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Schimon Peres: Vom ewigen Verlierer zum beliebtesten Politiker Israels

von Tommy Mueller

Mein letztes persönliches Treffen mit Schimon Peres hatte ich 2014 in der Arava-Wüste. Der israelische Staatspräsident hatte gerade eine Agrarmesse eröffnet. In der flirrenden Hitze, zwischen Sand und Steinen, wuchsen Paprika und Blumen, Erdbeeren und Tomaten. Peres war sichtlich stolz: „Was Sie hier sehen, ist die erfolgreichste Landwirtschaft der Erde“, erklärte er mir strahlend und spazierte über das Messegelände, unzählige Hände schüttelnd und gute Laune verbreitend.

Dass er einmal der am meisten geschätzte Politiker Israels werden könnte, hätten selbst enge Weggefährten noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten. Peres wurde 1923 als Sohn eines Holzhändlers in der polnischen Stadt Wiszniewo geboren, die heute zu Weissrussland gehört. 1934 wanderte die Familie nach Israel aus. Peres wurde persönlicher Berater von Staatsgründer David Ben-Gurion. Seine politische Karriere dauerte mehr als 60 Jahre, und es gab kaum ein Amt, dass er nicht inne hatte: Zweimal Ministerpräsident, dreimal Außenminister, Einwanderungsminister, Verkehrsminister, Verteidigungsminister und als Krönung von 2007 bis 2014 Staatspräsident.

Ein überzeugter Linksliberaler

Peres war ein überzeugter Linksliberaler. Mit dem heutigen konservativen Regierungschef Netanjahu verband ihn stets eine herzliche Abneigung. Aber er war nie die „Friedenstaube“, zu der ihn manche linke Israelis in seinen letzten Jahren verklärten. Im Wirklichkeit sorgte er dafür, dass Israels Armee mit modernsten Waffen ausgestattet wurde, war für harte Militärschläge gegen die Hisbollah-Milizen im Libanon verantwortlich und setze sich dafür ein, dass Israel einen Atomreaktor in Betrieb nehmen konnte. Als Peres nach seinem schweren Schlaganfall am 13. September in ein Krankenhaus bei Tel Aviv eingeliefert wurde, ärgerte sich der arabisch-israelische Parlamentsabgeordnete Basal Ghattas über die Genesungswünsche aus aller Welt und nannte Peres „einen blutbefleckten Tyrannen und Kriegsverbrecher“ sowie eine „Säule des zionistischen Kolonialisierungsprojekts“.

Peres galt als Meister der Geheimdiplomatie, als unsichtbarer Strippenzieher im Hintergrund. Er trieb den Friedensprozess von Oslo voran und schüttelte PLO-Chef Jassir Arafat in Washington die Hand. Dafür bekam er 1993 gemeinsam mit Arafat und Jitzhak Rabin den Friedensnobelpreis. Doch das Oslo-Abkommen brachte den Friedensprozess im Nahen Osten nicht voran, auch weil auf palästinensischer Seite ein seriöses Gegenüber fehlte. Peres wurde im eigenen Land mit hämischer Kritik überzogen, als „Träumer“ und „Verbrecher“ beschimpft. Tatsächlich hat er – bis zu seiner Wahl als Staatsoberhaupt – in Israel keine einzige Wahl gewonnen.

Präsident: die Rolle seines Lebens

Es spricht für den unbeugsamen Willen des letzten Vertreters der legendären Gründergeneration, dass er sich von Anfeindungen nie beeindrucken ließ. Das Präsidentenamt war dann die Rolle seines Lebens. Sein Vorgänger, Moshe Katzav, war wegen Vergewaltigung zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt worden. Peres, dem Urgestein der israelischen Politik, gelang es, das Vertrauen in das höchste Staatsamt wieder herzustellen. Er schaffte es, sein chronisch zerstrittenes Volk zu einen. Mit über 90 Jahren drehte er zusammen mit seiner Enkelin witzige YouTube-Videos, suchte den Kontakt zu allen Bevölkerungsgruppen und vertrat den jüdischen Staat bei seinen Auslandsreisen souverän. Aus dem ewigen Verlierer wurde der beliebteste Staatsmann des Landes – ganz ohne Skandale und ohne Korruptionsvorwürfe. Im Privatleben war Peres eher scheu. Seine Frau Sonja, mit der er 66 Jahre lang verheiratet war, starb 2011 im Alter von 87 Jahren, ohne je das Rampenlicht der Öffentlichkeit gesucht zu haben. Peres Tochter Zvia und seine Söhne Jonathan und Nehemia waren bei ihm, als er in der Nacht zum Dienstag einer Hirnblutung erlag.

Tommy Mueller ist Redaktionsleiter von Fokus Jerusalem.

Bild: Shimon Peres (links) mit seinem Nachfolger im Präsidentenamt, Reuven Rivlin. Foto: Flash90/ Mark Neymann, GPO

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