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Verfassungsschutz warnt: Antisemitismus wird zur Brücke zwischen Extremisten

von Alon David

BERLIN / JERUSALEM, 23.05.2026 – Eine neue Broschüre des Bundesamts für Verfassungsschutz erklärt, wie antisemitische Codes, Chiffren und Israelhass in Deutschland wirken – oft versteckt, oft anschlussfähig bis in die Mitte der Gesellschaft.

Antisemitismus zeigt sich längst nicht mehr nur in offenen Parolen, Hakenkreuzen oder direkten Angriffen auf Juden. Er kommt oft verschlüsselt daher: als vermeintliche Kritik an „Globalisten“, als Rede von der „Hochfinanz“, als Verschwörung über angebliche geheime Eliten, als Dämonisierung Israels oder als Symbol auf Demonstrationen. Genau davor warnt nun das Bundesamt für Verfassungsschutz in einer neuen Broschüre mit dem Titel „Versteckte Botschaften – Antisemitische Codes und Chiffren“.

Die Publikation richtet sich nach Angaben der Behörde an Lehrer, pädagogisches Fachpersonal und interessierte Bürger. Ziel sei es, verschlüsselte Formen des Antisemitismus besser erkennbar zu machen und über deren Herkunft, Bedeutung und Gefahren aufzuklären. Der Verfassungsschutz betont zugleich: Es gehe nicht um ein starres Lexikon oder eine einfache Checkliste, sondern um ein Hilfsmittel, um einzelne Aussagen, Bilder und Symbole im jeweiligen Kontext einordnen zu können.

Antisemitismus als gemeinsames Feindbild

Besonders deutlich wird die politische Brisanz auf Seite 17 der Broschüre. Dort beschreibt der Verfassungsschutz Antisemitismus als sogenanntes „Brückenphänomen“. Gemeint ist: Judenhass kann sehr unterschiedliche Milieus miteinander verbinden – von der extremen Rechten über Islamisten bis hin zu Teilen der linken oder antiimperialistischen Szene. Die Grafik auf dieser Seite zeigt Antisemitismus im Zentrum, verbunden mit der Mitte der Gesellschaft, Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamistischem Extremismus und auslandsbezogenem Extremismus.

Die Grafik zeigt Antisemitismus als Brückenphänomen zwischen gesellschaftlicher Mitte, Rechtsextremismus, Linksextremismus, islamistischem Extremismus und auslandsbezogenem Extremismus. Quelle: BfV/KI Generiert

Die Botschaft ist klar: Antisemitismus ist kein Problem „der anderen“. Er ist nicht ausschließlich ein importiertes Phänomen, nicht nur ein Problem einzelner extremistischer Gruppen und auch nicht nur am Rand der Gesellschaft zu finden. Der Verfassungsschutz schreibt, eine solche Betrachtung helfe, historische Kontinuitäten und Wechselwirkungen zwischen Extremismus, Mehrheitsgesellschaft und aktuellen Debatten besser zu verstehen.

Gerade diese Einordnung ist in Deutschland hochrelevant. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 zeigte sich auf vielen Straßen, Universitäten und in sozialen Netzwerken, wie schnell sich unterschiedliche Gruppen hinter einem gemeinsamen Feindbild sammeln können: Israel. Was als politische Kritik ausgegeben wird, kippt dabei häufig in alte antisemitische Muster.

Wenn alte Mythen neue Namen bekommen

Ein Schwerpunkt der Broschüre liegt auf Begriffen, die auf den ersten Blick nicht zwingend antisemitisch wirken müssen. Dazu gehören Wörter wie „Globalisten“, „Hochfinanz“, „BlackRock“ oder Namen wie Rothschild, Soros oder Larry Fink. Der Verfassungsschutz erklärt, dass solche Begriffe in bestimmten Kontexten als Chiffren für eine angeblich jüdische Finanzmacht oder eine geheime jüdische Weltkontrolle dienen können.

Das Problem liegt dabei nicht in jedem einzelnen Wort für sich. Nicht jede Kritik an Banken, Finanzmärkten oder internationalen Organisationen ist antisemitisch. Entscheidend ist der Zusammenhang: Wird suggeriert, eine kleine, geheime, nahezu allmächtige Elite lenke die Welt? Werden jüdische Personen oder als jüdisch gelesene Namen stellvertretend für diese angebliche Macht genannt? Wird komplexe Politik auf ein böses Kollektiv reduziert? Dann, so die Logik der Broschüre, können alte antisemitische Erzählungen in moderner Sprache weiterleben.

