
Merz telefoniert mit Netanjahu – und Europa schaut weiter am Kernproblem vorbei
von Alon David
JERUSALEM / BERLIN, 15.04.2026 – Es ist ein Telefonat, das politisch eigentlich Routine sein könnte – und doch eine Debatte entfacht, die weit über diplomatische Höflichkeiten hinausgeht. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu über die israelische Siedlungspolitik. Ein Thema, das in Europa regelmäßig für Kritik sorgt – und in Israel regelmäßig für Gegenreaktionen.
So auch diesmal. Israels Finanzminister Bezalel Smotrich reagierte scharf auf die Äußerungen aus Berlin. Die Kritik aus Deutschland sei unangemessen, ließ er verlauten – ein weiterer diplomatischer Schlagabtausch in einer ohnehin angespannten Lage. Doch dann meldete sich eine Stimme, die in Deutschland Gewicht hat: Ron Prosor, Israels Botschafter in Berlin, stellte sich demonstrativ hinter den Kanzler.

Eine ungewöhnliche Konstellation: Kritik aus der eigenen Regierung – und Verteidigung durch den eigenen Diplomaten im Ausland. Ein diplomatisches Spannungsfeld, das mehr offenlegt als nur Meinungsverschiedenheiten.
Der eigentliche blinde Fleck
Denn während sich Deutschland und Europa an der israelischen Siedlungspolitik abarbeiten, bleibt ein Thema auffällig oft im Hintergrund: der Terror – und vor allem sein größter staatlicher Förderer: Iran. Ein Regime, das nicht nur die Region destabilisiert, sondern systematisch Terrororganisationen finanziert und ausstattet. Ein Regime, das die Straße von Hormus bedroht, den globalen Ölmarkt unter Druck setzt und gezielt gegen Golfstaaten agiert. Ein Regime, das im Inneren brutal gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Und dennoch: Die Reaktionen aus Europa bleiben auffallend verhalten.
Mitten in diese Lage fällt ein diplomatisches Signal aus Berlin: Der deutsche Außenminister nimmt Kontakt zum iranischen Amtskollegen auf – und sendet dabei Töne, die vielerorts als beschwichtigend wahrgenommen werden. Wadephul äußert sich öffentlich.
Ein Moment, der Fragen aufwirft: Warum diese Zurückhaltung gegenüber einem Regime, das seit Jahren als zentraler Motor des internationalen Terrors gilt?
Kritik ja – aber bitte vollständig
Natürlich: Kritik an Israel ist legitim. Auch in Deutschland. Auch in Europa. Doch was auffällt, ist die Schieflage. Während jede israelische Entscheidung zur Schlagzeile wird, bleibt der strukturelle Terror – finanziert, organisiert und strategisch gelenkt aus Teheran – oft Randnotiz. Es ist einfacher, sich an demokratischen Partnern abzuarbeiten, als autoritäre Regime konsequent zu konfrontieren.
Ein Blick in die USA zeigt, dass es auch anders geht. Unter Donald Trump wurde der Iran politisch und wirtschaftlich massiv unter Druck gesetzt. Sanktionen, klare Linien, keine diplomatischen Floskeln. Europa hingegen wirkt oft zögerlich. Oder vorsichtig. Oder schlicht: konfliktscheu.
Die Debatte rund um das Telefonat zwischen Merz und Netanjahu zeigt vor allem eines: Europa diskutiert Symptome – aber meidet die Ursachen. Wer ernsthaft über Sicherheit im Nahen Osten sprechen will, kommt am Iran nicht vorbei. Wer Terror bekämpfen will, muss seine Finanzierer ins Visier nehmen. Und wer glaubwürdig sein will, darf nicht mit zweierlei Maß messen. Die Schlagzeilen entstehen schnell. Die Konsequenzen bleiben aus.
Titelbild: Finanzminister Bezalel Smotrich liegt im Clich mit dem deutschen Bundeskanzler und dem israelischen Botschafter in Berlin. Foto: Yonatan Sindel/Flash90