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Helden ohne Umhang (28): Chen Asaraf-Sidelsky – Exklusivdesignerin mit nur einer Hand

von Nadine Haim Gani

JERUSALEM, 14.01.2022 – Chen Asaraf-Sidelsky ist Besitzerin eines Brautmodengeschäfts. Mit ihrer Geschäftspartnerin und langjährigen Freundin Geraldine lässt Chen den weißen Traum der Bräute wahr werden. Sie fädelt, klebt und schneidet: In ihren Händen wird ein Stück Stoff zu einem einzigartigen Kunstwerk. Oder besser gesagt, in ihrer Hand. Chen wurde mit nur einer Hand geboren. Doch das hat die junge, hübsche Frau nicht davon abgehalten, sich ihren Traum als Modeschöpferin zu erfüllen.

Eine besondere Modedesignerin

Chen wurde 1988 im Hadassa-Krankenhaus in Jerusalem geboren. Als ihr Vater den zauberhaften Säugling erblickte, wurde er ohnmächtig. Bis heute streitet er vehement ab, dass es aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes seiner kleinen Tochter war und versucht, seinen Kollaps mit dem Blut während der Geburt zu erklären. Doch Chens Mutter und seiner Tochter macht der Papa so schnell nichts vor. Das kleine Mädchen mit dem üppigen Haarwuchs wurde ohne linkes Handgelenk geboren und scheint der eigentliche Grund für den Schock des frisch gebackenen Vaters zu sein. 

Chen war ein ausgesprochen fröhliches kleines Mädchen und ein kleiner Sonnenschein für ihr Umfeld. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Chen Asaraf

Selbst die israelischen Ärzte in Hadassa waren bestürzt, als sie das kleine Bündel erblickten. Die Schwangerschaft der jungen Mutter war problemlos und schon fast langweilig verlaufen. Doch waren die Ultraschalltests zum damaligen Zeitpunkt noch nicht auf dem technologischen Stand des 21. Jahrhunderts. Die Finger und Zehen eines Ungeborenen Menschen wurden nicht wie in der heutigen Medizin üblich einzeln abgezählt. Im Laufe der Jahre spekulierte man immer wieder darüber, was die Entwicklung der Hand gestört hat. Erklärungen, die Nabelschnur habe die Handfläche abgeklemmt, kamen auf, doch Chen interessiert sich nicht wirklich für das „Warum“. Sie hat es auch mit einer Hand geschafft, sich den Traum eines Brautmoden-Geschäfts zu erfüllen.

In ihrem Studio beweist sie, dass die Leidenschaft und Liebe zur Mode und zum Design auch mit einer Hand umgesetzt werden kann und man kein Paar Hände braucht, um sich einen Traum zu erfüllen. Sie werkelt, bis das Kunstwerk in ihren Augen perfekt ist. Chens Modestudio befindet sich in Beit Shemesh, etwa 20 Kilometer westlich von Jerusalem. Zu ihren Kundinnen gehören auch bekannte israelische Sängerinnen wie Narkis und Nasrin Kedri. Heute ist die 33-Jährige nicht nur Topdesignerin, sondern auch Ehefrau und Mutter von drei kleinen Kindern. 

Kein Platz für Selbstmitleid

Chens Eltern erzogen ihr Töchterchen wie ein körperlich normal entwickeltes Kind. Selbstmitleid ließen sie bei ihrem Sonnenschein nicht aufkommen. Der Satz „Ich kann nicht“ wurde komplett aus dem Repertoire gestrichen und kam bei der kleinen Chen nicht vor. Das Mädchen wurde zur Unabhängigkeit erzogen und lernte früh alles selbst zu regeln, trotz oder gerade wegen ihrer Einschränkung. Sollte sie es nicht schaffen, würden die Eltern ihr unterstützend die Hand reichen. 

