
Wahlniederlagen für Israels Verbündete: JD Vance wird zum scharfen Kritiker
von Tommy Mueller
JERUSALEM, 06.11.2026 – Mehrere Politiker, die als enge Verbündete Israels galten, haben in diesem Jahr Wahlen verloren. Israel gerät international zunehmend unter Druck. Auch aus Washington kommt inzwischen deutliche Kritik. Die Folgen sind noch nicht absehbar.
Ende der Ära Orbán in Ungarn
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán galt 16 Jahre lang als einer der engsten Verbündeten der israelischen Regierung in der Europäischen Union. Seine Regierung blockierte regelmäßig EU-Sanktionen gegen israelische Siedler und stellte sich auch während des Gaza-Krieges an die Seite Israels. Bei der Parlamentswahl am 12. April unterlag Orbáns Fidesz-Partei deutlich der Tisza-Partei von Herausforderer Péter Magyar. Magyar kündigte nach seinem Sieg an, die „besondere Beziehung“ zu Israel fortzuführen, sie aber „pragmatisch“ zu gestalten. EU-Beschlüsse zu Israel will seine Regierung künftig im Einzelfall prüfen.
Politisches Erdbeben in Serbien
In Serbien verlor die regierende Serbische Fortschrittspartei (SNS) am 25. Oktober die vorgezogene Parlamentswahl. Nach vorläufigen Ergebnissen kam die Studentenliste, die aus der Protestbewegung gegen die Regierung hervorgegangen ist, auf rund 52,5 Prozent der Stimmen und damit auf eine absolute Mehrheit; die SNS erreichte etwa 39 Prozent. Ihr Spitzenkandidat Aleksandar Vučić räumte die Niederlage noch am Wahlabend ein. Er hatte als Präsident enge Beziehungen zu Israel gepflegt und unter anderem die Verlegung der serbischen Botschaft nach Jerusalem angekündigt. Ende September war Vučić als Staatspräsident zurückgetreten, um Ministerpräsident zu werden.
Lula bleibt Präsident Brasiliens
In Brasilien fand am selben Tag die Stichwahl um die Präsidentschaft statt. Für das Lager des israelfreundlichen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro trat dessen Sohn Flávio Bolsonaro (Liberale Partei) an. Die Bolsonaros gelten als überzeugte Unterstützer Netanjahus. Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva (Arbeiterpartei), der die israelische Kriegsführung wiederholt scharf kritisiert hat, setzte sich in einem knappen Rennen mit 51,79 Prozent der Stimmen durch. Damit dürfte Brasilien seinen bisherigen palästinafreundlichen Kurs in der Nahostpolitik beibehalten.
Machtwechsel im US-Kongress
Nun zeigen sich auch Risse im Verhältnis zu Israels wichtigstem Verbündeten, den USA. Bei den Zwischenwahlen am Dienstag errangen die Demokraten in einem sogenannten „blauen Tsunami“ die Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat. Auch für die proisraelische Lobbyorganisation AIPAC verlief der Wahlabend enttäuschend: Nach einer Auswertung des Portals Responsible Statecraft flossen fast zwei Drittel ihrer Wahlkampfausgaben – rund 55 Millionen US-Dollar – in Rennen, in denen die von ihr unterstützten Kandidaten verloren. AIPAC selbst verweist darauf, dass mehr als 230 proisraelische Kandidaten beider Parteien gewählt worden seien.
Vance sieht Israel als Belastung
Für Aufsehen sorgte US-Vizepräsident JD Vance, der als möglicher Nachfolger von Donald Trump gilt. Vance machte am Mittwoch vor allem den Krieg gegen den Iran für die schweren Verluste der Republikaner verantwortlich. Er berief sich auf einen Meinungsforscher, der abgewanderte Trump-Wähler gefragt habe, was sie zur Rückkehr bewegen würde. Die vier häufigsten Antworten seien gewesen: den Krieg beenden, sich um die Lebenshaltungskosten kümmern, „Amerika zuerst“ – und die Beziehung der USA zu Israel ändern.
JD Vance gilt als Gesicht eines neuen republikanischen Isolationismus. Er stellt die enge Bindung an Israel zunehmend als Belastung für amerikanische Interessen dar. Bereits im Juni war es zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen: Nach der Unterzeichnung eines Memorandums zwischen den USA und dem Iran hatten israelische Minister, darunter Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich, die US-Regierung scharf kritisiert. Vance erinnerte sie daraufhin an Israels Abhängigkeit von amerikanischer Militärhilfe: „In den vergangenen drei Monaten wurden zwei Drittel der Verteidigungswaffen, die Ihr Land geschützt haben, von amerikanischen Händen gebaut und mit amerikanischen Steuergeldern bezahlt.“ Er fügte hinzu, Washingtons Nahostpolitik dürfe sich jener Israels nicht länger „unterordnen“. Die USA wollen die Militärhilfe für Israel noch 2026 beenden.
Titelbild: US-Vizepräsident JD Vance fällt durch scharfe Kritik an Israel auf. Im Verhältnis zwischen Washington und Jerusalem zeigen sich Risse. Foto: Marc Israel Sellem/Pool