
Aufstand in Gaza: Palästinensische Fraktionen lehnen sich gegen Hamas auf
JERUSALEM 12.10.2025 (LS) – Direkt nach dem Inkrafttreten des Waffenstillstands ist es in Gaza zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hamas-Kräften und rivalisierenden palästinensischen Gruppen gekommen. Berichte aus Beit Lahia und dem Viertel Sabra sprechen von Schusswechseln und Toten, darunter auch ein Sohn eines Hamas-Kommandeurs.
Bruchlinien im Gazastreifen: Clans und Milizen gegen Hamas
Die Revolte ist kein bloßer Protest – lokale Clans und bewaffnete Gruppen kämpfen aktiv gegen die Kontrollstrukturen der Hamas. In Beit Lahia kam es zu offenen Gefechten, in Sabra fiel laut Augenzeugen zumindest ein Todesopfer unter den Aufständischen. Die Sicherheit im Gazastreifen scheint vielerorts außer Kontrolle geraten zu sein.
Lange galt Hamas als unangefochtene Macht im Gazastreifen – doch durch die zweijährige Kriegsbelastung, die Zerstörung und die Ressourcenknappheit wachsen Frust und Misstrauen. Für viele lokale Akteure ist dies der Moment, die eigene Autorität auszutesten oder zumindest ihren Einfluss geltend zu machen. Beobachter sehen darin ein Zeichen für den schwindenden Zusammenhalt unter den palästinensischen Kräften.
Am Freitagabend umzingelten Hamas-Kräfte das Viertel der Familie al-Dhamsha im Stadtteil al-Sabra in Gaza-Stadt. Schulen und Wohnhochhäuser wurden evakuiert, während Scharfschützen und eine große Anzahl maskierter, bewaffneter Männer in der gesamten Gegend stationiert wurden.
Weitere Aufstände
Unterdessen veröffentlichte Hussam al-Astal, Kommandeur einer bewaffneten Gruppe, die sich in Khan Yunis gegen die Hamas stellt, einen herausfordernden Beitrag auf seiner Facebook-Seite, in dem er die Organisation scharf attackierte.
„An alle Hamas-Ratten“, schrieb er, „eure Tunnel sind zerstört, eure Rechte existieren nicht mehr. Bereut, bevor es zu spät ist – ab heute gibt es keine Hamas mehr.“
Al-Astal verwies auch auf die Zusammenstöße der vergangenen Woche, als die Hamas versucht habe, einen Angriff gegen den Al-Majaida-Clan in Khan Yunis zu starten. Ihm zufolge versteckten sich bewaffnete Hamas-Kämpfer im Nasser-Krankenhaus und einer nahe gelegenen Moschee, von wo aus sie Granaten und Sprengkörper auf die Mitglieder des Clans abfeuerten. Die israelische Armee (IDF) habe durch einen Luftangriff, bei dem mindestens 22 Militante getötet wurden, zur Ausschaltung der Hamas-Zelle beigetragen. Der Sprecher der IDF bestätigte die Durchführung des Angriffs.
Die rivalisierenden Gruppen – darunter Abu Shababs „Volkskräfte“ – operieren hauptsächlich in Gebieten, die gemäß der ersten Phase des Waffenstillstandsabkommens nicht von der israelischen Armee evakuiert werden: östliches Rafah, Teile von Beit Lahia und Beit Hanoun sowie östliches Khan Yunis – Regionen, die außerhalb der „gelben Linie“ auf der vorgeschlagenen Karte des Abkommens liegen.
Titelbild: Gazabewohner kehren in Gebiete zurück, aus denen sich die IDF zurückgezogen hat. Foto: Khalil Kahlout/Flash90