Behinderungen fangen bei der liebevollen Familie im Kopf an. Chen gibt dem bekannten hebräischen Sprichwort ein Gesicht „Ein Davar HaOmed bifnei HaRazon“ – „Es gibt nichts, was dem Willen im Weg steht.“ 

In einem Interview für das israelische Fernsehen erklärt Chens Vater, dass jede Person mit gewissen Behinderungen zu kämpfen habe. Bei manch einem seien sie gleich erkennbar, bei manch anderen mit dem bloßen Auge kaum zu sehen. Aber jeder Mensch kämpfe mit sich und gewissen Einschränkungen im Leben. Die eigentliche Frage sei, inwieweit Du dein Leben von diesem Handicap dominieren lässt.

Chen mit ihrer Freundin in Thailand. Auch das Paddeln mit nur einer Hand meistert die junge Mutter grandios. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Chen Asaraf

Bei Chen gibt es kaum etwas, was sich ihr in den Weg stellen kann. Sie erklärt, dass sie zwar keinen Führerschein für ein Auto mit manueller Gangschaltung absolvieren konnte, aber ohnehin entscheiden sich die meisten israelischen Jugendlichen heutzutage, den Automatik-Führerschein abzulegen. Im hügeligen Gebiet in und um Jerusalem erleichtert ein Automatikwagen die Fahrt ungemein.

Behinderung beginnt im Kopf 

Als sie acht Jahre alt war, nahm ihr Vater sie mit zum Klettern. Als Chen ihn um Hilfe bat, sagte er: ‚Willst du klettern? Dann klettere!‘, und das Mädchen tat es. Sie wusste jedoch, dass seine starken Arme sie auffangen würden, sollte sie abrutschen. Mit diesem Gedanken erreichte Chen im späteren Leben auch alles andere. Sie reiste nach Thailand, sprang Fallschirm und diente sogar in der israelischen Armee. Die zierliche Persönlichkeit erinnert mehr an einen flinken Ninjakämpfer als an eine begabte Schneiderin.

Doch trotz aller Unterstützung ihrer Familie und ihres Umfelds kommen im Teenageralter Fragen und Zweifel auf. Der Körper wird übermäßig kritisch be-und verurteilt. In einer auf Perfektion zielenden Gesellschaft haben es junge Menschen oft schwer. Chen beschloss in der fünften Klasse, sich eine Prothese anfertigen zu lassen. Das junge Mädchen wollte wie ihre gleichaltrigen Schulfreunde aussehen und suchte durch den Gliedersatz eine ästhetische Normalität. In ihrem Umfeld und Freundeskreis stieß sie jedoch mit ihrer Prothese auf Unverständnis. Für alle war Chen perfekt, genau so, wie sie war. Seit diesem Zeitpunkt griff das Mädchen nie wieder zu einem plastischen Handersatz und nahm sich so an, wie sie geschaffen wurde. Zwar ohne Hand, aber mit einer extra großen Portion Talent. Chen kann mit ihrer linken Hand viele alltäglichen Dinge erledigen. Sie schneidet, bastelt, klebt, putzt, kocht, badet ihre Kinder und füttert ihre Kätzchen.

Erste Liebe

Mit dem Erwachen des gegenseitigen Interesses zwischen Jungen und Mädchen im Teenageralter verliebte sich das Mädchen zum ersten Mal. Doch die 14-Jährige erwartete zunächst nicht, dass sich ein Junge für sie interessieren könnte. Das Power-Girl hatte mit ihrem Selbstwertgefühl zu kämpfen. Doch gegen alle Erwartungen verliebte sich einer der populärsten Jungen der Schule in die aufgeweckte Chen. Für den jungen Mann war seine einhändige Freundin perfekt. Er stärkte damit das Selbstvertrauen Chens und legte unwissend einen der wichtigsten Meilensteine in ihrem jungen Leben. Nach zehn Jahren ging diese Liebe zu Bruch. Doch bis heute profitiert Chen aus dem damals gewonnenen Vertrauen und dem Verständnis, nicht weniger vollkommen zu sein als andere Frauen.

