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Sicherheitskabinett beschließt vollständige Übernahme des Gazastreifens – trotz Furcht vor einem „schwarzen Loch“

JERUSALEM, 08.08.2025 (BF) – Nach einer Marathon-Sitzung über Nacht hat das israelische Sicherheitskabinett dem Plan von Premierminister Benjamin Netanjahu zugestimmt, den Gazastreifen vollständig zu übernehmen. Der Schritt erfolgt trotz massiver Bedenken des Generalstabschefs Eyal Zamir, der in den Entscheidungsgremien vor den Risiken warnte, insbesondere für die Geiseln und die Einsatzfähigkeit der Armee.

Zerrissene Beratungen im Kabinett

Die Sitzung offenbarte tiefe Risse zwischen Netanjahu und Armeechef Zamir. Letzterer befürwortete eine Einkreisung Gazas: gezielte, begrenzte Operationen gegen Hamas-Stützpunkte und den Versuch, Geiseln über Verhandlungen lebend zurückzuführen. Viele Minister, darunter Verteidigungsminister Israel Katz, sprachen sich stattdessen für eine vollständige Besetzung aus. Sie argumentierten, dass nur ein klarer militärischer Sieg die Freilassung der Geiseln erzwingen und Hamas dauerhaft entwaffnen könne.

Die Kabinettsmehrheit verabschiedete Netanjahus Strategie. Zunächst ist die Übernahme der Stadt Gaza geplant, gefolgt von einer Kessellage, falls sich die Hamas nicht bis zum symbolisch gesetzten 7. Oktober ergibt. Mit fünf Kriegsprinzipien kommt der Plan aufs Papier: Entwaffnung der Hamas, sichere Rückführung der Geiseln, Demilitarisierung des Gazastreifens, vollständige Sicherheitskontrolle durch Israel und Errichtung einer zivilen Verwaltung ohne Hamas oder die Palästinensische Autonomiebehörde.

Militär kritisiert: „Geheimnis, aber potenziell ein schwarzes Loch“

Zamir warnte, ein Vorstoß in dicht besiedelte Gebiete bringe zwangsläufig eine lange und verlustreiche Guerilla-Auseinandersetzung mit sich, die Israels Reservisten stark belasten werde. Noch dramatischer: In innerstädtischen Zonen drohe die Gefahr, Geiseln nicht mehr schützen zu können.

Mit Blick auf die noch über 20 lebenden Geiseln in Gefangenschaft warnte Zamir, dass eine Besetzung des Streifens Israel in ein schwarzes Loch ziehen würde. Auch praktisch gesehen sei die Umsetzung problematisch. Die Armee kontrolliert bereits rund 75 Prozent des Küstenstreifens. Die vollständige Übernahme könnte Monate oder Jahre dauern. Eine Quelle erklärte: „Wir sind nicht in der Verfassung, Millionen von Menschen zu regieren.“

Intern und international wächst der Druck

Zamir betonte, dass offene Debatten Teil der israelischen Verteidigungskultur seien. Er sehe seine Rolle darin, auch kritische Einschätzungen gegenüber politischen Entscheidungen klar zu äußern. Er versicherte zugleich, dass er jeden Kabinettsbeschluss umsetzen werde, auch wenn er ihn kritisch bewerte.

Hinter den Kulissen sitzt die Kritik jedoch tief. Über 600 ehemalige Sicherheits- und Geheimdienstchefs, darunter Ex-Mossad-Chef Tamir Pardo, verurteilten den Plan als gefährliches politisches Manöver. Oppositionsführer Yair Lapid nannte die Entscheidung eine Katastrophe, die Israelis und Soldaten zusätzlich gefährde und die Krise nur verlängere.

Mit oder ohne ihn: Netanjahus Kalkül bleibt riskant

Netanjahu betont, Israel wolle Gaza nicht dauerhaft regieren, sondern strategisch kontrollieren und anschließend an eine arabische Verwaltung übergeben. Für ihn ist die vollständige Übernahme der entscheidende Schritt, um Hamas zu brechen und die Geiseln freizubekommen.

Kritiker im In- und Ausland sehen darin vordergründig einen politischen Schachzug, um seine rechte Koalition zu stabilisieren. Beobachter weisen darauf hin, dass ein Teil seiner Regierung auf eine radikale Strategie drängt, um die eigene Wählerschaft zu mobilisieren.

Fest steht: Israel steuert auf eine neue Phase des Krieges zu. Die Risiken sind enorm, die Zivilgebiete sind bereits stark zerstört, die Truppen sind erschöpft und die Geiseln in höchster Gefahr. Der Preis für diesen symbolischen Schlag könnte hoch sein, in sicherheitspolitischer Hinsicht, im innenpolitischen Klima und in der moralischen Wahrnehmung Israels im Ausland.

Titelbild: Ein israelischer Panzer im nördlichen Gazastreifen. Foto: IDF

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