
Regen in Israel: Mehr als Zahlen und Pegelstände – vom vertrockneten Land zum Wintergrün
von Benjamin Funk
GALILÄA, 30.01.2026 – Regen gehört zu den faszinierendsten Naturphänomenen in Israel, besonders für Menschen, die aus dem europäischen Raum kommen. Natürlich kennt man auch dort Trockenperioden und ausgedörrte Landschaften. Doch was sich hier zeigt, folgt einer anderen Logik, einer eigenen Ordnung.
Abgesehen von den eigentlichen Wüstenregionen wirkt die Landschaft in großen Teilen Israels im Oktober wie eine Steppe. Braun, staubig, scheinbar leblos. Frisches Grün sieht man überwiegend entlang von Wasserläufen, an Seen oder dort, wo künstlich bewässert wird. Auf den ersten Blick scheint vieles unwiderruflich vertrocknet, als hätte der Sommer alles ausgelöscht.
Und doch ist es das nicht.
Die Vegetation Israels ist an lange Trockenzeiten angepasst. Olivenbäume, verschiedene Eichenarten, Johannisbrotbäume, Wildkräuter und Gräser ziehen sich zurück, reduzieren ihren Stoffwechsel, stellen Wachstum ein. Was tot aussieht, lebt weiter, verborgen unter der Oberfläche. Es wartet. Wenn der erste Regen rund um das Laubhüttenfest einsetzt, sind Menschen und besonders Kinder draußen auf den Straßen. Viele tanzen im Regen. In Israel beschwert sich niemand über zu viel Regen.
Kein Wunder, dass die Freude so groß ist, denn in manchen Jahren endet die Regenzeit bereits im April, danach folgt eine monatelange Pause ohne nennenswerten Niederschlag.
Regen, Zahlen und Grenzen
Schaut man in die jüngere Vergangenheit, stechen einzelne Jahre deutlich heraus. Besonders auffällig war der Winter 2019/20. Damals stieg der See Genezareth so stark an, dass er bis auf wenige Zentimeter an die obere rote Linie heranreichte. Zeitweise wurde sogar darüber diskutiert, kontrolliert Wasser abzulassen. Solche Jahre entstehen nicht durch einzelne Starkregenereignisse, sondern durch eine Abfolge von Winterstürmen über mehrere Monate hinweg, mit regelmäßigem und flächendeckendem Niederschlag.
Der laufende Winter 2025/26 liegt bislang klar über dem Niveau des extrem trockenen Vorjahres, bleibt jedoch deutlich unter diesen Referenzjahren. Entscheidend wird sein, ob die Niederschläge in der zweiten Hälfte der Regenzeit anhalten und sich gleichmäßiger verteilen. Erst dann kann beurteilt werden, ob sich die Wasserbilanz nachhaltig verbessert oder lediglich kurzfristig entspannt.

Der obere Jordan ist im Sommer nur ein kleines Rinnsaal. Nach Regenfällen im Winter wird er zum Fluss. Foto: Benjamin Funk
In der Folge 499 von Fokus Jerusalem TV sprachen wir mit Firas Talhami, Abteilungsleiter der israelischen Wasserbehörde. Er erklärte, wie entsalztes Meerwasser nicht direkt über Rohrleitungen in den See Genezareth geleitet wird, sondern bewusst den Weg über ein natürliches Bachbett nimmt. Dabei geschah Erstaunliches: Entlang des Bachlaufs entstand neues Leben, Flora und Fauna kehrten zurück. Dieses Pilotprojekt überraschte selbst die beteiligten Forscher so sehr, dass inzwischen darüber nachgedacht wird, weitere ausgetrocknete Bachläufe auf ähnliche Weise zu beleben. Ziel ist es nicht nur, fehlenden Regen auszugleichen, sondern ganzen Regionen dauerhaft neues Leben einzuhauchen.
Der, der Regen schenkt
Das ist eine nüchterne Betrachtung und sicher auch interessant. Doch sie bleibt unvollständig, wenn alles auf Zahlen, Messwerte und natürliche Kreisläufe reduziert wird.
Ein Wanderweg, der im Spätsommer noch Staub aufwirbelte, wo verdorrte Blumen und trockene Gräser standen, zeigt sich nun völlig verwandelt. Saftiges, grünes Gras steht hoch, rote Anemonen und gelber Hahnenfuß blühen und überziehen die Landschaft. Schmetterlinge und Falter sind überall. Es rührt etwas im Innersten an, dass scheinbar Totes im Januar in voller Pracht lebendig geworden ist. Manchmal wirkt es fast unwirklich. Für einen Moment könnte man glauben, man sei auf satten, grünen Wiesen Irlands im Frühjahr unterwegs.
Und dann gibt es diesen Punkt, an dem es nicht mehr um Pegelstände, Messdaten oder Prognosen geht. Sondern um die schlichte Erkenntnis, dass unser Gott, der Schöpfer, Regen schenkt – Jahr für Jahr. Dass er vertrocknetes Land belebt und dem, was tot schien, neues Leben gibt. Dann stehen auch die Kühe, Ziegen und Schafe gut genährt auf den Weiden, und in den Wäldern der Berge gibt es viele Tiere zu entdecken.
In solchen Momenten geht einem das Herz weit auf. Dankbarkeit wird spürbar. Und plötzlich versteht man, was es heißt, wenn von einem Land gesprochen wird, in dem Milch und Honig fließen. Nicht immer. Aber oft genug, um es nicht zu vergessen.
Du tränkest die Berge von oben her; du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringest.
Psalm 104,13–14 (Luther)
Titelbild: Auf Regen folgt Sonne: Naturschauspiel in Galiläa am gestrigen Donnerstag. Foto: Benjamin Funk