
„Auf der Schiene ins Nirgendwo“: Israels Botschafter nennt Jerusalem-Beirut-Gespräche ein „Zugunglück“
JERUSALEM 24.06.2026 (LS) – Während die fünfte Runde der direkten Gespräche zwischen Israel und dem Libanon in Washington beginnt, äußert sich Israels Botschafter in den USA mit einer ungewöhnlich offenen Kritik. Yechiel Leiter nennt die Verhandlungen ein „Zugunglück“ – und meint damit nicht Beirut, sondern Washington. Der Grund: Die Trump-Administration hat den Libanon-Waffenstillstand in die Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) mit dem Iran eingebettet, und damit der Hisbollah eine Hintertür geöffnet, die Israel nicht akzeptieren wird.
Leiter: „Wir sitzen im selben Zug – aber der entgleist“
„Vier Runden lang saßen wir alle im selben Zug, im selben Waggon, und fuhren dasselbe Ziel an – mit den USA als Lokomotive“, schrieb Leiter in einer hebräischen Erklärung zum Beginn der fünften Gesprächsrunde im US-Außenministerium. „Der Zug fuhr in eine sehr klare Richtung: vollständiger Frieden zwischen den Ländern, der Iran und sein destruktiver Einfluss draußen aus dem Libanon, die Demontage der Hisbollah, Frieden und Sicherheit für den Libanon und Israel.“ Die aktuelle Entwicklung sei ein „Zugunglück“ – man brauche dringend Klarheit.
Das Kernproblem: In dem US-Iran-MoU ist der Libanon-Waffenstillstand als Teil des Gesamtpakets enthalten. Damit hat Washington Teheran faktisch einen Hebel über die Libanon-Gespräche gegeben – obwohl diese Verhandlungsschiene ursprünglich genau dazu geschaffen worden war, den Iran aus dem Libanon-Dossier herauszuhalten.
„Die Grundprämisse dieser Gespräche war, dass der Iran nicht beteiligt ist und die Hauptdiskussion über den Libanon und die Hisbollah geht – nicht darüber, inwieweit der Iran die Hisbollah zügeln kann“, erklärte Leiter. „Das ist nicht Irans Rolle. Seine Rolle ist es, sich aus dem Libanon herauszuhalten.“
Sa’ar: „Libanon steht unter iranischer Besatzung“
Außenminister Gideon Sa’ar wurde beim JNS International Policy Summit in Jerusalem noch deutlicher: „Ich höre Aussagen in der internationalen Gemeinschaft, Israel verletze die Souveränität des Libanon. Das ist nicht die Wahrheit. Die Hisbollah verletzt die Souveränität des Libanon.“ Sa’ar bezeichnete Libanon als unter „iranischer Besatzung“ stehend – indirekt durch die Hisbollah. „Auf libanesischem Boden gibt es eine stärkere Armee als die libanesische Armee – das ist die Hisbollah. Und das ist das Kernproblem.“
Premierminister Benjamin Netanjahu seinerseits machte unmissverständlich klar, dass Israel seine Truppen im Südlibanon behalten werde – ungeachtet des zunehmenden Drucks aus Washington. Hisbollah-Chef Naim Qassem erklärte hingegen: „Wir haben jetzt eine Waffenruhe. Der Rückzug muss nach einem Zeitplan erfolgen. Israel hat keine andere Wahl, als sich vollständig aus allen libanesischen Gebieten zurückzuziehen – ohne auch nur einen Zentimeter zu behalten.“

IDF feuert trotz Gesprächen – Rubio beschwichtigt
Parallel zu den Verhandlungen führte die israelische Armee (IDF) am selben Tag Angriffe gegen Hisbollah-Kämpfer im Südlibanon durch – ein Zeichen, dass Jerusalem nicht bereit ist, die Operationen während der Gespräche einzufrieren. US-Außenminister Marco Rubio versuchte nach Kräften zu beschwichtigen: „Es gibt ein iranisches Problem mit Blick auf den Libanon – nämlich die Unterstützung und Förderung der Hisbollah. Dieser Faktor wird im Rahmen unserer Gespräche mit den Iranern diskutiert werden.“ Das Libanon-Dossier sei von der Iran-Frage getrennt, beteuerte er – auch wenn die Ereignisse der vergangenen Woche genau das Gegenteil beweisen.
Titelbild: Der israelische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Yechiel Leiter. Foto: Arie Leib Abrams/Flash90