
Nach der Wahl: Herzog mahnt zur Einigung, Arabische Parteien feiern und Trump reklamiert den Erfolg für sich
JERUSALEM 29.10.2026 (LS) – Zwei Tage nach der Wahl hat keiner der beiden Blöcke eine Mehrheit. Die Auszählung der Doppelumschläge (darunter Soldaten, Diplomaten im Ausland, Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen) hat laut der Zentralen Wahlkommission heute um 1 Uhr morgens begonnen. Doch Präsident Isaac Herzog fordert bereits jetzt alle Seiten auf, offen in die Koalitionsgespräche zu gehen.
Der Stand: 53 zu 48, und 19 Mandate dazwischen
Nach den Zahlen der Zentralen Wahlkommission vom Mittwochabend liegt Premierminister Benjamin Netanjahus Block bei 53 Sitzen, der Block um Gadi Eisenkot bei 48. Die arabischen Parteien kommen auf rund 19 Mandate. Es fehlen noch etwa 500.000 Stimmen von Soldaten, Diplomaten, Gefangenen und Wählern außerhalb ihres Wahlbezirks. Diese könnten zu Änderungen in der Mandatsverteilung führen, doch es ist fraglich, ob sie das Gesamtbild deutlich verändern werden.
Präsident Isaac Herzog reagierte mit einem klaren Appell: „Wir müssen alles tun, ganz sicher nach gestern, um eine weitere Wahlrunde zu vermeiden. Deshalb erwarte ich von jedem, der hierherkommt, offen zu sein.“ Die offiziellen Ergebnisse erwartet er in der kommenden Woche von Richter Noam Sohlberg, dem Vorsitzenden der Wahlkommission.. Danach beginnen die Konsultationen mit den Fraktionen. Herzog entscheidet, wer als Erster den Auftrag zur Regierungsbildung erhält – nicht zwingend der Chef der größten Partei. Scheitert dieser Versuch, kann er einen anderen Kandidaten beauftragen, der dann 28 Tage ohne Verlängerung hat.
Arabische Parteien feiern Sieg
Die Wahlbeteiligung unter arabischen Israelis lag bei rund 80 Prozent, ein historischer Wert für eine Gemeinschaft, die der Urne lange fernblieb. Damit haben ihre Parteien erstmals eine Hebelwirkung, die Koalitionen entscheiden könnte.
Arabische Knessetmitglieder feierten ihren „Sieg“ bei den Wahlen in ausgelassenen Feiern. Die Gratulationsrede des ehemalige Knessetabgeordneten der Vereinigten Arabischen Liste Osama Saadi zirkuliert in sozialen Medien. In seiner Rede erklärt er vor jubelndem Publikum: „Wir haben die faschistische, völkermordende Regierung gestürzt.“ Weiter verkündet er: „Wir widmen diesen Sieg der Bevölkerung im Gazastreifen, im Westjordanland und im besetzten Jerusalem“.
Rechnerisch könnte der Oppositionsblock mit den arabischen Parteien eine Mehrheit bilden. Yair Golan von den Demokraten sprach von einer „Gelegenheit zur Partnerschaft“, Jussef Jabareen von der Vereinigten Liste erklärte, man sei bereit, „den Weg zu Netanjahus Absetzung zu ebnen“. Er fordert einen mit ausreichenden Mitteln ausgestatteten und überwachten Plan zur Verbrechensbekämpfung und zieht gleichzeitig rote Linien bei nationalen Themen, darunter Krieg und Siedlungsbudgets. Doch Gadi Eisenkot, Naftali Bennett von Beyachad und Avidgor Liberman von Israel Beiteinu haben bisher ausgeschlossen, sich auf arabische Stimmen zu stützen.
Trump: „Ich habe ihn gerettet“
Noch am Mittwochmorgen reklamierte US-Präsident Donald Trump das Ergebnis für sich. Auf Truth Social teilte er ein Zitat, wonach nach seiner Unterstützung für „Bibi“ die Stimmung gekippt sei und aus einer klaren Niederlage ein „Patt oder sogar ein Sieg“ werde. Vor Reportern erklärte er: „Als die Unterstützung herauskam, hat sie ihm sehr geholfen.“ Selbst ein Unentschieden könne unter diesen Umständen als Sieg gelten, die Koalitionsverhandlungen seien „ein großes Schachspiel“.
Ein Analyst der Jerusalem Post liest darin mehr als Eigenlob: Trump wolle mitbestimmen, wer Israel regiert, und zwar eine Regierung, die seinen Nahost-Plänen nicht im Weg steht. Er sehe Netanjahu in seiner Schuld, und diese Rechnung habe nun einen weiteren Posten.
Titelbild: Der israelische Präsident Isaac Herzog und seine Frau Michal in einem Wahllokal in Jerusalem bei ihrer Stimmenabgabe. Foto: Yonatan Sindel/Flash90