Genau das macht diese Codes so gefährlich. Sie bieten denjenigen, die sie verwenden, eine Ausrede: Man habe „die Juden“ doch gar nicht genannt. Gleichzeitig verstehen Eingeweihte sehr genau, was gemeint ist. Für andere bleibt die Botschaft harmlos, mehrdeutig oder schwer greifbar.

Israel als Projektionsfläche

Besonders brisant ist der Abschnitt über israelbezogenen Antisemitismus. Der Verfassungsschutz beschreibt Israel dort als „Projektionsfläche“ alter antisemitischer Mythen. Das zugrunde liegende Muster lautet: Juden werden kollektiv für das Handeln des Staates Israel verantwortlich gemacht, und Israel wird als das ultimative Böse in der Welt dargestellt.  

Damit knüpfen heutige Parolen und Bilder an jahrhundertealte Dämonisierungen an. Aus dem angeblich gierigen Juden wird die angeblich gierige Finanzelite. Aus der Legende von der jüdischen Weltverschwörung wird die Behauptung, Israel oder „Zionisten“ würden Regierungen, Medien oder Kriege steuern. Aus der mittelalterlichen Ritualmordlegende wird die Parole vom „Kindermörder Israel“.

Pro-palästinensische Demonstration in Berlin: Teilnehmer rufen Parolen, während Israel auf Plakaten und in Sprechchören dämonisiert wird. Foto: Sarah Maria Sander

Der Verfassungsschutz selbst erklärt das rote Dreieck in der Broschüre als Symbol, das nach dem 7. Oktober 2023 in Propagandavideos der Hamas genutzt wurde. Dort markierte es israelische Panzer, Fahrzeuge oder Soldaten als Ziele. In Deutschland taucht dieses Symbol inzwischen auch auf Demonstrationen, Graffiti oder in sozialen Medien auf – oft als scheinbar harmloses Zeichen des Widerstands, tatsächlich aber mit einer klaren Gewalt- und Vernichtungsassoziation.

Die Normalisierung beginnt im Graubereich

Die Broschüre macht deutlich: Antisemitische Codes wirken nicht nur dort, wo bereits überzeugte Judenhasser miteinander kommunizieren. Sie können auch Menschen erreichen, die sich selbst gar nicht als antisemitisch verstehen. Gerade über soziale Medien werden Symbole, Memes und Parolen weitergetragen, ohne dass ihre Herkunft oder Bedeutung bekannt ist.

Das ist die eigentliche Gefahr: Antisemitismus wird normalisiert, bevor er offen ausgesprochen wird. Ein rotes Dreieck, eine Karikatur mit Krakenarmen, eine Parole gegen „Globalisten“, eine Gleichsetzung Israels mit Nazi-Deutschland – all das kann einzeln betrachtet als Provokation, Satire oder politische Kritik erscheinen. In der Häufung aber entsteht ein Weltbild: Juden oder Israel werden als heimliche Macht, als Täter, als Bedrohung und als moralisch absolut Böses dargestellt.

Für Deutschland ist diese Erkenntnis besonders unbequem. Denn sie widerspricht der bequemen Vorstellung, Antisemitismus sei nur dort zu finden, wo offen Neonazis marschieren oder Islamisten Israel vernichten wollen. Der Verfassungsschutz zeigt: Antisemitismus funktioniert als gemeinsamer Nenner. Er verbindet Milieus, schafft Feindbilder und macht demokratiefeindliche Ideologien anschlussfähig.

Nach dem 7. Oktober ist das sichtbarer denn je. Während Israel noch seine Ermordeten begrub und um verschleppte Geiseln kämpfte, wurden in europäischen Städten Parolen gerufen, die nicht Frieden forderten, sondern die Auslöschung des jüdischen Staates romantisierten. Der Hass trat nicht immer mit offenem Judenstern und Hakenkreuz auf. Oft kam er als Code, als Symbol, als vermeintliche Solidarität.

Die neue Broschüre des Verfassungsschutzes ist deshalb mehr als ein pädagogisches Dokument. Sie ist eine Warnung: Wer Antisemitismus erst erkennt, wenn er sich selbst beim Namen nennt, erkennt ihn zu spät.

Quelle: Bundesamt für Verfassungsschutz: „Versteckte Botschaften – Antisemitische Codes und Chiffren“, Mai 2026. Die vollständige Broschüre ist auf der Webseite des Bundesamts für Verfassungsschutz abrufbar.

Titelbild: Das Gebäude des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf dem Kasernengelände am Treptower Park in Berlin. Foto: Wo st01/Wikipedia

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