
Libanons Schiitenbasis wendet sich teilweise von der Hisbollah ab – zwei Drittel wollen die Waffen in Staatshand
JERUSALEM 25.10.2026 (LS) – Die Hisbollah beansprucht seit Jahrzehnten, für die Sicherheitsinteressen der libanesischen Schiiten zu sprechen. Genau dieser Anspruch gerät nun ins Wanken. Eine Umfrage des Instituts Statistics Lebanon vom September, durchgeführt unter 800 Schiiten, liefert Zahlen, die vor dem Krieg kaum vorstellbar gewesen wären.
Zwei Drittel für eine Entwaffnung – Wut auf die Führung
66,4 Prozent der befragten Schiiten sprechen sich dafür aus, die Waffen der Hisbollah an den libanesischen Staat zu übergeben. Mehr als 40 Prozent äußern Wut und Enttäuschung über die Führung der Terrororganisation, 38,5 Prozent haben wenig oder gar kein Vertrauen in sie. Rund 67 Prozent glauben, die Hisbollah habe ihre Kriegsziele nicht erreicht. Nur 5,9 Prozent wollen die aktuelle Führung künftig stärken.
Auch bei der Frage von Krieg und Frieden zeigt sich ein Wandel: Die Befragten wollen diese Entscheidungen beim Staat sehen, nicht bei der Hisbollah. Nur 11,9 Prozent sind der Meinung, die Hisbollah solle den Anweisungen ihrer eigenen Führung folgen, wenn diese der Regierung widersprechen. 80 Prozent stellen ihre libanesische Identität über ihre konfessionelle oder parteipolitische. Und 63,3 Prozent können sich eine Form von Abkommen mit Israel vorstellen – ein Befund, den man in der schiitischen Gemeinschaft lange für undenkbar hielt.
Der Hintergrund liegt auf der Hand: Zerstörte Dörfer, Hunderttausende Vertriebene und ein Krieg, in den die Hisbollah das Land im Auftrag des Irans hineingezogen hat. Die Rechnung dafür zahlen die Menschen im Süden.
Die Hisbollah ist mehr als eine Miliz
Die Autoren der Analyse mahnen zur Vorsicht. Der Einfluss der Hisbollah beruhe nicht allein auf Waffen, sondern auf sozialen und wirtschaftlichen Netzwerken, politischer Macht und der historischen Marginalisierung der Schiiten im Libanon. Die Organisation ist Arbeitgeber, Bank und Wohlfahrtsverband zugleich.
Hinzu kommt: Frühere Umfragen zeichneten ein völlig anderes Bild. In einer Erhebung von Information International vom Mai lehnten 88 Prozent der schiitischen Befragten eine Entwaffnung ab, über 90 Prozent ein Friedensabkommen mit Israel. Methodik, Stichprobe und Fragestellung unterscheiden sich, und in einem Land, in dem die Hisbollah weite Teile des Alltags kontrolliert, bleibt offen, wie frei Menschen antworten. Die aktuelle Umfrage erfasst zudem nur Schiiten und ist nicht repräsentativ für das ganze Land.
Und doch ist die Botschaft für Jerusalem und Washington deutlich: Der Boden, auf dem die Hisbollah steht, ist brüchiger geworden. Je klarer die libanesische Regierung und ihre Armee den Auftrag zur Entwaffnung umsetzen, desto mehr Rückhalt dürften sie in der Gemeinschaft finden, die bislang als sicherer Rückhalt der Hisbollah galt. Doch dafür müsste Beirut endlich liefern, woran es bisher gescheitert ist.
Titelbild: Folgen des Krieges im Südlibanon. Viele Libanesen geben der Hisbollah die Schuld an der Zerstörung ihres Landes. Foto: Flash90