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Das jüdische Neujahr: Rosch HaSchanah 5779 nach Erschaffung der Welt

von Johannes Gerloff

JERUSALEM, 09.09.2018 – In Honig getauchte Apfelschnitze isst man zum jüdischen Neujahr, „Rosch HaSchanah“. Der „Kopf des Jahres“, wie der hebräische Ausdruck wörtlich zu übersetzen ist, soll süß sein. Deshalb gibt es auch Honigkuchen und Granatäpfel. So vielfältig wie die Kerne dieser herrlich roten Frucht soll der Segen im vor uns liegenden neuen Jahr sein.
Ein Zeichen für Vielfalt, Fruchtbarkeit und Gewimmel ist auch der Fisch, der bei der Festmahlzeit nicht fehlen darf und möglichst mit dem Kopf gegessen werden soll. Denn: „Der Herr macht dich zum Kopf, nicht zum Schwanz. Du wirst nur aufwärts gerichtet sein, und nicht abwärts.“ (5. Mose 28,13). Im Judentum darf man schmecken und sehen, anfassen und begreifen, was durch die biblischen Feste vermittelt werden soll.

Am Abend des 9. September 2018 beginnt mit einem Festessen der 1. Tag des Monats Tischrei des Jahres „Tav Schin Ajin Chet“, 5779. Das Judentum schreibt die Jahreszahlen in hebräischen Buchstaben und rechnet die Zeit ab Erschaffung der Welt. Ein Tag beginnt, wie in der biblischen Schöpfungsgeschichte vorgezeichnet, am Abend (zum Beispiel 1. Mose 1,5.8 und öfters). Am 1. Tischrei wurde nach jüdischer Tradition der Mensch erschaffen. So feiert Israel mit Rosch HaSchanah zwei Tage lang den Geburtstag der Menschheit.
Die Bibel erwähnt Rosch HaSchanah als „Jom Tru’ah“, als „Tag des Posaunenblasens“ (3. Mose 23,23-25). Das Blasen des „Schofar“, des Widderhorns, ist ein wichtiger Teil des Gemeindegebets in der Synagoge an Rosch HaSchanah. Der Schall des Schofarhorns erinnert an die Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn Isaak zu opfern. Chassidische Juden erklären ihn als wortlosen Schrei aus der Tiefe des Herzens: „Für unsere Sünden haben wir keine Ausflucht, keine eigene Rechtfertigung vor Gott.“
Der modern orthodoxe Rabbi Schlomo Riskin aus Efrat hört im Schall des Schofarhorns unseren an Gott gerichteten Protest über die Unvollkommenheit der Welt. Vor allem aber kündigt der Schall des Schofars in der Bibel das Gericht an, weshalb Rosch HaSchanah auch als „Jom HaDin“, „Tag des Gerichts“, gilt.
Die talmudische Tradition spricht von drei Büchern, die dem Allmächtigen am Neujahrstag vorgelegt werden. Darin ist die Lebensführung eines jeden Einzelnen verzeichnet. Das Buch der vollkommen Gerechten wird genau wie das der unverbesserlichen Frevler nur kurz geöffnet und sofort wieder geschlossen. In diesen Fällen bedarf das Urteil keiner Bedenkzeit: Leben für die Gerechten, Tod für die Frevler. Im dritten Buch aber liegt die große Masse der noch unentschiedenen Schicksale vor Gott. Dieses Buch wird erst am großen Versöhnungstag, dem „Jom Kippur“, geschlossen. Während der zehn Tage zwischen Rosch HaSchanah und Jom Kippur erflehen die Gläubigen das Erbarmen Gottes und bitten um Vergebung. Sie wollen in das Buch des Lebens eingeschrieben werden.
Das Flehen reicht aber nicht aus, solange es nur an den Ewigen gerichtet ist. Nach jüdischer Tradition vergibt Gott nur Sünden zwischen Gott und Mensch. Schuld zwischen Mensch und Mensch muss auch zwischenmenschlich wieder in Ordnung gebracht werden. Deshalb bitten die Frommen in diesen zehn Tagen der Buße ihre Mitmenschen um Vergebung und sprechen diese einander zu. So wird Rosch HaSchanah zum Beginn einer Zeit der Besinnung, der Umkehr und des Neuanfangs.

Der Granatapfel mit seinen vielen Kernen. / Johannes Gerloff

Der Granatapfel mit seinen vielen Kernen. / Johannes Gerloff

Am Nachmittag des ersten Neujahrstages versammeln sich Juden weltweit an Flüssen, Seen oder am Meer, um symbolisch ihre Sünden hineinzuwerfen. Man weiß, Gott vergibt Sünde. Er ist barmherzig und hält nicht ewig fest an seinem Zorn. „Er wird sich wenden, sich unser erbarmen, unsere Sünden überwältigen. Alle unsere Verfehlungen wird er in die Tiefen des Meeres werfen“ (Micha 7,19). Diese Zeremonie, bei der auch Texte wie etwa Psalm 103,8-13 rezitiert werden, heißt im Hebräischen „Taschlich“, das „Werfen“.
Rabbi Nachman von Bratzlav (1772-1810) wusste: Die Hauptfreude an Rosch HaSchanah ist eine Frucht der Buße. Ein Neuanfang ist möglich. Deshalb freuen sich die Chassiden auch im Angesicht des Gerichts. Sie wissen: „Wir werden von unserem Vater im Himmel geliebt. Er möchte uns zu sich ziehen“. Genau wie der Prophet Micha (7,20) vorausgesagt hatte: „Du gibst Jakob vertrauenswürdige Wahrheit, liebevolle Zuwendung dem Abraham, der du dich unseren Vätern seit Urzeiten mit einem Eid verpflichtet hast.“ Deshalb wünscht man sich zum Neujahrstag in Israel voller Hoffnung: „Schanah Tovah UMetukah“ – „Ein gutes und süßes Jahr!“ Und: „Chatimah Tovah“ – einen „guten Eintrag“ ins Buch des Lebens.

 

Titelbild: Ein Schofar wir an der Kotel geblasen. Quelle: Johannes Gerloff

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