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Studie: Mehr junge Ultraorthodoxe als bisher angenommen verlassen ihre Gemeinschaft

JERUSALEM, 16.10.2026 (DR) – Fast jeder sechste junge charedische (ultraorthodoxe) Mann in Israel verlässt bis zum 30. Lebensjahr seine Gemeinschaft. Bei Frauen ist es etwa jede achte. Eine neue Auswertung israelischer Volkszählungsdaten beziffert die Austrittsquoten auf 15,3 beziehungsweise 11,9 Prozent.

Neue Daten, höhere Schätzungen

Die Organisation Yotzim L’Shinui, die ehemalige Charedim bei der Integration in die säkulare Gesellschaft unterstützt, hat die Zahlen veröffentlicht. Frühere Schätzungen lagen bei 13,5 Prozent der Männer und 9,6 Prozent der Frauen. Anders als die bisherigen jährlichen Befragungen liefert die Volkszählung eine breitere Datengrundlage. Die höheren Werte belegen daher nicht, dass zuletzt mehr Menschen ausgetreten sind.

Der Austritt bedeutet zudem nicht unbedingt eine Abkehr vom Glauben. Einer Untersuchung von 2025 zufolge bezeichneten sich 46 Prozent der ehemaligen Charedim weiterhin als religiös und weitere 20 Prozent als traditionell-religiös. Nur 18 Prozent stuften sich als säkular ein.

Nach Angaben der Forschungsleiterin Adar Anisman spielen beim Ausstieg häufig Fragen der Lebensweise und Lebensqualität eine Rolle. Viele Betroffene halten Kontakt zu ihren Familien. Zugleich erschweren fehlende Ausbildungsabschlüsse und finanzielle Belastungen manchen den Neubeginn.

Bildung und Militärdienst

Gleichzeitig wächst die Beteiligung von Charedim an der Hochschulbildung. 2024/25 studierten knapp 19.000 von ihnen an israelischen Hochschulen, darunter rund 32 Prozent Männer. Insgesamt stieg ihre Zahl um neun Prozent, bei den Männern um 15 Prozent. Einige Hochschulen bieten eigens angepasste Studienwege an.

Ultraorthodoxe Männer bei der Arbeit im Bizmax-Geschäftszentrum in Jerusalem(Archivbild). Das Zentrum fördert die berufliche Integration von Charedim. Foto: Flash90

Auch die israelische Armee (IDF) erprobt neue Angebote. Anfang 2025 nahm die Chaschmonaim-Brigade erste Soldaten auf. Sie soll einen an die charedische Lebensweise angepassten Dienst ermöglichen. Frühere Programme hielten religiöse Rahmenbedingungen nicht immer ein: Trotz vorgesehener strikter Geschlechtertrennung mussten zum Beispiel charedische Soldaten teilweise mit weiblichem Militärpersonal zusammenarbeiten.

Politische Initiative

Die neue charedische Partei The Haredi Public (auf Deutsch: Die charedische Öffentlichkeit) fordert mehr Allgemeinbildung, bessere Berufsperspektiven und Militärdienst für Männer, die nicht ganztägig in einer Jeschiwa (Thoraschule) lernen. Damit grenzt sie sich von den etablierten ultraorthodoxen Parteien Vereinigtes Thora-Judentum (UTJ) und Schas ab.

Ob sie in die Knesset einzieht, ist offen. Ihre Gründung zeigt dennoch, dass auch innerhalb der charedischen Gesellschaft entsprechende Integrationsansätze vertreten werden.

Inwieweit angepasste Bildungs- und Militärangebote Austritte verhindern können, ist bislang nicht belegt. Yotzim L’Shinui fordert unterdessen ein staatliches Programm für bereits Ausgetretene, das ihnen den Zugang zu Bildung, Arbeit und Militärdienst erleichtert.

Titelbild: Menschen spazieren am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur 2026 durch die autofreien Straßen Jerusalems. In der israelischen Gesellschaft leben Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugungen und Lebensweisen Seite an Seite. Foto: Yonatan Sindel/Flash90.

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