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Der Anschlag im Café „Moment“ – Die Tragödie der Heiligen Stadt

JERUSALEM, 09.03.2022 (NH) – Am 9. März 2002 fahren zwei Männer mit ihrem Auto durch den Jerusalemer Stadtteil Rehavia. Der Fahrer lässt seinen Begleiter, Fouad H., an der Ecke der bekannten Gaza-Hauptstraße zur Ben-Maimon-Strasse aussteigen. Langsam läuft der 22-jährige Lehramts-Student in Richtung der Residenz des israelischen Ministerpräsidenten. Etwa 100 Meter bevor er die Residenz erreicht, hält er an. Er steht vor einem der beliebtesten Cafés der Hauptstadt: das „Café Moment“. An diesem Abend gab der israelische inländische Geheimdienst die Warnung heraus, dass Zellenmitglieder der Hamas einen Terroranschlag im Zentrum Jerusalems planen. Die meisten Lokale und Erholungszentren öffneten ihre Türen an diesem Schabbat-Ende nicht. Doch Yoram Cohen, der Besitzer des beliebten, gemütlichen Cafés, hat beschlossen, dem Terror zu trotzen.

Tödliche Entscheidung

Der Beifahrer betritt das gut besuchte Café. Einige Sekunden später zündet er einen mächtigen Sprengsatz, der unter seiner Kleidung versteckt war. Elf israelische Zivilisten reißt der Selbstmordattentäter in den Tod, 54 weitere werden schwer verletzt. Die Wucht der Explosion zerstört die Lokalität vollständig. Unter den Schwerverletzten ist auch Besitzer Yoram. Der Tag sollte sein Schicksal dramatisch verändern.

Israelische Sicherheitskräfte verhafteten zwei Wochen später die Terroristen, die den Anschlag geplant hatten. Die Hamas-Anhänger waren israelische Araber aus Ostjerusalem, also Israelis mit blauen Personalausweisen. Sie gehörten der sogenannten „Silwan-Zelle“ an, die verantwortlich für weitere blutige Attentate in der Hauptstadt war. Ihre Selbstmordanschläge forderten 35 Tote und 200 Verletzte. Ihre Aufträge bekamen die Terroristen direkt aus dem Hamas-Hauptquartier in Ramallah.

Blutige Terrorwelle

Der März 2002 war der blutigste Monat mit der höchsten Todesrate israelischer Zivilisten während der zweiten Intifada. 111 Zivilisten und israelische Soldaten wurden bei über einem Dutzend grausamer Terroranschläge getötet. Der Monat erreichte seinen Höhepunkt mit dem Pessach-Massaker im Parkhotel in der Küstenstadt Netanya. Einem Selbstmordattentäter, der als Frau verkleidet war, gelang es, einen mit Sprengstoff gefüllten Koffer durch die Sicherheitskontrolle zu schmuggeln und sich dann im Speisesaal des Hotels in die Luft zu sprengen. Die anwesenden Besucher, unter ihnen auch Holocaust-Überlebende, waren zu den Feierlichkeiten des Seder-Abends zusammen gekommen. 30 Menschen starben bei diesem Attentat.

Im Oktober 2011 wurden alle Terroristen und Mörder der Silwan-Zelle bei dem bekannten „Schalit-Deal“ auf freien Fuß gesetzt. Viele von ihnen entkamen bei dem Gefangenenaustausch so lebenslänglichen Gefängnisstrafen.

Vom Porsche unter die Brücke

Yoram Cohen galt damals als einer der reichsten Jerusalemer Geschäftsmänner. Er trug den Spitznamen „Prinz von Jerusalem“. Die Entscheidung gegen die Anweisung des inländischen Geheimdienstes, die Türen seines Cafés an diesem Abend zu öffnen, war verhängnisvoll. Zwar versuchte er schon vier Monate nach dem Anschlag mit dem Geld seiner Versicherung die Türen des Cafés wieder zu öffnen, doch hatte der „Prinz“ die Rechnung ohne die hinterbliebenen Angehörigen  gemacht. Monatelang demonstrierten sie vor den Türen seiner Lokalität. In ihren Augen haben nicht die Terroristen ihre Kinder getötet, sondern Yoram. Das Café wurde geschlossen.

Gerichtliche Begnadigung – aber nicht durch die Hinterbliebenen

Cohens Schulden wuchsen. Seine Konten wurden beschlagnahmt, sein Eigentum zwangsversteigert. Yoram wurde depressiv und seelisch krank. Es wurde eine schwere posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Seine Ärzte rieten ihm, sich in einer offenen Abteilung im Krankenhaus behandeln zu lassen, doch der ehemalige Cafébesitzer weigerte sich. Er brach finanziell zusammen. Yoram stahl Brot in kleinen Supermärkten und schlief in Tel Aviv unter Brücken: vom „Prinzen Jerusalems“ zum Obdachlosen.

Cohen stellte während seines Insolvenzverfahrens einen Antrag auf Schuldenerlass. In einem außerordentlichen Urteil erhielt Cohen 2009 zwar die Begnadigung des Gerichtshofes, aber immer noch nicht den Freispruch der Eltern der elf Getöteten.

Heute, 20 Jahre nach dem grausamen Anschlag, hat sich Yorams seelischer und psychischer Zustand verbessert. Er arbeitet in verschiedenen Gelegenheitsjobs und hält sich so über Wasser.

20 Jahre später

Nach der kläglich gescheiterten Neueröffnung des Cafés ging das „Moment“ an neue Besitzer über. Auch in dessen Händen und unter dem neuen Namen „Café Paris“ ließen Besucher auf sich warten. Zwei Jahrzehnte nach dem mörderischen Anschlag auf das legendäre Café wurde neben der Residenz des Premierministers das Gebäude einem neuen Zweck zugeführt – diesmal mit drei neuen Etagen mit Luxuswohnungen. Es wird geschätzt, dass die Monatsmiete jeder dieser Wohnungen einen Betrag von bis zu 30.000 Schekel, umgerechnet 8.300 Euro, erreicht.

Vielleicht ist der Erbau neuer luxuriöser Wohnungen die Art Jerusalems, ihre Traumata zu verarbeiten und die traurigen Erinnerungen zu bewältigen. Am Bau wurde eine kleine Gedenktafel  angebracht. Eine kleine, dezente und würdevolle Geste zum Gedenken an die Opfer. Erinnerungen an die Vergangenheit und den Existenzkampf der Heiligen Stadt

Titelbild: Vor den Überresten des „Café Moment“ wurden nach dem Anschlag Gedenkkerzen angezündet. Foto: Orrling/Wikipedia

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