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Wie Schutzräume in Israel zu Orten der Begegnung werden

JERUSALEM, 30.03.2026 (BF) – Sirenen heulen, Handys schlagen Alarm, Menschen laufen in Sekunden in den nächsten Schutzraum. Was nach Ausnahmezustand klingt, ist für viele Israelis seit Wochen Alltag. Doch genau dort, wo Angst und Enge dominieren, entsteht etwas Unerwartetes.
In Schutzräumen, Parkhäusern und U-Bahn-Stationen entwickelt sich eine eigene Form von Alltag. Manche schlafen dort, andere arbeiten, wieder andere versuchen, den Moment zu gestalten. In Tel Aviv hat sich in den vergangenen Wochen sogar eine Art „Untergrundszene“ entwickelt.
Ein Beispiel dafür sind improvisierte Aktionen wie gemeinsame Mahlzeiten. Ein Content Creator servierte mitten während eines Alarms frisch zubereitete Pancakes im Schutzraum. Plötzlich warteten die Menschen nicht mehr nur auf die nächste Explosion, sondern auf den nächsten Teller. Für einen Moment verschob sich der Fokus.

Zwischen Angst und Gemeinschaft

Viele Schutzräume sind längst mehr als nur Orte des Schutzes. Sie werden zu Treffpunkten. In großen Anlagen wie unter dem Dizengoff Center entstehen fast kleine Parallelwelten. Menschen richten sich dort mit Matratzen ein und verbringen Tage und Nächte gemeinsam.Der Alltag bleibt dabei fragil. Schlaf ist selten durchgehend möglich. Sirenen unterbrechen jede Routine. Viele berichten davon, nur noch halb wach zu leben, ständig bereit, wieder aufzustehen und zu laufen. Und trotzdem entstehen genau dort neue Formen von Gemeinschaft. Menschen lernen sich kennen, teilen Essen und kümmern sich umeinander. Einige organisieren kleine Veranstaltungen. Geburtstagsfeiern, Fitnesskurse oder gemeinsames Musikhören gehören inzwischen zum Alltag vieler Schutzräume. Selbst therapeutische Arbeit verlagert sich teilweise dorthin oder wird angepasst. Gespräche finden am Telefon statt, Begegnungen werden neu gedacht. Es ist ein ständiges Improvisieren unter Druck.

Familien suchen Schutz in einer halbfertigen Tiefgarage in Tel Aviv, während Raketenangriffe aus dem Iran drohen.
Schutz und Begegnung zugleich: Familien suchen Schutz in einer Tiefgarage in Tel Aviv, während draußen Raketen drohen. Foto: Chaim Goldberg/Flash90

Musik, Partys und ein Stück Normalität

Auffällig ist, wie stark kreative Menschen diese Räume prägen. Musiker, DJs und Künstler nutzen die Situation, um aufzutreten. Konzerte finden spontan in U-Bahn-Stationen statt, kleine Partys entstehen in Kellern. Ein DJ berichtete, wie aus einer kleinen Runde unter Freunden plötzlich eine volle Tanzfläche wurde, als während eines Alarms immer mehr Menschen in den Schutzraum kamen. Für kurze Zeit verwandelte sich der Raum in einen Club. Auch bekannte Künstler treten auf. Sängerinnen nutzen abgesagte Auftritte, um stattdessen unterirdisch zu performen. Andere organisieren gezielt kleine Shows in Schutzräumen, angepasst an die Sicherheitsvorgaben.

Nicht alles hält lange. Manche Veranstaltungen werden schnell wieder beendet, etwa wenn Nachbarn die Polizei rufen. Doch der Impuls bleibt derselbe. Die Menschen suchen Wege, die Situation aktiv zu gestalten, statt sie nur auszuhalten. Selbst einfache Dinge wie Kaffee, gemeinsames Kochen oder kleine Tanzaktionen bekommen dadurch eine neue Bedeutung. Sie schaffen Momente, in denen der Krieg für kurze Zeit in den Hintergrund tritt.

Alltag im Ausnahmezustand

Gleichzeitig bleibt die Realität hart. Viele Menschen leben seit Wochen zwischen Wohnung und Schutzraum. Arbeit wird unterbrochen, Schlaf bleibt unregelmäßig, das Leben verlagert sich in enge, oft provisorische Räume.
Und doch zeigt sich etwas, das sich durch viele Berichte zieht. Eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich anzupassen. Situationen werden nicht nur ertragen, sondern aktiv gestaltet. Die Schutzräume sind damit nicht nur Orte der Sicherheit. Sie werden zu Orten, an denen Menschen versuchen, sich ein Stück Kontrolle zurückzuholen. Zwischen Sirenen und Einschlägen entsteht so eine neue Form von Alltag, improvisiert, ungeplant und zugleich erstaunlich lebendig.

Titelbild: Musiker geben im Bunker in Tel Aviv ein Konzert. Foto Dor Pazuelo/Flash90

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