weiterhin zum Alltag. Während der physische Alarm verstummt ist, bleibt der Körper in Habachtstellung.
Zwei Wochen unter Sirenen und ständiger Anspannung, meist zur Nachtzeit, haben das Schlafverhalten vieler Israelis massiv gestört. Jetzt zeigt sich, wie stark die Belastung nachwirkt.
Wann Müdigkeit zum Warnsignal wird
In israelischen Hausarztpraxen, Kliniken und Schlafzentren mehren sich seit dem Raketenkrieg mit dem Iran die Berichte über Patientinnen und Patienten, die sich trotz Schlaf nicht mehr erholen. Ärzte beschreiben ein immer gleiches Bild: Menschen, die nachts aufgewacht sind, sich kaum noch konzentrieren können, tagsüber ungewollt einschlafen, gereizt reagieren oder unter Kopfschmerzen und einem spürbaren Leistungsabfall leiden. Viele berichten, dass ihr Körper „nicht mehr zur Ruhe kommt“, obwohl die Gefahr scheinbar vorbei ist.
Medizinisch gesehen ist körperliche Erschöpfung zunächst eine normale Reaktion auf akuten Stress. Doch wenn sie über Wochen anhält, ist sie mehr als ein Begleitsymptom. Schlaf ist nicht nur dafür da, Müdigkeit zu lindern.
Dass die Schlafprobleme in Israel so ausgeprägt sind, liegt nicht nur an der Dauer des Konflikts, sondern besonders auch an der Unberechenbarkeit der Angriffe. Viele erfolgten mitten in der Nacht, andere in den frühen Morgenstunden (zuletzt eine Rakete der Huthis aus dem Jemen in der Nacht zum heutigen Donnerstag um 5:15 Uhr). Der Körper hat keine festen Ruhefenster mehr. Die innere Uhr vieler Menschen ist aus dem Takt geraten. In sozialen Netzwerken häufen sich Posts über bleierne Müdigkeit, Angst vor der Nacht und das Gefühl, dauerhaft „auf Empfang“ zu sein – auch ohne Sirene.
Mehr Schlafmittel, mehr Gespräche
Dass viele Israelis auch Wochen nach den Angriffen unter Schlaflosigkeit und innerer Unruhe leiden, belegen nun auch Zahlen. Studien der Hebräischen Universität zeigen, dass die Vergabe von Schlafmitteln seit Beginn des Gaza-Kriegs und später verstärkt durch den iranischen Raketenbeschuss um etwa 4 bis 5 Prozent gestiegen ist. Besonders auffällig: Der Anteil der Menschen, die weniger als sechs Stunden pro Nacht schlafen, stieg von 13 auf 31 Prozent. Auch klinisch relevante Schlafstörungen nahmen deutlich zu. Parallel dazu wächst die Nachfrage nach Gesprächstherapien, vor allem kognitiver Verhaltenstherapie. Psychologische Hilfe wird zunehmend gesucht, besonders bei Schlafstörungen und seelischer Erschöpfung. Experten warnen: Die eigentliche Aufarbeitung beginnt erst, wenn die Sirenen längst verstummt sind.
Titelbild: Kein idealer Schlafplatz: Menschen suchen während der Raketenangriffe aus dem Iran Schutz in einer Tiefgarage in Tel Aviv. Foto: Yonatan Sindel / Flash 90