
Studie sieht Apartheid- und Völkermord-Vorwürfe gegen Israel nicht belegt
JERUSALEM, 30.09.2026 (DR) – Zwei Wissenschaftler haben drei häufig gegen Israel erhobene Vorwürfe geprüft: Apartheid, Völkermord und Siedlerkolonialismus. Philippe Karpe und Günther Jikeli sehen die ersten beiden nicht nachgewiesen. Als Gesamtbeschreibung Israels halten sie Siedlerkolonialismus für ungeeignet.
Die Studie erschien als wissenschaftliches Arbeitspapier auf der Forschungsplattform SSRN. Karpe forscht bei der französischen Forschungseinrichtung CIRAD, Jikeli lehrt an der Indiana University Bloomington.
Die Autoren untersuchen, wie sich die drei zentralen Begriffe in der öffentlichen Debatte gegenseitig verstärken. Sie prüfen jeden Vorwurf getrennt, da Apartheid und Völkermord juristische Kategorien sind, Siedlerkolonialismus dagegen die dauerhafte Landnahme durch Siedler und die Verdrängung der einheimischen Bevölkerung beschreibt.
Apartheid: Streitpunkt Judäa und Samaria
Die Autoren unterscheiden zwischen gesellschaftlichen Problemen und dem juristischen Tatbestand der Apartheid. Da arabische Staatsbürger an Wahlen teilnehmen, vor Gericht klagen und in der Knesset sitzen würden, sähen sie kein gesetzlich erzwungenes System rassischer Trennung und politischer Ausgrenzung.
In Judäa und Samaria sehen die Autoren den stärksten Ansatzpunkt für den Apartheidvorwurf. In den Oslo-Abkommen vereinbarten Israel und die Palästinenser jedoch die Gebiete A, B und C mit unterschiedlichen zivilen und sicherheitspolitischen Zuständigkeiten. Die fehlende israelische Staatsbürgerschaft der dort lebenden Palästinenser und die Zuständigkeiten der Palästinensischen Autonomiebehörde erklärten einen Teil der rechtlichen Unterschiede. Die erforderliche Absicht, eine systematische rassische Herrschaft und Unterdrückung aufrechtzuerhalten, sehen die Wissenschaftler nicht nachgewiesen.
Völkermord: Vernichtungsabsicht nicht nachgewiesen
Völkermord setzt die Absicht voraus, eine geschützte Bevölkerungsgruppe ganz oder teilweise zu vernichten. Die Autoren prüfen unter anderem, ob Israel durch Lebensmittelbeschränkungen die körperliche Vernichtung der Bevölkerung bezweckte. Nach Einschätzung der Autoren schwächen Einfuhrdaten von COGAT, der für zivile Angelegenheiten in den palästinensischen Gebieten zuständigen Behörde des israelischen Verteidigungsministeriums, diese Annahme: Vom 21. Oktober 2023 bis 28. Februar 2025 gelangten mindestens 1,34 Millionen Tonnen Lebensmittel nach Gaza. Die Zahlen erfassen die Einfuhr, nicht die anschließende Verteilung.
Von März bis Mai 2025 stoppte Israel die Einfuhr von Hilfsgütern, um die Hamas zur Verlängerung der Waffenruhe und zur Geiselfreilassung zu bewegen. Die Autoren sehen darin allein keinen Nachweis einer Vernichtungsabsicht; die vorliegenden Unterlagen stützten auch militärische oder operative Erklärungen.
Zerstörung allein belegt keinen Völkermord
Als Völkermord gelten auch Maßnahmen, die Geburten verhindern sollen, sofern sie mit der genannten Vernichtungsabsicht erfolgen. Die UN-Untersuchungskommission hält nach einer Auswertung des Schadensbildes israelischen Panzerbeschuss für die wahrscheinliche Ursache der Zerstörung der Al-Basma-Klinik im Dezember 2023. Die israelische Armee kündigte gegenüber Reuters an, die Berichte zu prüfen, und weist die absichtliche Bekämpfung ziviler Einrichtungen grundsätzlich zurück. Die Autoren betonen: Die Absicht, eine Klinik zu zerstören, sei nicht automatisch die Absicht, Geburten zu verhindern.
Die UN-Kommission kam im September 2025 zum Ergebnis, Israel habe Völkermord begangen. Ein abschließendes Urteil des Internationalen Gerichtshofs im Verfahren Südafrikas gegen Israel steht aus.
Siedlerkolonialismus greift als Erklärung zu kurz
Dieser Ansatz erfasse weder die jüdische Bindung an das Land noch den nationalen und Flüchtlingscharakter des Zionismus ausreichend. Selbst in Judäa und Samaria erschwerten unterschiedliche Gebietsstrategien und Verhandlungen über Rückzüge die Annahme eines durchgängigen Projekts dauerhafter Eingliederung.
Losgelöst von ihren Kriterien könnten die Begriffe nach Ansicht der Autoren zur Delegitimierung Israels dienen. Die beiden Wissenschaftler wollen mit ihren Forschungsergebnissen „nicht ein Narrativ durch ein anderes ersetzen“, sondern Aussagen und Belege prüfen.
Titelbild: Teilnehmer einer pro-palästinensischen Demonstration erheben Völkermordvorwürfe gegen Israel, Symbolbild. Eine neue Studie untersucht diese sowie die Vorwürfe von Apartheid und Siedlerkolonialismus. Foto: rajatonvimma/VJ Group Random Doctors, CC BY 2.0/Wikimedia Commons