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Helden ohne Umhang (9): Asaf Yasur verliert bei einem grausamen Stromunfall beide Arme – Nun träumt er von den Olympischen Spielen 2024

von Nadine Haim Gani

JERUSALEM, 18.06.2021 – Asaf wurde als zweiter von fünf Jungen und einer kleinen Schwester geboren. Sein Schwesterchen kennt ihren Bruder nur ohne Unterarme. Die Tragödie geschah nur eine Woche vor der Bar Mitzwa des kleinen Asaf. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, ob der schwer verletzte Asaf seinen feierlichen 13. Geburtstag überhaupt erleben wird.

18. April 2015 – 16:55 Uhr: Der aufgeweckte 12-Jährige spielt an einem schönen Schabbat-Nachmittag mit einigen Freunden Fußball. Nicht weit vom Haus der Familie entfernt steht ein Strommast, von dem drei Hochspannungskabel mit jeweils 22.000 Volt in einen elektrischen Betriebsraum führen. Der dort platzierte Transformator versorgt die 70 Familien im Dorf mit Strom. Den Richtlinien für sicherheitstechnische Transformatoren und Schaltanlagen entspricht die Anlage nicht. Der Fußball fliegt während des Spiels über die hohe Mauer der Anlage. Asaf klettert über die fünf Meter hohe Wand in die Stromanlage und rettet seinen Ball. Als der Junge versucht, aus der Anlage herauszuklettern, rutscht er ab. Instinktiv greift er nach Halt. Eine Hand erfasst das 22.000 Volt-Kabel, mit der anderen Hand griff er nach dem Metallzaun. Mörderische Stromstöße mit hohen Temperaturen durchfluten den kleinen Körper. Die Wucht schleudert den Jungen zurück in die Anlage. Asaf blickt auf seine verschmorten Hände und erkennt schnell den ernst der Lage. 

Der Rettungssanitäter des Dorfes bricht die Tür zu der Elektroanlage auf und versucht, den kleinen Körper zu bergen. Mit einem Teppichmesser schneidet er die verbrannten Kleider vom Körper des Kindes und versucht vergeblich, dem Vater den Weg zu seinem Sohn zu versperren. Der Anblick der verstümmelten Gliedmaßen würde ihn in einen Schockzustand fallen lassen. Selbst der kleine Asaf, der bei vollem Bewusstsein ist, bittet seinen Vater, den Unfallort zu verlassen. Er will nicht, dass sein geliebter Papa ihn in einem solchen Zustand sieht. Der Anblick der kleinen Arme war grauenvoll. Bis heute hat sich das Bild in den Köpfen der Familie eingebrannt: Die Hände waren halbiert, die Finger abgebrannt, die Armknochen gebrochen.

Der Junge entwickelt sich zu einer Kämpfernatur 

Asaf wird mit einem Helikopter ins Krankenhaus gebracht. Seine Unterarme werden amputiert. Acht Monate verbingt der tapfere Junge im Tel HaShomer-Krankenhaus, zwischen Operationen, Rehabilitation und Physiotherapie. Insgesamt muss er 15 Operationen über sich ergehen lassen.

Der schlimmste Moment war, als Asaf aufwachte und ihm seine Eltern erklären mussten, dass seine Hände nicht gerettet werden konnten. Seine Eltern kämpften lange, wie sie ihrem Sohn die traurige Botschaft beibringen sollten. „Wir sind Eltern, die stets für ihre Kinder sorgen. Jeder kleine Kratzer, jeder kleine Schmerz, wir sind immer für sie da. Mit einer solch schweren Verletzung klar zu kommen, ist nicht einfach“, berichtete Lior Yasur in einem Interview. Wie geht es jetzt für ihn und die gesamte Familie weiter?

Asaf bei den israelischen Taekwondo-Meisterschaften am 28.5.2021. Foto: Israel Taekwondo Federation 

Doch der kleine Asaf hat ein Kämpferherz. Er entschied, nicht aufzugeben und sich zurück ins Leben zu kämpfen. Er setzte sich immer wieder neue Ziele und sein grenzenloser Optimismus überraschte seine ganze Umgebung. Schnell lernte Asaf, entgegen der traurigen Vorhersagen und Prophezeiungen aller Ärzte, trotz seiner schweren Verletzungen für sich selbst zu sorgen. Er gewann Schritt für Schritt seine Unabhängigkeit zurück: Er wollte alleine essen, sich selbst ankleiden, sogar malen und schreiben können. Selbst das Fahrradfahren ließ er sich nicht nehmen. Seine Behinderung hielt die kleine Kämpfernatur nicht davon ab, wie seine gleichaltrigen Freunde das Leben zu genießen.

