
„Wir fühlen uns nicht mehr sicher“ – Englands jüdische Gemeinschaft im Schatten des Terrors
JERUSALEM, 03.05.2026 (NH) – Die Idylle von Golders Green, einem pulsierenden Zentrum jüdischen Lebens im Norden Londons, ist jäh erschüttert worden. Zwei jüdische Männer, Shloime Rand (34) und Moshe Shine (76), wurden am helllichten Tag auf offener Straße von einem Messerangreifer attackiert. Der Vorfall gilt nicht als isoliertes Ereignis, sondern als blutiger Höhepunkt einer Welle antisemitischer Vorfälle im Vereinigten Königreich, die die jüdische Gemeinschaft in Angst und Wut versetzt.
Vom Online-Hass zur Gewalt auf der Straße
Der Tatverdächtige, ein 45-jähriger britischer Staatsbürger somalischer Herkunft, wurde wegen zweifachen versuchten Mordes angeklagt. Für viele Betroffene reicht der Schock jedoch über die physischen Verletzungen hinaus. Shloime Rand, eines der Opfer, äußerte deutliche Kritik an der britischen Staatsführung: „Die Regierung tut ihren Job nicht, die jüdische Gemeinschaft zu schützen.“ In der Gemeinde verbreite sich zunehmend das Gefühl, sich nicht mehr frei und sicher bewegen zu können.
Mark Rowley, Chef der Metropolitan Police, sprach von einer „Epidemie“ des Antisemitismus, die durch soziale Medien weiter angeheizt werde. Britische Juden seien Ziel unterschiedlichster extremistischer Gruppen, von radikalen Islamisten über Linksextreme bis hin zu Rechtsextremisten.
Zwischen politischen Zusagen und Forderungen nach mehr Schutz
Die Bedrohungslage sei derzeit so hoch wie nie zuvor. Bereits im Oktober 2025 hatte ein tödlicher Anschlag auf eine Synagoge in Manchester am jüdischen Fastentag Jom Kippur die Gemeinschaft erschüttert. Hinzu kommen zahlreiche Fälle von Vandalismus an jüdischen Einrichtungen sowie Brandanschläge auf Krankenwagen der jüdischen Hilfsorganisation „Hatzola“.
Premierminister Keir Starmer, dessen Ehefrau jüdisch ist, bezeichnete die Vorfälle als „zutiefst besorgniserregend“ und kündigte harte Konsequenzen an. In Teilen der jüdischen Gemeinschaft wächst jedoch die Skepsis gegenüber politischen Zusagen. Kritiker bemängeln, Solidaritätsbekundungen blieben häufig ohne konkrete Maßnahmen. Während die Regierung erwägt, bestimmte anti-israelische Proteste zu verbieten, insbesondere solche, die zur „Globalisierung der Intifada“ aufrufen, fordern Sicherheitsverantwortliche wie Rowley zusätzliche Mittel für den Schutz jüdischer Einrichtungen und Viertel.
Politische Spannungen und existenzielle Sorgen
Die Situation wird von vielen auch als politisch instrumentalisiert wahrgenommen. Während Oppositionspolitiker Antisemitismus als „nationalen Notstand“ bezeichnen, geriet die Führung der Grünen Partei in die Kritik, nachdem sie das harte Vorgehen der Polizei bei der Festnahme des Angreifers zunächst als „Polizeigewalt“ bezeichnet hatte, bevor sie sich später entschuldigte.
Für viele Juden in England hat die Lage eine existenzielle Dimension erreicht. Einige erwägen, das Land zu verlassen. „Ich liebe England, aber es macht mir große Sorgen. So etwas habe ich noch nie zuvor empfunden“, erzählte der 21-jährige Calev Swabel. Die jüdische Gemeinschaft steht zu ihrer Identität und zu Israel, doch der Preis dafür erscheint in den Straßen Londons derzeit hoch.
Titelbild: An einer Bushaltestelle sticht der Angreifer (rechts) am vergangenen Donnerstag mehrfach auf den 76-jährigen Mann ein. Die Messerattacke erschüttert die jüdische Gemeinschaft zutiefst. Foto: Screenshot Sicherheitskameras