
Jüdisches Leben zwischen AfD und Linker: Woher kommt die Angst?
von Alon David
BERLIN, 25.09.2026 – Die politische Landkarte Deutschlands hat sich in den vergangenen Wochen deutlich verändert. In Sachsen-Anhalt erhielt die AfD bei der Landtagswahl 43,8 Prozent der Stimmen und wurde mit großem Abstand stärkste Kraft. In Berlin wurde dagegen Die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Partei bei der Abgeordnetenhauswahl. Für jüdische Gemeinden und Organisationen werfen beide Wahlergebnisse Fragen nach dem Schutz jüdischen Lebens auf.
Dabei gibt es keine einheitliche jüdische Reaktion. Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, erklärte nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt, sie könne sich nur schwer vorstellen, dass Rechtsextreme in Deutschland wieder Wahlen gewinnen. Auch andere jüdische Vertreter äußerten Sorge. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt forderte unter anderem einen konsequenten Schutz demokratischer Grundwerte, jüdischer Einrichtungen und von Minderheiten.
„Mir macht die mögliche AfD-Regierung keine Angst“
Eine bemerkenswerte Gegenposition kommt ausgerechnet aus Halle. Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle, sagte nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt: „Mir macht die mögliche AfD-Regierung keine Angst.“ Er wolle zunächst abwarten, was die Partei tatsächlich umsetzen werde.

Gleichzeitig kritisiert Privorozki die AfD deutlich. Er sieht insbesondere deren Geschichtsbild als problematisch und sagt, in der Partei gebe es „definitiv Antisemiten“. Für ihn ist die AfD trotzdem nicht die größte Bedrohung für jüdisches Leben. Seine Begründung: Seit dem 7. Oktober 2023 komme Antisemitismus auch „massiv von links“.
Kritik an der Berliner Linken
Auch in Berlin gibt es konkrete Konflikte. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, kritisierte im Mai 2026 den Fünf-Punkte-Plan der Berliner Linken gegen Antisemitismus scharf. Er bezeichnete das Konzept als „feige“ und „Feigenblatt“ und bemängelte insbesondere, dass Antisemitismus aus muslimisch geprägten Milieus darin nicht erwähnt werde. Joffe kritisierte zudem Veranstaltungen der Linken mit Hamas-nahen Organisationen und warf der Partei einen widersprüchlichen Umgang mit Antisemitismus vor.
Wenige Wochen später eskalierte die Debatte erneut. Bei einer Wahlkampfveranstaltung des Neuköllner Kreisverbands der Linken wurden Parolen wie „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ gerufen. Der Zentralratspräsident Josef Schuster kritisierte, dass Verantwortliche vor Ort nicht eingegriffen hätten. Die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp distanzierte sich anschließend von dem Vorfall.

Antisemitismus ist nicht nur eine Frage der politischen Ränder
Für jüdische Menschen geht es dabei nicht ausschließlich um Wahlergebnisse oder Parteiprogramme. Entscheidend ist die konkrete Sicherheitslage im Alltag.
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin dokumentierte für das Jahr 2025 insgesamt 2.197 antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt. Die Organisation stellt fest, dass das Niveau antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 deutlich über dem der Jahre vor dem Hamas-Massaker liegt.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte in Berlin im September 2026, jüdisches Leben in Deutschland sei derzeit nicht mehr sicher. Er verwies auf antisemitische Angriffe, Drohungen und die zunehmende Sorge jüdischer Gemeinden. (Jüdische Allgemeine)
Nach der Berliner Wahl forderte Außenminister Johann Wadephul, die neue Berliner Regierung müsse eindeutig an der Seite jüdischen Lebens stehen. Er verwies dabei ausdrücklich auf antisemitische Tendenzen in Teilen der Linken und sagte, Juden müssten sich in Berlin und Deutschland angstfrei bewegen können.
Zwei politische Milieus, unterschiedliche Formen
Der Blick auf AfD und Linke zeigt, dass in beiden politischen Lagern unterschiedliche Debatten über Antisemitismus und jüdisches Leben geführt werden. Bei der AfD stehen unter anderem Fragen zum Umgang mit der deutschen Geschichte, einzelnen antisemitischen Äußerungen und politischen Positionen im Mittelpunkt. Gleichzeitig gibt es innerhalb der jüdischen Gemeinschaft unterschiedliche Einschätzungen.
Auch bei der Linken gibt es Diskussionen über den Umgang mit Antisemitismus und Israel. Kritiker aus der jüdischen Gemeinde und dem Zentralrat der Juden haben insbesondere den Umgang mit israelfeindlichen Positionen und Veranstaltungen thematisiert.
Für jüdisches Leben stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Wie konsequent werden antisemitische Positionen bekämpft – unabhängig davon, aus welchem politischen Umfeld sie kommen?
Antisemitismus ist für viele Juden in Deutschland eine konkrete Bedrohung. Der Schutz jüdischen Lebens und die Möglichkeit, sich offen als Jude zu zeigen, bleiben wichtige gesellschaftliche und politische Aufgaben.
Titelbild: Wahllokal zur Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September 2026 in Berlin. Foto: Fokus Jerusalem/Alon David