Chen meldet sich freiwillig in der Armee

Als Chen von der israelischen Armee freigestellt wurde, war sie nicht bereit, diese Entscheidung zu akzeptieren. Sie wollte wie jeder andere israelische Teenager ihrem Land dienen und ihr Heimatland beschützen. Das israelische Militär ist für Israelis etwas wichtiges und besonderes. Teil einer Militäreinheit zu sein, stärkt den Charakter der israelischen Jugendlichen und formt sie für das kommende, komplexe Leben. Die israelische Armee war ein ständiger und dominanter Begleiter der jungen Familie. Mit einem Vater als Major im Reservedienst und anerkanntem Kriegsveteran und einer Mutter in der israelischen Berufsarmee sind Chen und ihre Schwestern praktisch mit dem Militär großgeworden.

Chen meldete sich freiwillig und diente in der Givati-Kampfeinheit als Büroleiterin des Bataillons-Kommandeurs und als Kompanie-Sekretärin der Brigade. Die Givati-Einheit ist eine bekannte Infanterie-Brigade. Die meisten Soldaten dürfen ihren Armeestützpunkt am Schabbat verlassen und zu ihren Familien heimkehren. Doch Chen meldete sich zu den Diensten am Wochenende freiwillig. Die junge Soldatin war die einzige Frau unter 86 Soldaten, die an der Grenze zum Gazastreifen stationiert war.

Der Modetraum erwacht 

Als Chen ihren Dienst im Militär nach zwei Jahren beendete, erwachte ihr Traum, Mode zu schöpfen. Die erste innige Verbindung zum Nähen hatte sich bei Chen im Alter von 15 Jahren entwickelt. Damals half ihre Großmutter dem Mädchen, festliche Abendkleider für sich und ihre ältere Schwester Tal selbst zu nähen. Grund war die Bat-Mizwa ihrer kleinen Schwester Shir. Im Alter von zwölf Jahren feiern jüdische Mädchen ihre Bat-Mizwa, Buben im Alter von 13 Jahren die Bar-Mizwa. Mit den zeremoniellen Festlichkeiten einer Bat- oder Bar-Mizwa feiern die Mädchen und Jungen ihre Aufnahme als vollwertiges Mitglied in die jüdische Gemeinde. Ins Deutsche übersetzt heißt „Bat-Mizwa“ die „Tochter der Pflicht“. Das bedeutet, dass für die jungen Menschen nun die gleichen Pflichten und Rechte wie für Erwachsenen gelten. Die Kinder müssen sich nun für ihre Fehler und Sünden vor Gott selbst verantworten.

Auch im Fitnessstudio ist die Designerin nicht aufzuhalten. Mit speziellen Schlaufen befestigt ihr Trainer die Gewichte an ihrem Arm. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Chen Asaraf

In der ersten Zeit studierte Chen Styling und Mode in der bekannten „Schenker“-Schule, einer israelische Hochschule für Ingenieurwesen und Design. Chen belegte auch Lehrgänge im „Studio-B6“, einer führende Schule für das Studium von Fashion- und Grafikdesign in Tel Aviv, und absolvierte verschiedene Lehrgänge bezüglich Modegeschichte und Marketing. Doch bald gab die junge Frau das Studium auf. Sie erhielt einen attraktiven Job bei dem bekannten israelischen Stylisten Eyal Azarzar. Bei ihm arbeitete Chen in den darauffolgenden Jahren und sammelte viel Erfahrung. Im Jahr 2013 gründete das Naturtalent ein kleines Geschäft für Alltagsbekleidung. Die modischen Stücke wurden von Chen entworfen und von Hand genäht.

