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Weltpremiere in Israels Wasserpolitik: Entsalztes Meerwasser fließt in den See Genezareth

JERUSALEM, 23.09.2025 (BF) – Israel hat ein Projekt gestartet, das weltweit einmalig ist. Zum ersten Mal wird entsalztes Wasser aus dem Mittelmeer in einen Süßwassersee gepumpt. Der See Genezareth, hebräisch Kinneret, soll damit stabilisiert und langfristig als strategischer Wasserspeicher gesichert werden.

Der „Reverse Carrier“ als Antwort auf die Dürre

Die Arbeiten an der neuen Leitung begannen 2018, die Einweihung erfolgte 2022. In diesem Jahr ist das System erstmals im vollen Umfang in Betrieb, nachdem der vergangene Winter als der trockenste seit hundert Jahren in die Messreihen einging. Der Wasserstand des Kinneret fiel dabei so stark, dass er nur knapp über der kritischen „roten Linie“ lag. Unterhalb dieses Niveaus würde das ökologische Gleichgewicht gefährdet.

Das Projekt trägt den Namen „Reverse Carrier“. Es ist die Umkehrung des historischen National Water Carrier, der seit den 1960er Jahren Wasser aus dem See in den Süden und ins Zentrum des Landes leitete. Nun fließt das Wasser in die entgegengesetzte Richtung: von Entsalzungsanlagen in Ashdod, Hadera und weiteren Küstenorten bis in den Norden. Die Distanz beträgt zwischen 100 und 150 Kilometern.

Die Einspeisung erfolgt über den Zalmon-Bach, der jahrelang trocken war und jetzt wieder Wasser führt. Nach Angaben der Wasserbehörde fließt dort im Normalbetrieb rund ein Kubikmeter pro Sekunde. In den Wintermonaten soll die Menge schrittweise gesteigert werden, bis zu 5000 Kubikmeter pro Stunde. Insgesamt werden über Herbst und Winter mehrere Dutzend Millionen Kubikmeter in den See geleitet.

Natur als Verbraucher von Wasser

Die Idee hinter dem Projekt ist nicht nur technische Innovation, sondern auch ein neuer Ansatz im Verhältnis zur Umwelt. Der Direktor der Wasserbehörde, Yechezkel Lifshitz, betont, man verstehe die Natur nicht länger nur als Lieferant von Wasser, sondern auch als Empfänger. Entsalztes Wasser werde bewusst in ein Ökosystem zurückgeführt, das dringend Stabilität benötige.

Trotz des niedrigen Pegels ist der See ein beliebtes Naherholungszentrum in Nordisrael. Foto: Ayal Margolin/Flash90

Die Qualität des Meerwassers gilt als hoch. Entsalzung reduziert den Salzgehalt stärker, als es in den meisten natürlichen Zuflüssen der Fall ist. Fachleute erwarten deshalb keine negativen Auswirkungen auf Pflanzen, Fische oder Mikroorganismen. Dennoch mahnen Umweltschützer, die chemischen und biologischen Parameter sorgfältig und dauerhaft zu überwachen. Selbst kleine Veränderungen im Nährstoffgehalt können langfristige Folgen haben.

Das Projekt kostete rund 900 Millionen Schekel, also etwa 228 Millionen Euro. Kritiker hatten lange den hohen Aufwand bemängelt und gefragt, ob es nicht effizienter sei, das Wasser direkt in Haushalte und Landwirtschaft zu leiten. Die Befürworter verweisen dagegen auf die zentrale Rolle des Kinneret. Er ist nicht nur Speicher, sondern auch ein nationales Symbol und ein ökologisches Herzstück Nordisraels.

Bedeutung für die Zukunft

Der See Genezareth erhält auf diese Weise eine Rückversicherung gegen die Folgen des Klimawandels. Israel rechnet mit weiter sinkenden Niederschlägen in den kommenden Jahrzehnten, besonders im Norden. Schon heute ist das Land stark von Entsalzungsanlagen abhängig, die den größten Teil des Trinkwassers liefern.

Mit dem Reverse Carrier wird der Kinneret nicht mehr nur als Quelle, sondern als Reserve gedacht. Er bleibt gefüllt, auch wenn Flüsse wie der Jordan, der Hasbani oder der Banias weniger Wasser führen. Gleichzeitig stärkt das Projekt die Resilienz des gesamten Wassersystems, das bis zum Jahr 2075 vorausgeplant ist.

Israel hat mit der Inbetriebnahme des Reverse Carrier einen neuen Weg eingeschlagen. Entsalztes Wasser fließt zurück in die Natur und stabilisiert den bedeutendsten Süßwassersee des Landes.

Ob das Projekt als Modell für andere Regionen taugt, wird sich zeigen. Technisch ist es machbar, ökologisch bleibt eine genaue Beobachtung notwendig. Fest steht: Mit dieser Investition sendet Israel ein Signal, dass die Sicherung von Wasser nicht allein eine Frage der Technik ist, sondern auch eine des langfristigen Denkens.

Titelbild: Blick auf den See Genezareth und die kleine Insel, die aufgrund des niedrigen Wasserstands gegenüber dem Kibbuz Ma’agan auftaucht ist. Foto: Ayal Margolin/Flash90

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