
482 und 738 Tage im Grauen – Der Leidensweg der Hamas-Geiseln Arbel Yehud und Ariel Cunio
JERUSALEM, 15.02.2026 (NH) – Mehr als ein Jahr nach ihrer Freilassung haben Arbel Yehud (30) und ihr Partner Ariel Cunio in einem Interview mit Channel 12 News erstmals ausführlich über ihre Geiselhaft durch die Hamas gesprochen. Ihre Schilderungen zeigen eine Gefangenschaft voller Brutalität, psychischer Zermürbung und Isolation.
Das Grauen des 7. Oktober
Am 7. Oktober überfielen Hamas-Kämpfer den Kibbuz Nir Oz. „Ich habe meine Hand über das Maul unseres Hundes gelegt, damit sie nicht bellt. Aber es hat nicht geholfen. Sie fanden uns und zogen uns heraus“, berichtet Arbel. Die Hündin wurde vor ihren Augen erschossen: „Wir hörten sie jaulen, bis sie starb.“ Während der Entführung wurden beide schwer misshandelt. Arbel erlitt zwei Rippenbrüche, Ariel schwere Kopfverletzungen. Auch Angehörige wurden verschleppt. Arbels Bruder Dolev galt zunächst als vermisst. Erst nach einigen Monaten stellte sich eine schwer identifizierbare Leiche, die im Kibbuz gefunden worden war, als die sterblichen Überreste von Dolev Yehud heraus. Nach wenigen Stunden in Gaza wurden Arbel und Ariel gewaltsam getrennt. Für Arbel folgten 482 Tage Gefangenschaft, für Ariel 738 Tage – geprägt von Angst und völliger Kontrolllosigkeit.
Überleben unter permanentem Todesdruck
Arbel schildert nahezu tägliche sexuelle Gewalt und physische wie psychische Misshandlungen. Zudem versuchte man, sie zur Konversion zum Islam zu zwingen. Sie erlebte auch die Gewalt unter palästinensischen Kindern: „Ich wurde bei einem Baby gehalten, das vier Monate alt war. Als ich entlassen wurde, war es 15 Monate alt. Kinder ab sieben oder acht Jahren tragen hier bereits Waffen.“ Drei Tage vor ihrer Freilassung habe ein Kleinkind mit einer Waffe auf sie gezielt, während sie die Mutter bat, das Kind zu entwaffnen. Die Haftbedingungen waren so unerträglich, dass sie dreimal versuchte, sich das Leben zu nehmen. „Es gab Momente, in denen ich dachte, das sei der einzige Weg hier raus“, so Arbel. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Ariel und die Gewissheit, dass in Israel für ihre Freilassung gekämpft wurde, hielten sie am Leben. Inspiriert von anderen ehemaligen Geiseln wie Romi Gonen, entschied sie sich, ihr Schweigen zu brechen.
Ariel Cunio verbrachte über drei Monate in einem engen Hohlraum in der Decke eines Geschäfts – ohne Aufstehen oder Ausstrecken. Hitze, Sauerstoffmangel und Ungeziefer prägten seinen Alltag. Seine Bewacher drohten, ihn bei Entdeckung an die Hamas zu übergeben oder bei Annäherung israelischer Truppen sofort zu töten. Absolute Stille war überlebensnotwendig.

Systematische Gewalt und Isolation
Trotz der Trennung gelang es dem Paar zeitweise, über ihre Bewacher kurze Nachrichten auszutauschen. Eine Notizkladde von Arbel mit Gebeten, Zukunftsplänen und Zeichnungen ihrer Hochzeit wurde für Ariel zu einem Symbol des Durchhaltens – seine „einzige Freundin“ in der Dunkelheit.
Die Rückkehr in die Freiheit brachte keine sofortige Erlösung. Beim ersten Wiedersehen nach Ariels Freilassung erlitt er einen physischen Zusammenbruch, als ihm das Ausmaß der erlittenen Gewalt bewusst wurde. Beide beschreiben ihre Traumata als „fest verschlossenen Koffer“, den sie nur langsam öffnen. Ihr Zuhause in Nir Oz ist zerstört, der Neuanfang in Israel schwierig. Ihr Zeugnis verdeutlicht, dass hinter den politischen Schlagzeilen individuelle Schicksale stehen – geprägt von Leid, Überlebenswillen und den langanhaltenden Folgen der Gefangenschaft.
Titelbild: Die freigelassenen Geiseln Ariel Cunio (l.) und Arbel Yehud sprechen in einem Interview, das am 13. Februar 2026 bei Channel 12 News ausgestrahlt wurde, über ihre Geiselhaft. Foto: Channel 12 Screenshot