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Helden ohne Umhang (45) – Ciumars Malkan: „Geschäftsmann, Witwer und liebevoller Vollzeit-Papa“

von Nadine Haim Gani

JERUSALEM, 24.06.2022 – Ciumars Malkan und seine Eltern haben sich ihren zionistischen Traum erfüllt: Sie wanderten aus dem Iran in Israel ein. Er gründete ein kleines Geschäft und erfüllte sich kurz darauf auch den Traum einer eigenen Familie. Doch die zweite Intifada (Palästinenseraufstand) leitete eine grausame Familientragödie ein. Eine Geschichte über Vergeben, Liebe und verspätete Träume.

Ciumars Malkan wurde am 2. Mai 1966 als fünftes Kind seiner Eltern in der iranischen Hauptstadt Teheran geboren. Mutter und Vater kamen beide aus der prächtigen Provinz Isfahan. Im zarten Alter von fünf Jahren wanderte er mit seiner Familie und seinen vier Geschwistern im Jahr 1972 in Israel ein. Er erinnert sich noch an die glänzende Zeit im damaligen Persien. Bis heute sehnen sich viele Iraner nach der Zeit der damaligen Monarchie unter dem Regime des Schahs zurück. Die Auflehnung gegen den Schah, seinen Sturz, seine Flucht und die damit verbundene islamische Revolution im Jahr 1979 verfolgten die Malkans aus Israel. Die Familie beobachtete die Entstehung der islamischen Republik und die Machtübernahme der Mullahs mit Schrecken und war froh, den Iran rechtzeitig verlassen zu haben.

Die Familie hatte sich damals zunächst im Jerusalemer Stadtteil Katamon niedergelassen. Es war der zionistische Traum des Vaters, in Jerusalem, der Heiligen Stadt, Wurzeln zu schlagen. Dort wurden drei weitere Geschwisterchen geboren. Die kinderreiche Familie zog bald in den nördlichen Stadtteil Sanhedria. Nach einiger Zeit gründeten die Malkans eine breit gefächerte Kette von verschiedenen Geschäften in der Innenstadt. Die Großfamilie besaß bald mehr als 20 Läden im Stadtzentrum. Von Bekleidung über Schuhe bis hin zu Teppichen – bei der iranischen Familie konnte alles erworben werden, was das Herz begehrt. So entwickelten sich die Malkans von einer bekannten Kaufmannsfamilie zu einem Imperium in der israelischen Hauptstadt.

Die zweite Intifada

Als einer der kleinsten Sprosse der Familie gründete auch Ciumars bald seinen eigenen Laden. Der junge Mann spezialisierte sich auf Bekleidung. Nach einigen Jahren lernte er seine große Liebe Miri kennen – natürlich in seinem Geschäft. Die junge, hübsche Frau war damals bei Ciumars‘ Buchhalter angestellt. Das Paar heiratete im Jahr 1994 und gemeinsam leiteten sie eine beliebte Boutique an der bekannten Jaffastraße im Zentrum von Jerusalem. Wenig später wurde die Ehe mit drei entzückende Mädchen gesegnet: Shani und die Zwillingsmädchen Shir und Shelly. Miri war eine liebende und sehr fürsorgliche Mutter. Das Leben Ciumars und seiner Familie schien perfekt. Das Geschäft lief gut und der jungen Familie fehlte es an nichts.

Doch dann brach die zweite Intifada aus. Mit ihr wurde das Jerusalemer Stadtzentrum zum Schlachtfeld. Die Händler der Jerusalemer Innenstadt waren bereits von der ersten Intifada gebrandmarkt. Doch statt brutalen Straßenkämpfen und blutigen Protesten spezialisierten sich die Palästinenser dieses Mal auf Terroranschläge. Eine nie da gewesene Welle von Selbstmordattentätern überflutete das Land und versetzte die Bürger in Angst und Schrecken.

Ein Blick auf die Jaffa- und King-George-Straße im Herzen Jerusalems. Das Foto wurde am 22. Februar 2000 aufgenommen. Zum damaligen Zeitpunkt existierte die Jerusalemer Straßenbahn noch nicht. Im August 2001 wurde die Pizzeria Ziel eines der schlimmsten Attentate, die Jerusalem erschütterten. 15 Menschen wurden getötet, weitere 140 verletzt. Foto: Flash90

Während der zweiten Intifada in den Jahren 2000 bis 2005 verloren mehr als 1.000 Israelis ihr Leben. Über 70 Prozent der Opfer waren Zivilisten. Dabei erreichte der palästinensische Terror in den ersten beiden Jahren seinen Höhepunkt. Im Jahr 2002 wurden 60 Selbstmordanschläge registriert, im Jahr darauf 26 Attentate.

