zurück zu Aktuelles

Extremistengruppen in Judäa und Samaria: Warum eine radikale Minderheit zur Gefahr wird

JERUSALEM, 27.10.2026 (NH) – Wenn israelische Extremisten palästinensische Häuser in Brand setzen oder Zivilisten angreifen, sorgen ihre Taten international für Schlagzeilen. Doch welche Ideologien treiben sie an? Und wie verbreitet sind solche Ansichten tatsächlich? Ein Blick auf radikale Minderheiten in Judäa und Samaria führt zu religiösen Schriften, politischen Strategien und einer kleinen Szene, die ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen versucht. Wie gefährlich diese Radikalisierung werden kann, zeigt der Brandanschlag auf die Familie Dawabsheh im Jahr 2015. Zugleich stoßen diese Ideologien in Israel auf entschiedenen Widerspruch. Führende Rabbiner und religiöse Persönlichkeiten verurteilen solche extremistischen Auslegungen scharf und weisen sie als unvereinbar mit den Grundwerten des Judentums zurück.

Mehr als eine halbe Million Einwohner – und eine kleine radikale Minderheit

In Judäa und Samaria leben mehr als 500.000 israelische Staatsbürger. Die Bevölkerung ist vielfältig. Sie umfasst Städte wie Ariel und Ma’ale Adumim, ultraorthodox geprägte Zentren wie Modi’in Illit und Beitar Illit sowie kleinere Gemeinden und landwirtschaftliche Dörfer. Die große Mehrheit der Einwohner führt ein gesetzestreues Leben. Sie arbeitet in der Wirtschaft, im Gesundheitswesen, in Bildungseinrichtungen oder in der Landwirtschaft. Viele leisten zudem ihren Wehrdienst in den israelischen Streitkräften.

Doch innerhalb dieser vielfältigen Gemeinschaft gibt es auch radikale Kreise. Zu ihnen gehört die sogenannte „Jugend der Hügel“, eine Szene, der vor allem Jugendliche und junge Erwachsene angehören. Einige ihrer Anhänger fallen durch extremistische Ansichten und Gewaltbereitschaft auf. Den besonders gewaltbereiten harten Kern schätzt man auf einige Hundert Personen. Um zu verstehen, was diese Szene antreibt, lohnt sich ein Blick auf ihre religiösen und politischen Bezugspunkte.

Wenn religiöse Schriften zur Rechtfertigung von Gewalt werden

Ein wichtiger Bezugspunkt für Teile der gewaltbereiten Gruppen ist das Buch „Thorat HaMelech“, dessen Titel etwa „Die Lehre des Königs“ bedeutet. Die Rabbiner Yitzchak Shapira und Yosef Elitzur veröffentlichten das Werk 2009. Es behandelt religiöse Vorschriften für Kriege und den Umgang mit Nichtjuden. Besonders umstritten sind Passagen, in denen die Autoren unter bestimmten Bedingungen Gewalt gegen Nichtjuden zu rechtfertigen versuchen. Kritiker warnen, dass solche Auslegungen sogar Angriffe auf Unbeteiligte und Kinder legitimieren könnten.

Ein weiterer ideologischer Bezugspunkt ist der ebenfalls 2009 von Yosef Elitzur veröffentlichte Artikel „Arvut Hadadit“, was ungefähr „gegenseitige Verantwortung“ bedeutet. Der Beitrag wird mit der Entwicklung der sogenannten „Price Tag“-Strategie in Verbindung gebracht. Unter diesem Namen wurden Vergeltungsaktionen bekannt, bei denen Extremisten Palästinenser, deren Eigentum und religiöse Einrichtungen sowie israelische Sicherheitskräfte angriffen. Mit solchen Aktionen wollten die Radikalen unter anderem staatliche Maßnahmen gegen illegale Außenposten und andere Aktivitäten in Siedlungen erschweren oder vergelten. Die religiöse Begründung kann dabei helfen, politische Ziele mit Gewalt zu verknüpfen und diese als legitim darzustellen. Solche Auslegungen stehen im Widerspruch zu den Grundsätzen eines demokratischen Rechtsstaates und dürfen keinesfalls mit dem Judentum insgesamt gleichgesetzt werden.

Duma 2015 – ein Anschlag mit tödlichen Folgen

Im Umfeld der sogenannten „Jugend der Hügel“ entstand ab Oktober 2013 die Gruppierung „HaMered“, deren Name „Die Revolte“ bedeutet. Die Gruppe soll die bestehende israelische Staatsordnung abgelehnt und eine theokratische Herrschaft unter einem König angestrebt haben. Zu ihren Vorstellungen gehörten außerdem der Wiederaufbau des Tempels sowie die Vertreibung oder Tötung nichtjüdischer Bevölkerungsgruppen. Den harten Kern schätzt man auf etwa 30 bis 40 Jugendliche und junge Erwachsene. Die Gruppierung soll in kleinen, weitgehend unabhängig handelnden Zellen organisiert gewesen sein. Zwischen Oktober 2013 und Juli 2015 werden ihr mindestens elf Brandanschläge auf palästinensische Häuser und religiöse Einrichtungen zugeschrieben.

Im Juli 2015 erreichte die Gewalt eine tödliche Eskalation. Im palästinensischen Dorf Duma setzten Täter das Haus der Familie Dawabsheh in Brand. Saad und Riham Dawabsheh sowie ihr 18 Monate alter Sohn Ali kamen ums Leben. Ihr damals vierjähriger Sohn Ahmad überlebte schwer verletzt. Der Anschlag löste in Israel und international Entsetzen aus.

Widerstand gegen Extremismus innerhalb Israels

Widerstand gegen solche Ideologien kommt aus dem Herzen der jüdischen Religionswelt. Führende und hoch angesehene Rabbiner Israels wandten sich entschieden gegen rassistische und gewaltlegitimierende Auslegungen religiöser Schriften. Zu ihnen zählen unter anderem Ovadia Yosef, Yosef Shalom Elyashiv, Yaakov Medan und Zalman Nechemia Goldberg. Ihre ablehnende Haltung macht deutlich, dass extremistische Interpretationen, die Gewalt gegen Nichtjuden rechtfertigen sollen, nicht für das Judentum stehen. Sie sind gefährliche Verzerrungen religiöser Lehren und dürfen nicht als Ausdruck jüdischer Religiosität missverstanden werden.

Auch zivilgesellschaftliche Organisationen wie „Tag Meir“ engagieren sich gegen Rassismus und Hassverbrechen. Sie setzen sich für den Schutz Betroffener und die konsequente Strafverfolgung von Tätern und Anstiftern ein.

Israel steht vor der Aufgabe, palästinensische Zivilisten vor Übergriffen zu schützen und Straftaten konsequent zu verfolgen. Die Verbrechen müssen klar benannt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden – ohne die Taten einer radikalen Minderheit der israelischen Gesellschaft insgesamt oder pauschal allen Siedlern zuzuschreiben.

Titelbild: Palästinenser und Aktivisten geraten während eines Protests gegen eine neue israelische Siedlung im Dorf Abu Falah nahe Ramallah mit israelischen Siedlern aneinander. Foto: STR

Weitere News aus dem Heiligen Land