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Rundfunkabhörer Miki Gurdus gestorben

von Ulrich W. Sahm

TEL AVIV, 29.11.2017 – Der legendäre Rundfunkabhörer Miki Gurdus ist im Alter von 73 Jahren nach einem Herzstillstand verstorben. Vor allem in den 60er und 70er Jahren, als es weder Internet noch Fernsehen und andere moderne Komunikationsmittel gab, hatte er mit Geduld und Technik die Fähigkeit, Funkverkehr von Flugzeugen und Schiffen, militärische Kommunikation und Hobbyfunker abzuhören. Oft hat er durch seine exklusiven und schnellen Berichte im israelischen Rundfunk den Verlauf der Weltgeschichte geändert.

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin und Premierminister Benjamin Netanjahu würdigten Gurdus für seine Verdienste. Ihm zu Ehren wird sein vielseitiges Leben nachfolgend vorgestellt. Die Auszüge stammen aus der 2012 erschienenen Reportage im Buch „Alltag im gelobten Land“ von Ulrich W. Sahm.

Oft erfährt Gurdus als Erster von Krisen

»Hier ist Kol Israel. Die Nachrichten. Unser Rundfunkabhörer Miki Gurdus meldet, …« Wenn der israelische Rundfunk so seine Nachrichten beginnt, dann weiß jeder, dass etwas passiert sein muss. Miki Gurdus ist weder Politiker noch vom Militär. Dennoch liegt es oft in seiner Hand, Menschenleben zu retten oder den Gang der Weltgeschichte zu verändern. Gurdus verfügt – wie der Papst – über keinerlei »Divisionen« und hat doch von Zeit zu Zeit eine nicht zu unterschätzende Macht. Seine Geheimwaffe ist jedem zugänglich, aber er allein macht sie sich für journalistische Zwecke zunutze. Miki Gurdus hört systematisch alle Funkfrequenzen ab. Über Kurz- oder Langwelle, auf UHF oder VHF erfährt er oft als Erster von Revolutionen, Flugzeugentführungen oder Befreiungsoperationen. Nicht selten bringt er peinliche Informationen an die Öffentlichkeit, die betroffene Regierungen lieber geheim gehalten hätten.

Miki Gurdus ist zwischen Fernschreibern und Empfangsgeräten aufgewachsen und versteht sieben Sprachen, neben Hebräisch auch Englisch, Französisch, Russisch, Polnisch, Arabisch und Deutsch. Wenn es sein muss, findet er sich in noch ein paar weiteren Sprachen zurecht, die er beim ständigen Rundfunkabhören aufgeschnappt hat. Seinen »Beruf« hat er als 25-Jähriger von seinem Vater Nathan erlernt.

2017-11-29 Miki Gurdus bei der Arbeit

 

 

 

 

 

Miki Gurdus bei der Arbeit in seinem Apartement

 

Eine zuverlässige Quelle

Wenn es im Nahen Osten hoch hergeht, geben sich Fernsehteams bei Gurdus die Klinke in die Hand. Hier können sie mehr erfahren als über internationale Nachrichtenagenturen. Er gilt als zuverlässige Quelle. In Herzlija oder Jerusalem werden die Kommunikationssatelliten der arabischen Welt angezapft und mitgeschnitten. Wenn im Irak, in Syrien oder im Jemen eine pathetische Rede gehalten wird, ist ausgerechnet Israel die Bodenstation, wo dieses Filmmaterial empfangen, geschnitten und per Satellit nach Europa und Amerika weitergeleitet wird.

Gurdus wohnt in einem ganz normalen Reihenhaus am Chen-Boulevard in Tel Aviv. Nur an dem Antennenwald auf dem Dach ist dem Haus der ungewöhnliche Bewohner anzusehen.

So wie andere Journalisten zu Pressekonferenzen gehen oder Straßeninterviews machen, klopft Gurdus die Kurzwelle auf Neuigkeiten ab. Und selbst heute noch, im Zeitalter von Internet und Satellitentelefon, Direktübertragungen und anderen Übermittlungsmethoden gelingt es ihm immer wieder, Informationen zu ergattern, an die sonst kaum ein anderer Journalist so schnell herankommt.

 

Fotos: Ulrich W. Sahm

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