
Erste direkte Gespräche seit Jahren: Hoffnung auf Entspannung oder Vorbote eines Militärschlags?
JERUSALEM, 05.12.2025 (BF) – Die seltene direkte Begegnung zwischen israelischen und libanesischen Vertretern in Naqoura hat im Libanon eine Welle von Spekulationen ausgelöst. Zum ersten Mal seit Beginn der jüngsten Grenzeskalation saßen beide Seiten unter dem Dach des Waffenstillstandsmechanismus an einem Tisch. Während Teile der libanesischen Presse das Treffen als mögliches Signal der Entspannung deuten, warnen andere Beobachter vor einer gefährlichen Fehleinschätzung, da Israel weiterhin offen mit einem begrenzten Militärschlag droht.
Hisbollah schweigt, Beirut zögert, Washington drängt
Die Hisbollah hat sich bisher nicht offiziell zu dem Treffen geäußert. Die Organisation verwies auf eine Rede ihres stellvertretenden Generalsekretärs Naim Qassem, der am Freitag in Beirut sprechen soll. Seine Reaktion gilt als entscheidend, denn der Libanon befindet sich in einer ungewöhnlichen Lage. Die Regierung will internationalen Druck entschärfen und zugleich vermeiden, dass die Hisbollah die Gesprächsaufnahme als Preisgabe der eigenen Position interpretiert.
Das Treffen selbst kam auf Druck der USA zustande. Washingtons Sondergesandte Morgan Ortagus vermittelte zwischen Dr. Uri Resnick aus Israels Nationalem Sicherheitsrat und dem libanesischen Vertreter Simon Karam. Auch Frankreich und UNIFIL nahmen teil. Laut israelischen Angaben wurde eine konstruktive Atmosphäre erreicht, doch Jerusalem stellte klar, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit nur möglich sei, wenn die Hisbollah ihre militärischen Kapazitäten abbaut. Genau daran glaubt im Libanon allerdings kaum jemand.
Beiruts Informationsminister Paul Mourcos bemühte sich, die Bedeutung des Treffens herunterzuspielen. Er betonte, der Ausschuss sei kein Forum für wirtschaftliche Abkommen und habe ausschließlich technischen Charakter. Premierminister Nawaf Salam schloss Normalisierungsgespräche ausdrücklich aus und verwies auf die arabische Friedensinitiative von 2002.
Angst vor einem präzisen Militärschlag wächst
Parallel wächst in Diplomatenkreisen die Sorge, Israel könne trotz Gesprächen einen gezielten Militärschlag gegen die Hisbollah durchführen. Eine europäische Quelle erklärte gegenüber Al Joumhouria, dass in Washington zwei Denkmodelle konkurrieren. Das eine plädiert für schrittweises Vorgehen, um den Libanon nicht zu destabilisieren. Das andere sieht eine begrenzte militärische Operation als notwendig an, da Iran Zeit gewinne und die Hisbollah ungehindert aufrüste. In dieser Logik wäre ein chirurgischer Schlag akzeptabel, solange er den Staat Libanon nicht zum Einsturz bringt.
Seit Monaten wirft Israel der libanesischen Regierung vor, ihre Verpflichtung zur Entwaffnung der Hisbollah nicht umzusetzen. Der gezielte Schlag gegen den kommissarischen Stabschef der Organisation, Ali Haytham Tabatabai, hat die Nervosität weiter erhöht. Laut Asharq Al Awsat will Beirut nun durch symbolische Gesten, darunter die Ernennung eines zivilen Delegationsleiters, zeigen, dass es internationale Forderungen ernst nimmt.
Hisbollah-nahe Medien warnen vor politischer Falle
Die schärfste Kritik kam aus dem Lager der Hisbollah. Die Zeitung Al Akhbar bezeichnete die Ernennung Karams als gefährlich und sprach von einem Bruch mit der bisherigen Linie, da politische und nicht nur militärisch-technische Akteure beteiligt seien. Jede Abweichung vom technischen Mandat werde, so heißt es, zur sofortigen Absetzung Karams führen.
Im Kern bleibt die Lage unverändert kompliziert. Das Treffen bietet Raum für vorsichtigen Optimismus, doch die strukturellen Konflikte bestehen fort. Die Hisbollah rüstet weiter auf, Israel droht mit Präventivschritten und der libanesische Staat versucht verzweifelt, internationale Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Die Gespräche haben die Eskalation nicht beendet, sie haben sie vorerst nur vertagt.
Titelbild: Das Verhältnis zwischen Israel und seinem nördlichen Nachbarn Libanon ist kompliziert. Die Terror-Organisation Hisbollah hat im Libanon großen Einfluss. Foto: Ayal Margolin/Flash90