
Liebe im Luftschutzkeller: Wenn die „Startup Nation“ bei Raketenalarm auf Partnersuche geht
TEL AVIV, 04.03.2026 (NH) – Während im Nahen Osten die Spannungen zunehmen und ballistische Raketen den Himmel über Israel durchziehen, zeigt sich einmal mehr, warum das Land international als „Startup Nation“ gilt. Was früher in Bars, auf Hochzeiten oder Festivals begann, hat sich längst in die digitale Welt verlagert. Die Dating-Welt spielt sich heute zu großen Teilen auf Smartphones ab – warum also nicht auch im Schutzraum? So hat die israelische Single-Szene eine ganz eigene Art von Resilienz entwickelt. Anstatt sich in Angst und Panik zu hüllen, nutzen viele Singles die aufgezwungene Zeit in den öffentlichen Luftschutzräumen zum Flirten. Die App „Hooked“, ursprünglich für soziale Events konzipiert, hat sich in Rekordzeit an die neue Kriegsrealität im Heiligen Land angepasst und vermittelt nun Dates zwischen Betonwänden und Notvorräten.
Vom Barbecue zum Bunker: Eine App passt sich an
Die von Noa Barazani und Roi Revach entwickelte App „Hooked“ war bereits vor dem aktuellen Konflikt im Einsatz, um Singles bei Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Konferenzen diskret miteinander zu vernetzen. Das Prinzip ist denkbar einfach: Veranstalter hängen einen QR-Code am Eingang der Feier auf, den die Gäste scannen. So können sie sehen, wer von den Anwesenden ebenfalls Single und an einem Kennenlernen interessiert ist. Peinliches Ansprechen des Gegenübers am Buffet wird so umgangen.
Mit Beginn der US-israelischen Militäroffensive „Brüllender Löwe“ reagierten die Entwickler eigenen Angaben zufolge rasch auf die veränderte Lebenswirklichkeit der Menschen. Da viele bei Raketenalarmen teils Stunden in Schutzräumen verbringen müssen, können Nutzer nun auch dort ein entsprechendes „Event“ anlegen. Mit dem Code „MIKLAT26“, was so viel wie „Schutzraum 2026“ auf Hebräisch bedeutet, entfallen sogar die üblichen Gebühren. So wird aus dem Zwangsaufenthalt eine potenzielle Begegnung. Wer also wissen möchte, ob die sympathische Nachbarin oder der sportliche Hundebesitzer aus dem dritten Stock ebenfalls auf Partnersuche ist, scannt den Code an der Bunkertür. Laut Mitgründerin Barazani gehe es dabei nicht um oberflächliches Kennenlernen: „Niemand verliebt sich in ein Profil. Man verliebt sich in die Person, die direkt vor einem steht.“ Das Digitale diene in diesem Fall lediglich als Türöffner beziehungsweise „Bunker-Brecher“.
Zwischen „Jewish Mothers“ und QR-Codes
Öffentliche Aufmerksamkeit erhielt das sogenannte „Bunker-Dating“, nachdem ein Tweet der Nutzerin Yael Bar Tur viral ging. Sie lobte die „genialen Israelis“ für diese Form der Improvisation. Auch der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, reagierte mit einem Augenzwinkern: In der „Startup Nation“ müsse man wohl genau mit solchen Ideen rechnen. Künftige Generationen könnten einmal erzählen: „Wir haben uns im Bunker per App kennengelernt – während draußen die Sirenen heulten.“
Die Reaktionen und Online-Kommentare schwanken zwischen Nationalstolz auf den kreativen Erfindergeist und typisch israelischer Ironie. Während einige scherzten, die App müsse von jüdischen Müttern erfunden worden sein, um die Geburtenrate auch im Krieg hochzuhalten, mahnten andere zur analogen Zurückhaltung: Ein Nutzer gab zu bedenken, dass „Blickkontakt halten“ deutlich batterieschonender sei als die App-Nutzung.
Unabhängig vom Humor zeigt das Phänomen vor allem eines: Selbst unter schwierigen Bedingungen bleibt das Bedürfnis nach Nähe und Normalität bestehen. In einer Situation, in der Herzen meist aus Angst und Anspannung schneller schlagen, sorgt eine QR-Code-Begegnung vielleicht dafür, dass es für einen Moment einen anderen Grund gibt – Vorfreude statt Sirenen.
Titelbild: Ob die App tatsächlich zu einem Happy End führt, ist unklar. Hier zelebriert ein israelisches Paar seine Hochzeitszeremonie in einer Tiefgarage, die angesichts des andauernden Krieges zwischen Israel und Iran sowie der Sicherheitslage in Israel als Schutzraum genutzt wird, 3. März 2026. Foto: Chaim Goldberg/Flash90