
Zwischen Asche und Neuanfang – unsere Wunde, unser Schmerz und der unbeugsame Wille zu leben
von Nadine Haim Gani
JERUSALEM, 07.10.2026 – Wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir einen Text zum dritten Jahrestag des 7. Oktober schreiben können.
Wie bringt man einen Schmerz zu Papier, für den es eigentlich keine Worte gibt? Wie beschreibt man ein Trauma, das nicht nur in Erinnerungen lebt, sondern im Körper, in Familien und im Alltag? Eine Wunde, die jedes Jahr aufs Neue aufreißt, sobald dieser Tag näherrückt?
Wir haben keine Antwort gefunden.
Was wir finden, wenn wir tief in uns hineinschauen, ist vor allem Schmerz. Trauer. Wut. Und offene Wunden.
Israel kennt Krieg. Israel kennt Terror. Israel kennt Sirenen und die Angst um das eigene Leben. Generationen unseres Volkes sind mit der Sorge um die eigene Sicherheit aufgewachsen. Doch der 7. Oktober 2023 war anders.
Nicht, weil wir an diesem Tag zum ersten Mal menschliche Grausamkeit gesehen hätten. Sondern wegen ihrer Dimension, ihrer Gleichzeitigkeit und der Geschwindigkeit, mit der innerhalb weniger Stunden das Sicherheitsgefühl eines ganzen Landes zerbrach.
An diesem Feiertagsmorgen wurden Familien in ihren Häusern überfallen. Junge Menschen, die einfach nur tanzen wollten, wurden auf dem Nova-Festival ermordet. Soldaten wurden auf ihren Stützpunkten überrannt. 1.192 Menschen wurden getötet – Juden, Muslime, Christen, Hindus, Kinder, Eltern und Großeltern. 251 wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.
Und dann waren da die Bilder.
Bilder, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Familien, die in ihren Häusern ermordet und verbrannt wurden. Babys und Kinder, die sich mit ihren Eltern in Schutzräumen versteckten und dort getötet wurden. Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Verstümmelte Körper. Entführte Geiseln. Aufnahmen von Verschleppten, die vor laufenden Kameras gedemütigt und durch die Straßen von Gaza geführt wurden.
Es waren nicht nur einzelne Morde. Es waren Gräueltaten, die darauf abzielten, Leben zu entmenschlichen und Terror zu verbreiten. Bilder, die so brutal sind, dass Worte dafür kaum ausreichen.
Und all das hat sich tief in unsere Seele eingebrannt.
Ist diese Brutalität für uns völlig neu? Nein. Wir haben sie schon früher gesehen, bei Terrororganisationen wie dem sogenannten Islamischen Staat und al-Qaida, aber auch hier in Israel. Doch die Dimension des 7. Oktober traf ein ganzes Land mit einer Wucht, die bis heute nachwirkt.
Seit diesem schwarzen Tag gibt es für uns ein Leben vor dem 7. Oktober und ein Leben danach.
Und während wir noch versuchten zu begreifen, was geschehen war, während Familien ihre Angehörigen suchten, Tote beerdigt und Namen von Vermissten vorgelesen wurden, sahen wir Bilder, die den Schmerz noch vertieften: Menschenmengen auf den Straßen von Gaza, die jubelten, als israelische Geiseln tot, verletzt und gedemütigt durch die Straßen geführt wurden.
Es war die Freude über ein Massaker.
Wie sollen wir diese Bilder vergessen? Wie sollen wir so tun, als wäre der 7. Oktober nur eine weitere Episode eines Konflikts gewesen?
Und während unsere Familien um ihre Kinder weinten und wir verzweifelt auf die Rückkehr unserer Geiseln hofften, wurden auf den Straßen westlicher Städte Rufe wie „Free Palestine“ laut.
Natürlich ist menschliches Leid niemals gleichgültig. Aber Empathie kann nicht bedeuten, dass wir unsere eigenen Toten vergessen. Sie kann nicht bedeuten, dass wir die Bilder verdrängen, die wir gesehen haben. Und sie darf schon gar nicht bedeuten, dass den Opfern des 7. Oktober das Recht auf Trauer, Schmerz und Mitgefühl abgesprochen wird.