Seine Eltern und Geschwister unterstützen den Jungen, wo immer sie können. Schon zu Beginn kamen sie gemeinsam zu dem Entschluss, den schweren Unfall nicht als Tragödie anzusehen und Asaf auf ein unabhängiges Leben ohne Pflegehilfe vorzubereiten. Sein Vater erzählt in einem Interview mit dem israelischen Fernsehen: „Wir fragen nicht, welche Arbeiten Asaf selbst erledigen kann und welche nicht. Wir sagen ihm einfach, was er zu erledigen hat. ‚Asaf, räum dein Zimmer auf.‘ – ‚Asaf, richte den Tisch für das Mittagessen.“ Lächelnd fügt sein Vater hinzu: „Asaf ist ein ganz normales Kind, nur talentierter als andere, weshalb wir von ihm mehr erwarten und das klappt!“

Asaf entdeckt den Kampfsport 

Kurze Zeit später begegnete er dem Kampfsport. In den langen Monaten im Krankenhaus bekam Asaf einen besonderen Besuch, der sein Leben für immer verändern sollte. Die paralympische Sportlerin Pascal Berkovich inspirierte den kleinen Mann. Sie selbst verlor im Alter von 17 Jahren beide Beine. Pascal legte den Samen für den weiteren Werdegang Asafs, mit der einfachen Frage, ob er den Kampfsport Taekwondo kenne. Asaf zückte sein Handy und fing an, Youtube-Videos über den Sport zu verschlingen. Das Kind fing Feuer: „Das kann ich auch!“. Der Junge entdeckte für sich das Taekwondo.

Asaf im Einsatz. Video: Israel Taekwondo Federation

Ende Mai gewann Asaf die Bronzemedaille bei den israelischen Taekwondo-Meisterschaften, trotz sichtlicher körperlicher Überlegenheit seiner Mitstreiter. Doch seine Ambitionen halten ihn nicht innerhalb der Grenzen Israels. Asaf träumt davon, an den Olympischen Spielen 2024 in Paris teilzunehmen und mit einer Medaille das israelische Volk stolz machen. Der heute 18-Jährige zeichnet sich nicht nur durch außerordentliche sportliche Begabung aus, sondern auch durch künstlerische Talente. Asaf liebt es, zu zeichnen und überrascht seine Angehörigen immer wieder mit neuen ausdrucksstarken Gemälden.

Seminare, um Mitmenschen zu ermutigen

Asaf hat es sich zum Ziel gesetzt, andere Menschen zu inspirieren, ihnen Mut zu geben, auch wenn es scheint, dass kein Lichtstrahl die Dunkelheit zu durchtrennen vermag. Ohne Hände, 15 Operationen, Dutzende Narkosen, unerträgliche Schmerzen, zerplatze Träume: Den 12-Jährigen ereilte eine Tragödie, an der selbst Erwachsene zu zerbrechen drohen. Doch der inspirierende Jugendliche sieht sein Schicksal als Geschenk an. Und dieses Geschenk reicht er weiter. Unter dem Motto „Nimm Dich selbst in die Hand“ gibt Asaf Motivations-Seminare und erreicht mit seiner ergreifenden Lebensgeschichte viele Zuhörer. In einem seiner Vorträge im israelischen Fernsehen erzählt er, wie er dunkle Momente im Krankenhaus nach der Amputation seiner Hände durchlebte. In diesen Momenten gaben ihm seine Eltern Halt. Sie versicherten ihm, dass er die Kraft finden werde, den Weg aus diesem Tief zu erkennen. Und mit dieser Kraft und diesem Kampfgeist wird er Großes erreichen. Wie recht seine Eltern haben sollten, konnte sich vor sechs Jahren noch niemand vorstellen. Von einem verletzten Kind ohne Hände zu einem sensiblen Kämpfer, der ein ganzes Land ergreift.

In einem Interview erklärt Asaf stolz: „Ohne die Verletzung würde ich heute nicht hier stehen und hätte all das nicht erreicht. Ich liebe das, was ich heute tue. Ich sehe es als Privileg an, als paralympischer Sportler mein Land zu vertreten. Ich würde nichts ändern!“

Asaf, du bist unser Held!

Titelbild: Asaf Yasur träumt von der Olympiade in Paris 2024. Wir drücken ihm die Daumen! Foto: Mit freundlicher Erlaubnis der Israel Taekwondo Federation

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