
SC Freiburg gegen Maccabi Tel Aviv: Ein Fußballabend unter Hochschutz
von Alon David
FREIBURG IM BREISGAU / TEL AVIV, 24.01.2026 – Es gibt Spiele, bei denen man hinterher nur über Tore spricht. Und es gibt Spiele, bei denen das Tor fast nebensächlich wird, weil schon der Weg ins Stadion eine Botschaft ist.
Der SC Freiburg gewann am Donnerstagabend in der Europa League mit 1:0 gegen Maccabi Tel Aviv. Doch die eigentliche Geschichte dieses Abends schrieb nicht der Spielbericht, sie schrieb sich in Freiburg auf den Straßen, an den Absperrgittern, in den Polizeiketten. Und sie schrieb sich vor allem in den vielen leeren Sitzreihen im Stadion.
Denn dieses Spiel war kein normales Europapokalspiel. Es war ein Hochrisikoereignis.

Polizei wie bei einem Staatsbesuch
Schon Stunden vor Anpfiff war in Freiburg spürbar, dass hier nicht „nur Fußball“ stattfindet. Die Stadt stand unter massivem Schutz: ein Großaufgebot der Polizei, teils schwer bewaffnet, begleitet von Hubschrauber-Überwachung und Sperrmaßnahmen rund um Stadion und Innenstadt.
Was bei anderen Spielen Alltag ist – Anreise, Einlass, Tribüne – wurde hier zur Sicherheitslage.
Und genau das ist der Punkt: Wenn ein israelischer Klub in Deutschland spielt, reicht inzwischen nicht mehr „Präsenz“. Es braucht Hochschutz.
Angst ist nicht spektakulär – sie ist leise
In Deutschland wird Antisemitismus oft nur in dramatischen Bildern diskutiert: Anschläge, Gewalt, Drohungen. Aber an diesem Abend zeigte sich eine andere Realität – eine, die weniger spektakulär ist, aber tiefer wirkt: Angst, die den Alltag verändert.
Man konnte es an simplen Dingen ablesen: extrem strenge Kontrollen, ein nervöses Sicherheitsumfeld, auffallend wenige israelische Gästefans und ein Stadion, das sichtbar nicht voll wird.
Natürlich kann man nicht in die Köpfe jedes einzelnen Fans schauen. Aber man muss auch nicht naiv sein: Wenn du als Israeli nach Europa reist – und der Veranstaltungsort wirkt wie eine Festung – dann überlegst du dir zweimal, ob du wirklich kommst. Ob du deine Kinder mitnimmst. Ob es das wert ist.
Viele Israelis sind seit dem 7. Oktober ohnehin in einem psychologischen Ausnahmezustand. Sie haben Familienmitglieder in Reservistenuniform gesehen, Raketenalarme erlebt, Freunde verloren – und sie sehen, was weltweit passiert: wie israelische Flaggen zur Zielscheibe werden, wie jüdische Symbole plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind.
In so einem Klima wird ein Fußballspiel nicht zur Entspannung, sondern zur Risikoabwägung.

Boykott als Zeichen einer beschädigten Normalität
Besonders auffällig war aber etwas anderes: Freiburg ist ein Fußballstandort mit intensiver Fankultur – doch an diesem Abend fehlte ein Teil davon.
Mehrere Gruppen aus der aktiven Fanszene verzichteten auf Support. Nicht, weil sie Maccabi unterstützen würden, sondern weil sie sagten: Die Rahmenbedingungen seien zu massiv, die Einschränkungen zu groß, das Stadionerlebnis nicht mehr das, was es sein sollte.
Das ist inhaltlich kein Detail – das ist politisch explosiv.
Israelische Teams brauchen Schutz, weil sie bedroht werden könnten. Der Schutz ist so massiv, dass er Normalität zerstört. Die Normalität fehlt dann – und alle tun so, als läge es „einfach an den Umständen“.
Aber die Umstände sind ja nicht Natur.
Sie sind das Ergebnis von Hass.
Zeitgleich gab es Proteste in der Stadt. Auch das ist Teil dieses neuen europäischen Musters: Ein israelischer Verein wird zur Projektionsfläche.
Maccabi Tel Aviv ist kein Militärverband, kein Außenministerium, kein Kabinett. Es ist ein Fußballclub. Und trotzdem wird er in Europa zunehmend behandelt, als sei er eine politische Delegation – als seien Spieler und Fans Vertreter eines Krieges. Das ist nicht nur unfair. Es ist entmenschlichend.

Was dieses Spiel wirklich erzählt
Der SC Freiburg kann sich über drei Punkte freuen. Maccabi Tel Aviv fliegt zurück nach Israel. Sportlich bleibt wenig. Doch gesellschaftlich bleibt viel – und es ist beunruhigend.
Denn dieser Abend in Freiburg zeigt: Deutschland ist in der Lage, israelische Teams zu schützen.
Aber es ist nicht mehr in der Lage, ihre Anwesenheit als normal zu betrachten. Und das ist vielleicht der wichtigste Befund: Der Antisemitismus gewinnt nicht nur dort, wo Gewalt passiert. Er gewinnt schon dort, wo Menschen sich nicht mehr trauen zu kommen.
Wo ein Vater sagt: „Lieber nicht.“ Wo eine Familie sagt: „Wir bleiben zu Hause.“ Wo ein Stadion Plätze frei lässt, nicht weil das Spiel uninteressant wäre – sondern weil die Angst mit im Ticketpreis steckt.
Ein Tor in der 81. Minute hat dieses Spiel entschieden.
Aber die Frage, die bleibt, ist größer: Wie viele solcher Abende braucht es noch, bis Europa versteht, was es gerade verliert?
Titelbild: Die Mannschaft von Maccabi Tel Aviv während des Europa-League-Spiels gegen den SC Freiburg im Europa-Park-Stadion in Freiburg, 22.02.2026. Foto: Jöran Steinsiek / STEINSIEK.CH