Wir wollen den Schmerz anderer Menschen nicht auslöschen. Wir wollen nur nicht, dass unser eigener Schmerz ausgelöscht wird.
Wir wollen nicht, dass der 7. Oktober relativiert wird. Wir wollen nicht, dass aus Opfern Täter gemacht werden. Und wir wollen nicht, dass die Welt vergisst, was an diesem Tag geschehen ist.
Denn für uns ist der 7. Oktober kein Datum in einem Geschichtsbuch.
Er ist ein Teil unseres Lebens geworden.
Er sitzt in unseren Häusern. In unseren Familien. In unseren Kindern. In unseren Ängsten. Und manchmal in den kleinsten Dingen des Alltags.
Ein Geräusch. Eine Sirene. Ein Bild. Ein Lied. Ein Feiertagsmorgen.
Und plötzlich ist alles wieder da.
Und es sind diejenigen, die fehlen.
Kinder. Eltern. Geschwister. Freunde. Nachbarn.
Menschen, die an diesem Morgen noch da waren und die wir heute nicht mehr in den Arm nehmen können.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen inzwischen, wie tief das Trauma in die israelische Gesellschaft reicht. Symptome von Posttrauma, Angst und Depression haben nach dem Angriff stark zugenommen. Doch Zahlen können nicht erklären, wie sich dieses Trauma anfühlt.
Sie können nicht erklären, wie es ist, wenn ein Kind fragt, ob wir sicher sind.
Wie es ist, wenn Eltern ihre Kinder ansehen und sich fragen, ob sie sie im Ernstfall beschützen könnten.
Oder wie es sich anfühlt, wenn ein ganzes Land an einem einzigen Morgen begreift, dass das, was man für unmöglich gehalten hat, tatsächlich geschehen kann.
Und trotzdem ist da etwas, das stärker ist als der Schmerz.
Der Wille zu leben.
Der Wille aufzustehen. Weiterzumachen. Für unsere Kinder. Für unsere Familien. Für diejenigen, die nicht mehr aufstehen können.
Der 7. Oktober hat uns verwundet. Tief.
Aber er hat uns nicht ausgelöscht.
Im Gegenteil. Inmitten der Zerstörung sind Menschen aufgestanden. Nachbarn haben Nachbarn geholfen. Fremde haben Fremde aufgenommen. Freiwillige haben dort angepackt, wo Hilfe gebraucht wurde. Eine selbst traumatisierte Gesellschaft hat versucht, andere aufzufangen.
Vielleicht ist das die andere Geschichte des 7. Oktober.
Nicht nur die Geschichte dessen, was uns angetan wurde.
Sondern auch die Geschichte dessen, was wir danach getan haben.
Wir werden aus dieser Asche wieder wachsen.
Nicht, weil wir vergessen. Nicht, weil die Wunden verschwinden. Und auch nicht, weil irgendwann alles wieder so sein wird wie vorher.
Es wird nie wieder so sein wie vorher.
Der Wald, der nach einem Feuer wächst, ist nicht derselbe Wald. Er trägt die Spuren des Feuers. Aber seine Wurzeln sind noch da.
Und irgendwo zwischen schwarzer Erde und verbranntem Holz beginnt etwas Neues.
Zuerst kaum sichtbar.
Ein kleiner grüner Trieb. Dann ein weiterer.
Und irgendwann wieder ein ganzer Wald.
Vielleicht wird auch unser Wald anders aussehen. Gezeichnet von Erinnerung, Trauer und Verlust. Aber auch von Leben. Von Stärke. Von Hoffnung.
Denn wir werden leben.
Wir werden erinnern.
Wir werden trauern.
Wir werden kämpfen.
Und wir werden weitergehen.
Nicht, weil wir vergessen haben.
Sondern weil wir uns weigern, dass der 7. Oktober unser Ende sein darf.
Am Israel Chai.
Titelbild: Die von Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023 angerichteten Zerstörungen im Kibbuz Nir Oz nahe der Grenze zum Gazastreifen im Süden Israels, 30. Oktober 2023. Foto: Chaim Goldberg/Flash90