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Im Iran gibt es ein Massaker – und die Welt schweigt

von Alon David

JERUSALEM, 15.01.2026 – Im Iran sterben Menschen, weil sie Freiheit fordern. Nicht in einem Krieg zwischen Staaten, nicht als unbeabsichtigter Kollateralschaden, sondern weil ein Regime seine eigene Bevölkerung gezielt terrorisiert – und den Preis dafür längst einkalkuliert hat.

Iraner gehen auf die Straße, weil sie nicht mehr können. Weil Perspektiven verschwinden, Korruption wächst und Repression den Alltag bestimmt. Weil das Land zwar ein Staat ist, aber längst kein Zuhause mehr. Wer protestiert, weiß, was droht: Verhaftung, Folter, Schnellverfahren. Viele verschwinden in den Strukturen der Sicherheitsapparate, andere enden im Gefängnis oder auf dem Galgen. Und während im Iran Menschen um Würde kämpfen, passiert etwas fast ebenso Schockierendes wie die Gewalt selbst: Die Welt schaut weg.

Dabei ist das Schweigen nicht einmal eine Folge von Unwissenheit. Die Iraner selbst tun alles, um gehört zu werden. Nicht nur in Teheran oder Isfahan, sondern weltweit. Auf Straßen und Plätzen in Berlin, Paris, London, Toronto, Los Angeles und Stockholm. Sie demonstrieren, sie halten Fotos hoch, sie schreien die Namen der Ermordeten, sie rufen nach Freiheit – und nach Hilfe. Sie wollen, dass die Welt endlich versteht: Das ist nicht einfach ein weiterer „Konflikt“. Das ist ein Volk, das unter einer islamistischen Diktatur erstickt.

Ein Exil-Iraner hält bei einer Kundgebung vor der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin ein Plakat. Auf dem Plakat ist der Schriftzug „Selbstbestimmung der politischen Zukunft für Iran“ zu sehen. Foto: Alon David

Diese Demonstrationen sind nicht Folklore. Sie sind ein Hilferuf. Ein Versuch, die Mauer aus Gleichgültigkeit zu durchbrechen. Und trotzdem werden sie in vielen Ländern behandelt wie eine Randnotiz. Ein Thema für ein paar Sekunden, wenn überhaupt.

Das Schweigen ist keine Unwissenheit

Es wäre bequem zu sagen: „Wir wissen zu wenig.“ Doch das stimmt nicht. Wir sehen die Bilder. Wir lesen die Berichte. Wir kennen das Muster. Das iranische Regime betrachtet Protest nicht als politische Meinungsäußerung, sondern als Bedrohung, die es auslöschen will – mit Gewalt, Angst und öffentlicher Abschreckung. Dieses Schweigen entsteht nicht aus Unkenntnis, es entsteht aus Gleichgültigkeit. Aus dem Gefühl: Das ist weit weg. Oder noch schlimmer: Es betrifft uns nicht.

Und es gibt eine Wahrheit, die man im Westen kaum auszusprechen wagt: Iranische Opfer gelten nicht als „richtige Opfer“. Solidarität folgt längst nicht immer dem Leid, sondern oft dem Zeitgeist. Manche Tragödien werden sofort zu Symbolen, andere bleiben unbequem, gefährlich, kompliziert. Der Iran gehört zur zweiten Kategorie.

Denn im Iran kämpfen Menschen nicht gegen „den Westen“, sondern gegen eine islamistische Diktatur. Wer sich ernsthaft an die Seite der Iraner stellt, muss Dinge benennen, die viele lieber umschiffen: Islamismus, Theokratie, religiöser Totalitarismus. Diese Klarheit kostet. Und genau deshalb bleibt sie oft aus. Es ist leichter, moralisch zu sein, wenn es nichts kostet.

Erfan Soltani (26) aus Karaj (nahe Teheran) wurde am 10. Januar 2026 bei einer Freiheits-Demo festgenommen. Berichten zufolge wurde er in einem Schnellverfahren ohne Anwalt zum Tode verurteilt; seine Familie wurde informiert, dass er am 14. Januar 2026 öffentlich hingerichtet werden sollte. Ob er noch lebt, ist unklar. Foto/Screenshot: X (ehemals Twitter)

Der iranische Widerstand ist real, aber oft einsam. Er hat keine globale Protestmaschine, kein dauerhaftes Megafon. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit wie eine Währung funktioniert, ist das fatal: Wer keine Bühne hat, wird übersehen – selbst dann, wenn er mutiger kämpft als andere. Dabei ist die Protestbewegung im Iran eine der eindrucksvollsten unserer Zeit: Menschen ohne Waffen gegen ein bewaffnetes System, Frauen ohne Schutz der Weltöffentlichkeit gegen ein Regime der Kontrolle.

Zu den bittersten Wahrheiten gehört: Das iranische Regime wird häufig diplomatisch behandelt wie ein „Akteur“, während das iranische Volk wie eine Randnotiz wirkt. In Konferenzräumen spricht man über Sanktionen, Atomprogramm und Stabilität. Auf den Straßen wird geschossen. Wer das Volk nicht ernst nimmt, stärkt die Täter. Wer die Gewalt verwaltet, statt sie zu benennen, macht sich zum Teil des Problems.

Respekt statt Mitleid

Der Iran ist ein Spiegel – und er zeigt eine unangenehme Realität: Menschenrechte werden im Westen oft selektiv genutzt. Man ruft sie laut, wenn es bequem ist. Man relativiert sie, wenn es kompliziert wird. Doch wer ernsthaft an Werte glaubt, kann nicht akzeptieren, dass ein Regime Menschen wegen Protesten hinrichtet – und die Welt zur Tagesordnung übergeht.

Das iranische Volk verdient nicht unser Mitleid. Es verdient Respekt. Aufmerksamkeit. Rückgrat. Und vor allem eine Welt, die nicht erst dann hinsieht, wenn es politisch bequem ist.

Titelbild: Exil-Iraner protestieren in Berlin gegen das Mullah-Regime der Islamischen Republik Iran. Mit iranischen Freiheitsflaggen und Plakaten fordern sie Demokratie, Menschenrechte und ein Ende der Repression. Foto: Alon David

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