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Immer mehr Deutsche verlieren das Interesse an Israel

JERUSALEM, 26.10.2022 (NH) – Eine Studie mit dem Titel „Deutschland und Israel heute: Zwischen Verbindung und Entfremdung“ legt überraschende Ergebnisse offen. Der Umfrage zufolge haben die Bewohner Israels eine positivere Meinung von Deutschland als andersherum. Dominierend sei bei der Umfrage das Gefühl der deutschen Teilnehmer, keine Verpflichtung mehr gegenüber dem jüdischen Volk oder Israel zu haben. Die allgemeine „deutsche“ Einstellung zum Heiligen Land sei weniger positiv als in den Jahren zuvor.

Sollte Deutschland Verantwortung für Israel tragen?

Die am Montag veröffentlichte Studie wurde von der gemeinnützigen Bertelsmannstiftung in Auftrag gegeben. In Deutschland wurde die Befragung von der New Strategic Research GmbH durchgeführt, in Israel kümmerte sich die Wave Research Organisation um die Analyse. Befragt wurden Deutsche und Israelis über 18 Jahre.

Den Ergebnissen zufolge sind die Israelis geteilter Meinung darüber, ob das Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen immer noch vom Holocaust beeinflusst wird. Von den israelischen Befragten sind 42% der Ansicht, die dunkle gemeinsame Geschichte habe nur wenig oder sogar keinen Einfluss auf die Beziehung der beiden Länder. Trotz dem recht positiven Ergebnis sind 60% der Israelis nicht bereit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Nur 14% sind der Auffassung, dass es an der Zeit wäre, ein neues Kapitel zu beginnen.

Hier spalten sich die Meinungen der deutschen und israelischen Teilnehmer. In Deutschland glaubt mit 49% fast die Hälfte der Befragten, dass die Vergangenheit der Vergangenheit angehöre und es an der Zeit sei, weiterzumachen. Nur 33% teilen diese Einstellung nicht. Auch bei der Frage, ob Deutschland eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk habe, gehen die Meinungen auseinander. Während in Israel 58% der Auffassung sind, Deutschland hätte immer noch Verantwortung für das jüdische Volk, simmten in Deutschland nur 35% zu. Eine gewisse Verantwortung für den Staat Israel fühlen nur 27% der befragten Deutschen. Auf die Frage, wie sich die deutsche Regierung im Konflikt mit den Palästinensern verhalten sollte, wünschten sich 61% der Israelis eine deutsche Unterstützung. Nur 12% der Deutschen stimmten diesem Wunsch zu und 64% sind der Meinung, dass sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite Kompromisse eingegangen werden müssen, um eine Lösung im Nahost-Konflikt zu finden.

Besorgniserregende Aussagen in Bezug auf Antisemitismus

Im Allgemeinen zeigen Studienergebnisse, dass Israel deutlich größere Erwartungen an Deutschland stellt, was von den deutschen Befragten zum größten Teil abgelehnt wird.

Stephan Vopel, Direktor der Bertelsmannstiftung, erklärt die abweichenden Auffassungen der befragten Parteien. „Die unterschiedliche Wahrnehmung von Deutschen und Israelis resultiert auch aus unterschiedlichen Sicherheitssituationen und einer unterschiedlichen politischen Kultur“. Vopel fügt hinzu, dass die meisten Deutschen der Ansicht sind, es dürfe nie wieder einen Krieg geben. Für die Israelis im Gegenzug ist der ausschlaggebende Punkt die Ansicht, dass Juden nie mehr Opfer sein dürfen.

Die Studie widmete sich auch spezifischen Fragen zur Untersuchung des Antisemitismus in Deutschland und erschreckte mit judenfeindlichen Ansichten. So glauben noch heute 24% der Deutschen, dass Juden zu viel Einfluss in der Welt haben. Ein weiterer besorgniserregender Punkt in der Bertelsmann-Analyse ist der Antisemitismus, der sich gegen den jüdischen Staat richtet. Sage und schreibe 36% der Deutschen vergleichen die Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit der Politik des Naziregimes gegenüber den Juden im Dritten Reich. Ein tieferer Blick in die gesammelten Daten legte offen, dass deutsche Befragte mit einem niedrigen Bildungsniveau tendenziell voreingenommenere Ansichten teilten.

Dialog und Kooperation soll Brücken bauen

Dr. Joachim Rother, der das Israel-Portfolio der Bertelsmannstiftung leitet, erklärte, einige Ergebnisse seien ermutigend. Dennoch gebe es „Warnzeichen“: „Angesichts des offensichtlichen Zusammenhangs zwischen Bildung und Antisemitismus fordern wir dringend Investitionen in Bildungsprogramme, um diese Probleme anzugehen“, erläutert Rother. Zwar haben sich die deutsch-israelischen Beziehungen in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert, aber sei eine intensive und dringende Überprüfung der Ansichten der jüngeren Bevölkerung in beiden Ländern erforderlich. Hier kann die direkte Interaktion in Form von Dialog und Kooperation von Vorteil sein“, erklärt Rother.

Titelbild: Der stellvertretende israelische Premierminister Naftali Bennett und der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Jerusalem. Foto: Ohad Zwigenberg/POOL

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