
Tel Aviv reagiert auf Synagogen-Ärger: Bürgermeister bestreitet jegliche Drohungen
TEL AVIV, 25.08.2025 (BF) – Ein Konflikt zwischen der Stadt Tel Aviv und orthodoxen Synagogen schlägt in Israel hohe Wellen. Die Stadtverwaltung hatte die Synagogen aufgefordert, im Gegenzug zur weiteren Nutzung von Gemeinderäumen zuzusichern, religiöse Dienste ohne Diskriminierung nach Geschlecht oder Glauben anzubieten. Wer sich weigert, muss künftig mit Räumungsklagen rechnen.
Neues Vertragsmotiv sorgt für Aufruhr
Auslöser sind aktualisierte Pachtverträge, die rund 130 Synagogen in Tel Aviv-Jaffa vorgelegt wurden. Die Verpflichtung besteht darin, „religiöse Dienstleistungen ohne Rücksicht auf Geschlecht oder Religion allen Einwohnern des Viertels anzubieten“. Kritiker warnen, diese Formulierung könne traditionelle Praktiken wie Geschlechtertrennung im Gebet oder die männliche Rolle im Minjan (Gemeinschaft von mindestens zehn Männern über 13 Jahre) juristisch angreifbar machen.
Einige Gemeinden wehren sich bereits. Die traditionsreiche Synagoge „L’zecher Kedoshei Antopol“ wurde verklagt, weil sie die Klausel nicht unterschreiben wollte. In einem weiteren Fall erklärte ein Rabbinatsgericht die „Tiferet Zvi“-Synagoge zu einem religiösen Stiftungsvermögen, um eine Schließung zu verhindern. Doch die Stadt hat Berufung beim Obersten Gerichtshof eingelegt.
Synagogenvertreter fürchten, dass eine Unterschrift unter den Vertrag sie künftigen Klagen wegen Diskriminierung aussetzen könnte. Einige machen sich sogar Sorgen, dass Gerichte künftig religiöse Bräuche oder Gebetsregeln herausfordern könnten.
Huldai weist Vorwürfe scharf zurück
Bürgermeister Ron Huldai reagierte entschieden: „In Tel Aviv-Jaffa gibt es Hunderte Synagogen, die in guter Zusammenarbeit mit der Stadt arbeiten“, betonte er. Die Behauptung, die Stadt bedrohe Synagogen oder wolle deren Traditionen unterminieren, sei „eine haltlose Lüge“.
Laut Huldai war der strittige Passus Teil eines Standardvertrags, der bereits im Dialog mit Synagogengemeinden überarbeitet worden sei. Die jetzige Empörung sei das Ergebnis gezielter politischer Hetze. „Was wir erleben, ist Aufwiegelung durch Minister und Knessetmitglieder, die von Hass und Spaltung leben. Sie haben nichts anderes zu bieten.“
Die Stadtverwaltung betont, es gehe nicht um Eingriffe in den Glauben, sondern um Fairness bei der Nutzung öffentlicher Gebäude. „Wenn eine Synagoge in einem Viertel nicht allen Anwohnern offensteht, kann die Stadt den Raum auch anderen Betreibern überlassen“, hieß es aus dem Rathaus.
Zwischen Verwaltung und Tradition
Für viele Gläubige ist die Klausel dennoch ein Angriff auf die religiöse Identität. Anwalt David Shub, der mehrere Synagogen kostenlos vertritt, nennt die Regelung „skandalös“. Sie zwinge Gemeinden, sich zwischen der Treue zur Halacha (jüdisches Religionsrecht) und dem Weiterbestehen ihrer Einrichtungen zu entscheiden. „Das ist keine Gleichberechtigung, das ist säkulare Bevormundung“, so Shub.
Die Debatte zeigt, wie sensibel das Verhältnis zwischen säkularer Verwaltung und religiöser Tradition ist, besonders in Tel Aviv, einer Stadt, die für Modernität, Vielfalt und Liberalität steht, zugleich aber auf eine lange jüdische Tradition zurückblickt.
Im Kern geht es nicht mehr nur um Pachtverträge, sondern um Grundfragen des gesellschaftlichen Miteinanders. Müssen religiöse Einrichtungen auf öffentlichem Boden einen inklusiven Auftrag erfüllen, auch wenn das zentrale Elemente ihres Brauchtums berührt? Oder darf die Stadt nicht so weit in die religiöse Selbstbestimmung eingreifen?
Synagogenvertreter warnen, dass der Konflikt, sollte er juristisch zugespitzt werden, einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen könnte. Für die Stadt wiederum steht die Gleichbehandlung aller Bürger im Vordergrund.
Am Ende geht es um mehr als Verwaltungsrecht. Es geht um die Frage, wie religiöses Leben in Israels liberalster Metropole seinen Platz findet – zwischen Selbstbehauptung und öffentlichem Auftrag.
Foto: Religiöse Juden in einer Synagoge in Tel Aviv. Sie fühlen sich von der liberalen Stadtverwaltung herausgefordert. Foto: Tomer Neuberg/Flash90