
Erstmals seit 2006: Kommunalwahlen im Gazastreifen – doch Hamas lauert im Hintergrund
JERUSALEM 23.04.2026 (LS) – In der Stadt Deir el-Balah im zentralen Gazastreifen finden am Samstag die ersten Kommunalwahlen in Gaza seit fast zwei Jahrzehnten statt – ein historischer Moment, der zugleich als inoffizieller Stimmungstest für die Popularität der Hamas gilt. Die Wahl in Deir el-Balah ist Teil der Kommunalwahlen der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), die von den Palästinensern als Demonstration der nationalen Einheit gegen einen US-Plan für den Gazastreifen inszeniert werden, von dem sie glauben, dass er darauf abzielt, ihre Trennung vom sogenannten Westjordanland zu zementieren.
Deir el-Balah als Testlabor – Hamas boykottiert offiziell, beobachtet genau
Etwa 70.000 Palästinenser sind in Deir el-Balah wahlberechtigt. Die Stadt wurde laut dem Sprecher der Zentralen Wahlkommission, Fareed Taamallah, bewusst ausgewählt, weil sie weniger Kriegsschäden aufweist als der Rest des weitgehend zerstörten Territoriums.
Seit der Hamas-Machtübernahme 2007 hatten die Bewohner Gazas keine Möglichkeit mehr, ihre eigenen Kommunalvertreter zu wählen. Die Hamas ernannte stattdessen Stadtratsmitglieder und verhinderte Wahlen – darunter auch Personen, denen Israel Terroraktivitäten vorwirft.
Vier Kandidatenlisten treten an, darunter eine, deren Kandidaten von Bewohnern und Analysten als Hamas-nah eingestuft werden. Hamas selbst hat offiziell keine Liste aufgestellt und keinen Kandidaten unterstützt und begründet dies mit Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich eines Erlasses der Palästinensischen Autonomiebehörde, wonach Kandidaten bestimmte Bedingungen akzeptieren müssen, darunter die Anerkennung Israels. Doch der politische Analyst Hani Al-Masri erklärt, Hamas werde das Abschneiden der ihr nahestehenden Kandidaten als Popularitätstest nutzen.
Berichte über die Wahl wurden von Hamas-nahen Medien weitgehend ignoriert. Stattdessen erschienen sie vereinzelt auf arabischen Sendern wie Al Arabiya und Al Araby sowie bei der PA-Nachrichtenagentur WAFA.
Hamas bleibt de facto an der Macht – PA setzt auf Symbolpolitik
Eine im Oktober 2025 durchgeführte Umfrage des Palästinensischen Zentrums für Politik- und Meinungsforschung ergab, dass 41 Prozent der Palästinenser in Gaza die Hamas unterstützen – verglichen mit 29 Prozent für Fatah. Diese Zahlen stehen in deutlichem Widerspruch zur offiziellen PA-Linie, die Gaza als Teil eines künftigen palästinensischen Staates unter ihrer Führung darstellen möchte.
Ein Vertrauter von PA-Präsident Mahmud Abbas bezeichnete die Wahl als bedeutenden Schritt, der bestätige, dass die palästinensischen Autonomiegebiete und Gaza eine rechtliche und politische Einheit bilden. Doch die politische Realität auf dem Boden ist eine andere: Die Hamas übt weiterhin faktische Kontrolle über den Gazastreifen aus, und es ist unklar, inwieweit die Wahlergebnisse überhaupt anerkannt werden. Das unter dem US-geführten Waffenstillstandsplan vorgesehene technokratische Komitee zur Übernahme der Gazaverwaltung befindet sich noch in Kairo und ist bisher nicht nach Gaza eingereist.
Analysten weisen darauf hin, dass die PA unter Abbas in großen Städten gezielt Konkurrenzwahlen vermieden hat. In Städten wie Nablus und Ramallah gibt es jeweils nur eine einzige, unbestrittene Liste. Das spiegelt laut Beobachtern den Wunsch Ramallahs wider, die eigene Schwäche nicht öffentlich sichtbar zu machen.
Für viele Bewohner von Deir el-Balah ist die Wahl trotz aller Einschränkungen ein emotionaler Moment. „Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich dieses Gefühl haben. Ich höre seit meiner Geburt von Wahlen, aber wegen der Umstände fanden nie welche statt“, erklärte der 34-jährige Adham Al-Bardini. Ob dieses Gefühl politische Konsequenzen hat, wird sich zeigen.
Titelbild: Geflüchtete Palästinenser leben in Deir al-Balah im zentralen Gazastreifen in Zelten. Foto: Ali Hassan/Flash90