Zeugen des schrecklichen Angriffs

Einer der schrecklichsten Angriffe, der sich tief in das Gedächtnis der Bürger Jerusalems brennen sollte, war der Selbstmordanschlag in der beliebten „Sbarro“- Pizzeria im Herzen der Stadt.

9. August 2001: Die israelischen Sommerferien hatten bereits einige Wochen zuvor begonnen. Die Sbarro-Pizzeria befand sich auf der bekannten Kreuzung an der Ecke zwischen der Jaffastraße und der King-George-Straße. Das amerikanisch-italienische Restaurant galt als eine der besten Pizzerien der Hauptstadt. Kurz vor 14 Uhr, zu einer gut besuchten Stoßzeit, betrat ein Kunde, mit weißem T-Shirt bekleidet und einer Gitarre über der Schulter, das Restaurant. Er nahm sich eine Speisekarte zur Hand und fragt die Bedienung, wie lange es wohl dauern würde, bis das gewünschte Spaghetti-Gericht fertig sei. Während der Kellner die Bestellung notierte, glitt die Hand des Kunden in seine Tasche. Auf Knopfdruck detonierte die mächtige Bombe im Bauch der Gitarre.
15 Israelis wurden in den Tod gerissen, darunter acht Kinder. Weitere 140 wurden schwer verletzt.

Ciumars steht zu dem damaligen Zeitpunkt vor seinem Geschäft. Die Straße pulsiert. Die Sommermonate sind der Touristenhöhepunkt im Heiligen Land. Miri befindet sich etwa 20 Meter die Straße hinunter. Plötzlich zerreißt eine laute Detonation die ausgelassene Stimmung des heißen Hochsommertages. Ein riesiger Feuerballon sticht aus den Fenstern der Pizzeria. Dutzende Körper werden aus dem Restaurant auf die Jaffastraße geschleudert. Ciumars und Miri verfolgen mit Entsetzen den Regen von Körperteilen auf der Hauptstraße. Ciumars gewinnt nach einigen Sekunden seine Fassung zurück und stürmt Richtung Pizzeria. Er ist einer der ersten Retter, die am Tatort ankommen – weit bevor israelische Sicherheitskräfte das Inferno erreichen.

Belebte Hauptstraße wird zum Schlachtfeld

Ciumars kann den grausamen Anblick bis heute kaum in Worte fassen. Ein Horrorszenario lag vor den Augen des Familienvaters. Zwischen lebendigen Fackeln, zerfetzten Körpern und zur Unkenntlichkeit verbrannten Menschen versucht Ciumars nicht die Besinnung zu verlieren und sucht nach Überlebenden. Der Geruch von Blut und Feuer, den Ciumars später mit dem eines Schlachthofes vergleicht, bringt ihn fast um den Verstand.

Ciumars auf der Jerusalemer Hauptstraße, die bekannte Rehov Jaffo, nicht weit von der ehemaligen Sbarro-Pizzeria entfernt. Der Anschlag sollte das Leben der Familie für immer verändern. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Ciumars Malkan

Ciumars entdeckte eine Frau, die offenbar noch alle Gliedmaßen besaß. Sie stand unter unglaublichem Schock und sah sich hilfesuchend um. Ciumars eilte zu ihr und schaffte es, sie auf die Straße hinaus zu schleifen. Nachdem er sie in Sicherheit wusste, wollte er ein weiteres Mal in das Inferno zurückkehren. Langsam wankte ein älterer Mann auf ihn zu. Sein Gang glich dem eines Betrunkenen. Auf der Straße bricht der Senior zusammen. Zwei Soldaten versuchen, das Opfer wiederzubeleben, doch als sie die Hände auf seine Brust legten, um mit lebensrettenden Maßnahmen zu beginnen, sprudelt das Blut aus seinem Brustkorb.

In der Zwischenzeit erreichten die israelischen Sicherheitskräfte und Rettungsdienste den chaotischen Tatort. Ciumars versuchte, zurück in die Pizzeria zu gehen, um den Rettungskräften zur Hand zu gehen, doch die schrecklichen Bilder, die sich vor seinen Augen abspielen, hinderten ihn daran. Der tapfere Helfer verspürte tiefe innere Angst. Ciumars erzählte später in einem Interview, dass es Dinge gibt, bei denen das menschliche Gehirn das Verstehen verweigert.

