
Jerusalem will Lebensmittelrettung stadtweit ausbauen
JERUSALEM, 14.09.2026 (DR) – In Jerusalem hat ein neu gegründetes Forum die Arbeit an einem stadtweiten System zur Rettung überschüssiger Lebensmittel aufgenommen. Restaurants, Supermärkte, Bäckereien und weitere Betriebe sollen genießbare Waren künftig leichter an soziale Einrichtungen und Ausgabestellen weitergeben können.
Grundlage ist die Arbeit der Initiative Jerusalem Food Rescuers (dt. Jerusalemer Essensretter). Sie bewahrt seit 2019 Lebensmittel vor der Entsorgung. Am Großmarkt im Stadtteil Givat Schaul sortieren überwiegend Freiwillige Obst und Gemüse, das Händler nicht mehr verkaufen können. Die Waren sind etwa überreif, leicht beschädigt oder entsprechen optisch nicht den Erwartungen des Handels.
Anschließend gelangen sie zu Ausgabestellen in verschiedenen Teilen der Stadt. Dort sind sie kostenlos oder zu niedrigen Preisen erhältlich. „Ernährungssicherheit bedeutet Zugang zu frischen, nahrhaften Lebensmitteln – räumlich, wirtschaftlich und kulturell“, erklärte Daniella Seltzer, Mitgründerin von Jerusalem Food Rescuers. Dabei gehe es nicht nur um ausreichend Kalorien, sondern auch um Wahlmöglichkeiten und Würde. Nach eigenen Angaben hat die Organisation bisher 1.300 Tonnen Lebensmittel gerettet. Rund 1.300 Familien erhalten regelmäßig Waren über ihr Netzwerk. Zudem habe die Initiative fast 10.000 Schüler über Lebensmittelverschwendung und nachhaltige Ernährung informiert.
Überschüsse und Bedarf besser verbinden
Das neue Jerusalem Urban Food Forum will diese Arbeit erheblich ausweiten. Ein Konzept nennt rund 2.200 Jerusalemer Betriebe, die für die Lebensmittelrettung infrage kommen. Dazu zählen Restaurants, Cafés, Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Hersteller, Caterer und Großküchen.
Ein stadtweiter Mechanismus soll verfügbare Überschüsse möglichst schnell mit dem Bedarf in den Stadtteilen verbinden. Dafür wären unter anderem eine gemeinsame Koordination, die Beteiligung der Betriebe, Logistik, digitale Hilfsmittel und ausreichende Verteilungskapazitäten nötig.
Seltzer geht davon aus, dass das System jährlich rund 7.000 Tonnen Lebensmittel retten könnte. Dem Konzept zufolge gehen in Jerusalem pro Jahr möglicherweise mehr als 200.000 Tonnen Lebensmittel im Wert von bis zu 1,8 Milliarden Schekel (rund 510 Millionen Euro) verloren.
Der Bedarf ist groß: Nach Zahlen des israelischen Wohlfahrtsministeriums leben 39 Prozent der Jerusalemer Familien unterhalb der Armutsgrenze. Bei Kindern liegt der Anteil bei 51 Prozent.
Jerusalem tritt internationalem Abkommen bei
Bürgermeister Mosche Lion hat im Juni den Milan Urban Food Policy Pact unterzeichnet. Das 2015 ins Leben gerufene Abkommen verbindet inzwischen 330 Städte. Sie wollen nachhaltige, sichere und widerstandsfähige Ernährungssysteme fördern und Erfahrungen austauschen.
Auch die Stadtverwaltung unterstützt das Jerusalemer Ernährungsforum. „Dies ist ein gemeinsamer Prozess, der praktische Maßnahmen für die besonderen Bedürfnisse Jerusalems entwickeln soll“, erklärte Hadar Lavi, Leiterin der städtischen Abteilung für soziale Nachhaltigkeit.
Seltzer fordert darüber hinaus eine eigene Abteilung für Ernährungspolitik innerhalb der Stadtverwaltung. Lebensmittel seien ein grundlegender Teil der städtischen Infrastruktur. „Lebensmittelrettung sollte als Teil der städtischen Politik verstanden werden, nicht nur als Wohltätigkeit“, betont Seltzer.
Titelbild: Weggeworfenes Obst und Gemüse in einem Abfallcontainer, Symbolbild. Foto: OpenIDUser2/Wikimedia Commons, GFDL 1.2+