
„Das ungeschriebene Kapitel über Benjamin Netanjahu“ – der Brief eines hinterbliebenen Vaters
Jerusalem, 29.01.2026 (NH) – Kaum ein israelischer Regierungschef hat die Gesellschaft in den vergangenen Jahren so tief gespalten wie Benjamin Netanjahu. Proteste gegen seine Regierung bestimmten über Monate das Straßenbild, Forderungen nach seinem Rücktritt wurden laut, wütend, unerbittlich. Später erschütterten landesweite Demonstrationen das Land, getragen von der Verzweiflung der Familien der von der Hamas verschleppten Geiseln. Immer wieder richtete sich der Zorn gegen ein Gesicht, einen Namen: den des Premierministers.
In dieser Atmosphäre aus Anklage, Schmerz und politischer Erschöpfung meldet sich nun eine Stimme zu Wort, die selbst aus tiefstem Verlust spricht. Itzik Bunzel, Vater des gefallenen Soldaten Amit Bunzel, veröffentlicht einen zutiefst persönlichen Beitrag auf einer Medienplattform – und stellt sich bewusst gegen die laute Mehrheit. Nicht, um zu relativieren oder zu beschönigen, sondern um etwas sichtbar zu machen, das im öffentlichen Schlagabtausch kaum noch Raum hat: den Menschen hinter dem Amt. Bunzel schildert stille Begegnungen jenseits der Kameras und zeichnet das Bild eines Mannes, der zuhört und Verantwortung trägt – auch wenn sie erdrückend ist. Sein Text ist keine Verteidigung, sondern ein Appell zur Differenzierung und zur Wahrung von Menschlichkeit in einem politisch gespaltenen Land, das von Krieg gezeichnet ist.
Das ungeschriebene Kapitel über Benjamin Netanjahu
Während dieses Krieges saß ich unzählige Stunden an der Seite von Benjamin Netanjahu. Ich war auf dem historischen Flug dabei, als er seine Rede vor dem US-Kongress hielt. Vor allem aber war ich in den geschlossenen Räumen anwesend, in jenen Momenten, in denen keine Kameras liefen und alle Fassaden fielen.
Ich sah ihn im direkten Gespräch mit den Familien der Entführten und Hinterbliebenen. Diese Begegnungen sind schwer. Es wird angeklagt, geweint und geschrien. Der Schmerz liegt offen im Raum. Und Netanjahu hört zu. Still. Respektvoll. Mit einer Geduld, die keinen trauernden Elternteil und keinen Menschen, dessen Leben zerbrochen ist, unterbricht.
Am Ende jedes dieser Treffen sprach er denselben Satz. Immer gleich, immer ernst: „Ich werde eure Kinder nach Hause bringen – die Lebenden und die Toten.“ Keine Parole. Kein politischer Slogan. Ein Versprechen, das er wieder und wieder erneuerte.
Viele fragen sich, was ihn antreibt. Draußen tobten Demonstrationen, in den Studios lief unablässig Hetze. All das prallt an ihm ab. Was ihn jedoch erreicht und seine harte Schale durchbricht, ist der Preis des Krieges: die Namen und Gesichter der gefallenen Soldaten.
Ich sah die Tränen in seinen Augen, als er ihren Familien gegenüberstand. Ich sah, wie er vor den Bildern der Gefallenen im „Lager der Tapferkeit“ innehielt – und wie ihn dabei stets auch der eigene Verlust begleitete: der Tod seines Bruders Yoni. Immer wieder versuchte er leise und ohne Pathos, seine Erfahrung als trauernder Bruder zu teilen, um anderen Halt zu geben.
Manchmal zeigte sich der Staatsmann einfach als Mensch. Als mein Sohn Nadav nach dem Ende der Schiva (der jüdischen Toten-Gedenkwoche) darum bat, sofort wieder an die Front zurückzukehren, versuchte Netanjahu, ihn davon abzuhalten. Er sprach mit ihm nicht als Premierminister, sondern wie ein Vater. Er erinnerte ihn daran, dass er nun der älteste Sohn sei und Verantwortung manchmal bedeute, zu bleiben. Es gelang ihm nicht. Nadav kehrte zu seinen Kameraden zurück. Doch dieser Moment hat sich mir unauslöschlich eingeprägt.
Ich würde das erste Kapitel von Netanjahus nächstem Buch gerne selbst schreiben. Es wäre ein Buch über Führung in Zeiten der Prüfung. Über die Liebe zu diesem Land. Und über den Preis, den Familien zahlen müssen.
Doch dieses Buch ist noch nicht zu Ende. Das letzte Kapitel wird erst geschrieben werden, wenn Netanjahu überzeugt ist, dass dieses Land sicher ist – ein Ort, an dem wir geschützt und würdig leben können. Ein Ort, an dem unsere Kinder eine Zukunft haben.
Er wird die letzten Zeilen erst dann unterzeichnen, wenn er den Staffelstab an einen Anführer weitergeben kann, der fähig ist, all das zu bewahren, was hier mit harter Arbeit, Opferbereitschaft und Blut errungen wurde.
Itzik Bunzel

Titelbild: Benjamin Netanjahu bei einer Gedenkzeremonie zu Ehren des gefallenen Soldaten Amit Bunzel mit dessen Bruder Nadav. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Itzik Bunzel