Selbstmord als letzter Ausweg

Zu diesem Zeitpunkt verstand der Retter noch nicht, dass er und seine Ehefrau Miri selbst tiefe Verletzungen davontrugen. Dabei handelte es sich nicht um körperliche Wunden, sondern um tiefe seelische Narben. Miri wurde emotional zutiefst erschüttert. Die Erinnerungen an den Anschlag in der Pizzeria drohten die junge Mutter zu zerbrechen. Miri suchte nach professioneller Hilfe. Sie begab sich freiwillig in psychologische Behandlung und bekam medikamentöse Unterstützung, jedoch ohne Erfolg. Die Angst hatte Besitz vom Geist, Leib und Seele der jungen Frau ergriffen.

Drei Jahre nach dem Sbarro-Attentat, am 7. Juli 2004, stieg Miri in den siebten Stock des Jerusalem-Towers, genannt „Binian Clal“, und sprang. Die Ängste und Traumata der damaligen Selbstmordanschläge waren für die 30-Jährige nicht mehr zu ertragen und sie wählte als letzten Ausweg den Freitod. Die Mutter von drei kleinen Töchtern hinterließ ihrem Ehemann einen Brief. Sie erklärte ihm, dass sie nicht mehr in der Lage war, das Erlebte zu bewältigen. Miri wurde zum Terroropfer, das in keiner Statistik einen Platz findet. Ciumars erklärte, dass palästinensischer Terror einer Atombombe gleicht: es gibt Opfer, die an Ort und Stelle sterben, und es gibt Personen, die einen langsamen und grausamen Tod erleiden.

Die Israelis tragen tiefe Narben aus der Zeit der zweiten Intifada. Wenn sich das Zentrum der Heimatstadt zum Schlachtfeld entwickelt und man nie weiß, ob man am Ende des Tages zurück zu seiner Familie kehrt, verändert das einen Menschen. Ein Selbstmordanschlag in der Buslinie 6, ein weiteres Attentat in Bus Nr. 14, ein Selbstmordattentäter im belebten Jerusalemer Shuk, dem beliebten Obst- und Gemüsemarkt der Hauptstadt, ein Schuss in den Kinderwagen – die Seele vieler Israelis überlebte die grausame Zeit nicht.

Ciumars war nun alleine für seine drei Töchter verantwortlich. Seine älteste Prinzessin, wie er sie liebevoll nannte, war zu dem damaligen Zeitpunkt acht Jahre alt. Die beiden Zwillingsmädchen feierten gerade ihren sechsten Geburtstag.

Drei kleine Prinzessinnen

Ciumars erzählt, dass viele posttraumatisch belastete Ladenbesitzer psychologische Hilfe und medikamentöse Behandlungen aufsuchten. Einige wiesen sich selbst in psychiatrische Einrichtungen ein und kämpften gegen das Erlebte an. Wieder andere gaben den Kampf auf. Miri ist eine davon. Ciumars versand die Tat, er machte seiner geliebten Ehefrau keine Vorwürfe. Der tapfere Vater verschwendete seine kostbare Zeit nicht mit Wut und Frustration. Er fand die innere Stärke, ihr zu vergeben. Ciumars versuchte, für seine Töchter stark zu sein und positiv die Zukunft zu sehen. Der Alltag wurde täglich neu geplant und der junge Witwer hatte zwischen Geschäft und Haushalt immer ein offenes Ohr für seine drei Mädchen. Dank seiner finanziellen Möglichkeiten und der endlosen Unterstützung seiner Großfamilie, die aus einer herzlichen Oma und sieben Geschwistern bestand, kämpfte sich der Vater mit seinen Töchtern zurück ins Leben. So wurde die vierköpfige Familie zu einem liebenden, erfolgreichem Team.

Ciumars segnet seine Tochter Shir am Tag ihrer Hochzeit im vergangenen März. Seine Töchter symbolisieren seinen persönlichen Sieg über den Terror. Foto: Eliran Look – Mit freundlicher Erlaubnis von Ciumars Malkan

Ciumars und seine Töchter zahlten den höchsten Preis an ihr geliebtes Land. Seinen Trost schöpft er aus seinen drei Prinzessinnen. In den vergangenen 17 Jahren kümmerte er sich liebevoll um seine Mädchen. Seinen Sieg sieht er darin, dass er seine Töchter zu unabhängigen, starken jungen Frauen erzogen hat. Alle drei dienten in der israelischen Armee und studieren heute in der Bar Ilan Universität in Ramat Gan und am akademischen Hadassa-College in Jerusalem. Die drei jungen Frauen werden bald selbst Familien in Israel gründen. Dem Terror zum Trotz. Denn nichts kann den Tod mehr bezwingen als das Leben. In Ciumars Augen hat er so sein Ziel erreicht.

