
Toronto Filmfestival lehnt Dokumentarfilm zum 7. Oktober ab: Es geht um „Rechte der Hamas“
JERUSALEM, 14.08.2025 (BF) – Das Toronto International Film Festival (TIFF) hat kurzfristig den Dokumentarfilm The Road Between Us: The Ultimate Rescue aus dem Programm genommen. Der Film von Barry Avrich erzählt die Geschichte des pensionierten israelischen Generalmajors Noam Tibon, der am 7. Oktober 2023 in Kfar Aza Menschen vor dem Hamas-Massaker rettete – darunter auch seinen Sohn, den Journalisten Amir Tibon.
Offiziell begründet TIFF die Absage mit fehlenden rechtlichen Freigaben für das verwendete Material. Gemeint sind Aufnahmen, die Hamas-Terroristen während des Massakers selbst gefilmt haben. Damit stellt das Festival faktisch infrage, ob diese Bilder ohne Zustimmung der Täter genutzt werden dürfen, ein Argument, das Kritiker für rechtlich und moralisch vollkommen unhaltbar halten.
Empörung in Israel: Kritik an „absurder Rechtsauffassung“
Noam Tibon reagierte scharf: „Die Behauptung, dieser Film könne nicht gezeigt werden, weil er keine ‚Nutzungsrechte‘ für Hamas-Aufnahmen habe, ist absurd und eine Beleidigung für die Opfer.“ Auch Außenminister Gideon Sa’ar kritisierte die Entscheidung mit den Worten, TIFF würde „Hitler um Erlaubnis bitten, Auschwitz-Filme zu zeigen“.
Der Vorwurf lautet, dass hier unter dem Vorwand von Urheberrechtsfragen einer Terrororganisation ein de facto Mitspracherecht eingeräumt wird, ob die von ihr verübten Verbrechen dokumentiert werden dürfen. Für viele Beobachter ist das nicht nur ein juristisches Scheinargument, sondern ein moralischer Offenbarungseid.
Auch in Kanada stößt der Schritt auf Widerstand. Das Centre for Israel and Jewish Affairs bezeichnete die Absage als „schändlich“ und forderte eine sofortige Rücknahme. Sie sende ein Signal, dass die jüdische Gemeinschaft in Kanada im kulturellen Leben nicht mehr willkommen sei.
TIFF verweist auf Vorschriften und Sicherheitsbedenken
Das Festival betont, es habe lediglich die Einhaltung seiner allgemeinen Bedingungen verlangt. Dazu gehöre, die Herkunft von Filmmaterial eindeutig zu klären und Genehmigungen einzuholen. Außerdem habe es die Sorge vor „erheblichen Störungen“ gegeben, wie schon bei anderen umstrittenen Vorführungen, etwa Russians at War oder dem israelischen Spielfilm Hamada, die in der Vergangenheit von Protesten begleitet oder abgebrochen wurden.
Kritiker werfen TIFF jedoch vor, hier bewusst strengere Maßstäbe anzulegen als bei Filmen mit anderer politischer Perspektive. So wird darauf hingewiesen, dass in diesem Jahr Werke mit palästinensischer Sichtweise sehr wohl gezeigt werden – ohne vergleichbare Anforderungen an die Nutzung von Material, das von gewaltbereiten Gruppen stammt.
Zwischen künstlerischer Freiheit und politischem Druck
Die Debatte um The Road Between Us wirft ein Schlaglicht auf den Balanceakt zwischen Kunstfreiheit, rechtlichen Standards und politischem Druck. Einerseits steht ein Werk, das eine persönliche und historische Geschichte erzählt. Andererseits stellt sich die Frage, ob man Terroristen durch den Einsatz von Urheberrechtsansprüchen faktisch das Recht einräumt, die Darstellung ihrer Taten zu blockieren.

Ein Hamaskämpfer dringt am 7. Oktober 2023 mit vorgehaltener Waffe in einen israelischen Kibbuz in Südisrael ein. Die Dschihadisten haben ihre Gräueltaten selbst gefilmt und zum Teil live ins Internet übertragen. Foto: Screenshot Hamas-Propagandavideo
Für viele ist diese Vorstellung untragbar. Sie sehen in der TIFF-Entscheidung ein gefährliches Signal: Wenn Täter bestimmen dürfen, ob ihre dokumentierten Verbrechen gezeigt werden, wird die öffentliche Aufarbeitung massiv behindert. Der Vorwurf lautet, dass es hier nicht um rechtliche Sicherheit, sondern um das Vermeiden politischer Kontroversen gehe, auf Kosten der Opfer und der Wahrheit.
Premiere dennoch in Toronto
Ungeachtet der Festivalabsage wird der Film Anfang September bei einer großen öffentlichen Veranstaltung in Toronto gezeigt, organisiert von der lokalen jüdischen Gemeinde. Regisseur Barry Avrich und Noam Tibon kündigten an, das Werk weltweit zu verbreiten. „Das Publikum soll selbst entscheiden, ob es diese Geschichte sehen will“, so Avrich.
Titelbild: Toronto, die Hauptstadt der Provinz Ontario, ist mit rund 5,6 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt Kanadas. Sie gilt als weltoffene Metropole – aber mit wachsenden Vorbehalten gegenüber Israel. Foto: Hadas Parush / Flash90