zurück zu Aktuelles

Eine neue wissenschaftliche Studie aus Israel zeigt: Die Bewegungsverfolgung von Wildtieren kann Pandemien vorhersagen

JERUSALEM, 16.09.2025 (TPS-IL/NH) – Zoonosen, das heißt Infektionskrankheiten, die auf natürlichem Weg zwischen Wirbeltieren und Menschen übertragen werden können, bedrohen zunehmend die Populationen von Menschen und Wildtieren. Diese Infektionskrankheiten führen zu einem weltweiten Anstieg von Massensterblichkeitsausbrüchen, wie der anhaltenden Vogelgrippe-Panzootie bei Wildtieren und der Corona-Pandemie (SARS-CoV-2) beim Menschen. Jetzt hat ein Team internationaler Wissenschaftler unter israelischer Führung einen radikal neuen Ansatz zur Pandemieprävention vorgeschlagen. Die Idee: Der Einsatz von Wildtieren selbst als Frühwarnsysteme. Eine Studie des Movement Ecology Lab der Hebräischen Universität Jerusalem behauptet, dass die Verfolgung der Bewegungen und des Verhaltens von Wildtieren gefährliche Krankheitserreger nahezu in Echtzeit erkennen könnte, bevor sie auf den Menschen übergreifen.

Biologging soll zur Bekämpfung von Krankheiten eingesetzt werden

In der Regel konzentriert sich die Bekämpfung von Zoonosen auf Menschen, Haustiere und Tierhaltungspraktiken. Dabei kommen Biosicherheitsvorschriften, Überwachung, Diagnostik, Impfstoffe, die Isolierung infizierter Individuen sowie die Keulung – also die amtlich angeordnete Massentötung von Nutztieren oder Wildtieren – zum Einsatz, um die Ausbreitung von Tierseuchen zu verhindern. Da Wildtiere jedoch die Hauptwirte von Zoonosen sind, ist zur Früherkennung vor einem Übergreifen eine gezielte Wildtierüberwachung erforderlich.

Ein Wissenschaftlerteam hat nun einen neuen allgemeinen Rahmen für die Erkennung und das Management von Ausbrüchen der besagten Krankheitserreger unter Verwendung von sensorischem Biologging vorgestellt. Dabei handelt es sich um winzige, tragbare Tracking-Geräte, die Tierbewegungen aufzeichnen. So soll nicht nur die Früherkennung von Ausbrüchen verbessert werden, sondern es sollen auch nahezu in Echtzeit Updates über die Gesundheit und Sterblichkeit im Rahmen der sogenannten „Sentinel-Erhebung” bereitgestellt werden. Bei der sogenannten Sentinel-Erhebung beteiligen sich Ärzte, Labore und Kliniken an der Datenerhebung, um Krankheitsausbrüche zu verfolgen. Dies ist ein wichtiges Werkzeug zur Beobachtung von Krankheitsverläufen.

In der in der Fachzeitschrift Trends in Ecology & Evolution veröffentlichten Studie der Hebräischen Universität wird erklärt, wie Biologging zur Bekämpfung von Krankheiten eingesetzt werden kann. Die winzigen Tracking-Geräte können abnormale Bewegungsmuster im Zusammenhang mit Infektionen und Verhaltensanzeichen von Krankheiten erkennen. Sie können Warnungen senden, wenn Wildtiere sensible Bereiche betreten, bevor sichtbare Symptome auftreten. So ist eine Verfolgung der Ausbreitung von Krankheiten in Landschaften, gezielte Interventionen und die Modellierung zukünftiger Ausbrüche möglich.

Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums bergen im Naturschutzgebiet des Hula-Sees im Norden Israels tote, mit der Vogelgrippe infizierte Kraniche. Foto: Moraz Brom/Flash90

Neue Ansätze zur Erkennung und Handhabung von Krankheitserregerausbrüchen

„Der Ausbruch der Vogelgrippe im Winter 2021/22 im Hula-Tal war Israels größter Ausbruch bei Wildtieren, bei dem 8.000 Kraniche verendet sind und die menschliche Gesundheit gefährdet war“, erklärt Studienleiter Prof. Ran Nathan. „Zu diesem Zeitpunkt hatten wir zehn GPS-geortete Kraniche, von denen einige gestorben sind. Das Massensterben bei Agamon Hula war verheerend, aber die Daten der Bio-Logging-Sender lieferten beispiellose Erkenntnisse für schnelle Managemententscheidungen. Dies hat uns dazu veranlasst, einen Rahmen zu entwickeln, der auf mehrere Krankheiten und Arten anwendbar ist.“ „Dank der Fortschritte im Biologging können wir Wildtiere jetzt viel schneller und effektiver verfolgen als zuvor“, so Prof. Nathan weiter. „Dies ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Ausbrüchen, die gezielte Eindämmung und das Potenzial, sowohl Menschen- als auch Tierleben zu retten.“

Die Zukunft der öffentlichen Gesundheit

Die Studie unterstreicht, dass die Überwachung von Wildtieren nicht nur eine wissenschaftliche Kuriosität ist, sondern ein potenzieller Lebensretter für Menschen und Ökosysteme gleichermaßen. Durch die Überwachung von Tieren als „Wächter” können Wissenschaftler Krankheitsbedrohungen Wochen oder sogar Monate vor dem Auftreten erster menschlicher Fälle erkennen und den Gesundheitsbehörden so wertvolle Zeit für eine Reaktion verschaffen. „Stellen Sie sich vor, Sie erhalten eine Benachrichtigung auf Ihr Handy – nicht von einer Nachrichtenagentur, sondern von einem gechipten Tier –, die signalisiert, dass sich ein tödliches Virus ausbreiten könnte”, erklärte Prof. Nathan. „Das ist keine Science-Fiction. Das ist die Zukunft der öffentlichen Gesundheit.“

Das Biologging könnte warnen, wenn infizierte Wildtiere in Gebiete mit hoher Bevölkerungs- oder Viehdichte eindringen. So könnte eine Exposition in der Nähe von landwirtschaftlichen Betrieben, Feuchtgebieten oder städtischen Gebieten verhindert werden. Bewegungsdaten in Kombination mit Umweltfaktoren können vorhersagen, wo sich ein Krankheitserreger als Nächstes ausbreiten könnte, sodass die Behörden Impfungen, Überwachungs- oder Eindämmungsmaßnahmen priorisieren können. Das Verständnis der Ausbreitung von Krankheiten in wilden Populationen kann als Grundlage für Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Arten dienen. Regierungen könnten Echtzeit-Erkenntnisse auch nutzen, um Tourismus-, Jagd- oder Landnutzungsvorschriften anzupassen und so das Krankheitsrisiko minimieren.

Zu den Co-Autoren gehören Forscher der Hebräischen Universität, der UC Berkeley, der KwaZulu-Natal-Universität in Südafrika und der University of Maine. Gemeinsam fordern sie eine globale Zusammenarbeit und Investitionen in die Verfolgung von Wildtieren. Sie betonen das One-Health-Prinzip, demzufolge die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt untrennbar miteinander verbunden ist.

Titelbild: Füchse in den Golanhöhen im Norden Israels. Foto: Maor Kinsbursky/Flash90

Weitere News aus dem Heiligen Land