Vor fast 12 Jahren zog Ciumars mit seinem Laden um. Er zog an die Kreuzung, an welcher er damals Leben rettete, aber das seiner Frau verlor. Sein Laden steht gegenüber der ehemaligen Sbarro Pizzeria, in welcher sich heute eine gut besuchte „Neeman-Bäckerei“ befindet. Die Erinnerungen werden ihn immer begleiten, aber der stolze Vater wählte das Leben. Entwurzeln konnten und werden ihn die Ereignisse aus der Heiligen Stadt nicht.

Master Chef – ein kleiner Traum

Aktuell erfüllte sich der inzwischen 55-Jährige einen kleinen, verspäteten Traum. Der tapfere Vater begeistert das israelische Publikum in der 10. Staffel der berühmten Kochsendung „Master Chef“ auf dem israelischen Fernsehkanal Keshet 12. In der Realityshow, die bereits seit 2010 mit hohen Einschaltquoten das ganze Land beschäftigt, versuchen israelische Hobby- und Amateurköche mit ihren Köstlichkeiten die fünfköpfige Jury zu verzaubern. In einer riesigen Küche mit mehreren Kochstationen wird den Köchen in jeder Sendung eine neue Herausforderung gestellt. Ein einladender Kühlbereich und eine Speisekammer, die der Traum einer jeden Hausfrau darstellt, stehen den Amateurköchen zur Verfügung. Am Ende jeder Episode entscheidet die Jury, welches Gericht nicht den vorausgesetzten Standards entspricht und der jeweilige Teilnehmer scheidet aus.

Das Kochen lernte der 55-Jährige nach eigenen Angaben von seiner Mutter und seiner Schwester. Jetzt träumt der Witwer, als neuer Superkoch Israels die Realityshow zu gewinnen. Ciumars erzählt von sich selbst, dass er im Kochen den Ausgleich zu einem anstrengenden Arbeitstag findet. Die Küche sei seine Selbst-Therapie. Und nicht zuletzt vereint ein schmackhaftes Abendessen alle Familienangehörige an einem Tisch.

Mit seiner köstlichen Maklube verzaubert der Hobbykoch die Juroren. Das Gericht besteht aus Reis, Kichererbsen, Gemüse, Kebab, Hühnerschenkel, Hackfleisch und selbst gebackenem Brot. Foto: Bildschirmfoto Master Chef – Mit freundlicher Erlaubnis von Keshet 12

Gleich zu Beginn verzauberte der Iraner die Juroren mit einem Gericht aus der arabischen Küche genannt „Maklube“. Der Hobbykoch erzählt von sich selbst, dass er die traditionelle Küche, wie sie damals seine Großmutter servierte, von Herzen schätzt. Die Einfachheit der damaligen Gerichte, gewürzt mit einer Extraportion Liebe, sei das, was das Herz jeder Person höherschlagen lässt. Den verschiedenen traditionellen Gerichten aus der iranischen-persischen Küche tritt Ciumars zwar mit dem nötigen Respekt entgegen, doch verpasst er ihnen gerne seinen eignen Touch. So werden seine Mahlzeiten zu besonderen Köstlichkeiten. Die Master Chef-Juroren sind von Ciumars persischen Gerichten restlos begeistert. Unter den vor Stolz glänzenden Augen seiner drei Töchter durchläuft Ciumars sein erstes Casting mit Bravour. Am Ende der Episode stößt er mit den Juroren an.

Seine Töchter überreichen ihrem Vater gerührt die Master Chef-Kochschürze, symbolisch für Ciumars Start in der beliebten Realityshow. Foto: Bildschirmfoto Master Chef – Mit freundlicher Erlaubnis von Keshet 12

„Lechaim“ – „Auf das Leben“

Aus der Trauer heraus schaffte der junge Witwer das Unmögliche: Er fand die Stärke, seiner Ehefrau zu vergeben und opferte sich für seine drei kleinen Töchter. Den komplizierten und ermüdenden Spagat zwischen Familienleben und Geschäftsmann leistete der trauernde Vater mit viel Liebe und Geduld. Er wurde für seine Töchter zum Fels in der Brandung. Für uns ist Ciumars ein Held. Statt Umhang trägt er Kochschürze.

Titelbild: Ciumars Malkan mit seinen drei bezaubernden Töchtern Shir, Shelly und Shani. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Ciumars Malkan

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