Glückliche Familie

Chen lernte ihren Ehemann Ariel mit 24 Jahren kennen. Der junge Mann stieß auf den Facebook-Account von Chen und erkannte die junge Frau sofort. Damals war die Heimatstadt der beiden noch eine kleine Gemeinde. Beit Shemesh ähnelte einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kannte. Chen war mit dem Bruder ihres zukünftigen Gatten befreundet. Der junge Mann hatte einen schweren Unfall hinter sich, bei dem eine Mörsergranate in seiner Hand explodierte. Die Hand des 15-Jährigen musste amputiert werden. Zwischen Chen und ihrem zukünftigen Schwager herrschte ein besonderes gegenseitiges Verständnis. So schreckte auch Ariel von der fehlenden Hand seiner Geliebten nicht zurück. Er war mit der Materie vertraut. Wenn es nach ihm geht, existiert Chens Einschränkung nicht. Im Jahr 2014 heiratete das junge Paar und wurden später stolze Eltern von drei bezaubernden Kindern.

Ein bezauberndes Brautkleid: Das Kunstwerk wurde von Chen entworfen und angefertigt. Ihre Kreationen sind in ganz Israel beliebt. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Chen Asaraf 

Für Chen war ihre eigene Hochzeit nicht nur die Erfüllung eines persönlichen Traumes. Sie hatte ihre Bestimmung gefunden. Nachdem die Designerin ihr eigenes Hochzeitskleid entworfen und genäht hatte, war es offensichtlich, dass ihr wahrer Wunsch war, Brautmoden zu kreieren. Der Designprozess der weißen Robe, die Liebe für den Stoff und das Detail und zuletzt die Herstellung des Kleides in liebevoller Handarbeit erfüllten die Modeschöpferin. Der glückliche Blick einer Braut ist für Chen eine Segnung.

Das Brautmoden-Studio wird gegründet

Im Jahr 1989 wanderte die vierjährige Geraldine mit ihrer Familie aus Argentinien in Israel ein. Geraldine traf damals auf Ariel, Chens Ehemann, und dessen Familie, die ebenfalls aus Buenos Aires ins Heilige Land einwanderten. Die beiden Familien freundeten sich an und Geraldine und Ariel wurden zu guten Kindheitsfreunden. Die beiden argentinischen Familien zogen nach einer Weile nach Beit Shemesh. Geraldine freundete sich mit Tal, Chens älterer Schwester, an. Chen und Geraldine nahmen bald gemeinsame Nähstunden und waren ab diesem Zeitpunkt unzertrennlich. Die Liebe zur Mode und Fashion schweißte die beiden eng zusammen. Vor drei Jahren öffneten sie ein gemeinsames Modestudio und wurden offiziell zu Geschäftspartnerinnen. Das Studio ist inzwischen im ganzen Land bekannt. Die wunderschönen Kleider der jungen Künstlerinnen mit ihren liebevollen Details sind kleine Kunstwerke und die Nachfrage ist groß. Bräute, bekannte israelische Sängerinnen und Models stehen bei den begabten Designerinnen Schlange.

Chen mit Geraldine im Salon der beiden Designerinnen.
Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Chen Asaraf

Chen hat es geschafft, sich ihren Traum trotz Beeinträchtigung zu erfüllen. Die junge Frau nimmt sich so an, wie sie ist, und kann den Rummel um ihre Persönlichkeit nicht verstehen. Auf die Frage eines Reporters des israelischen Fernsehens „Wann hast Du realisiert, dass Du anders bist?“, antwortete sie nur kurz „Das habe ich bis heute nicht.“

Für uns ist Chen eine Heldin, die trotz körperlicher Einschränkung ihre Ziele und Träume erreicht hat. Sie ist ein Vorbild, wie unter schwierigen Umständen jede Situation erfolgreich gemeistert werden kann. Chen ist unsere Heldin, statt Umhang trägt sie Fingerhüte.

Titelbild oben: Chen Asaraf (rechts) mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Geraldine. Die Abendkleider der beiden sind natürlich selbst entworfen und genäht. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Chen Asaraf

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