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Die Gesichter & Geschichten hinter den Geiseln – Sagui Dekel-Chen

JERUSALEM, 23.05.2024 (LS) – Wir wollen den Geiseln in Gaza ein Gesicht geben und ihre Geschichte erzählen. Wir wollen gemeinsam unseren Alltag für ein paar Minuten anhalten und für die Heimkehr eines jeden Einzelnen beten.

„Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt” (Mischna, Sanhedrin 4:5)

Sagui Dekel-Chen (35), Kibbuz Nir Oz

Am Morgen des „Schwarzen Schabbats“ stand der 35-jährige Familienvater früh auf, umarmte seine Frau und seine beiden Töchter und ging in die Kibbuz-Werkstatt, um an einem seiner vielen sozialunternehmerischen Projekte zu arbeiten, der Umrüstung eines alten Stadtbusses.

Plötzlich sah er, wie Hamas-Terroristen in den Kibbuz eindrangen, kletterte auf das Dach des gemeinschaftlichen Speisesaals, gab eine Warnung aus und rannte nach Hause. Seine schwangere Frau Avital befand sich mit ihren beiden kleinen Töchtern im Luftschutzkeller.

„Er sah mich an und sagte: ‚Wenn sie reinkommen, ist es vorbei‘“, erinnerte sich Avital später gegenüber dem israelischen Fernsehsender Kanal 12. „Ich werde alles tun, was ich kann, okay? Aber sie dürfen nicht reinkommen”, erklärte Sagui ihr, und ging los. Er verschwand im Kampf gegen die Hamas-Terroristen. An diesem Tag wurden etwa 80 der rund 400 Bewohner des Kibbuz Nir Oz, darunter auch Sagui, als Geiseln genommen, und der Kibbuz wurde zerstört.

Die Belagerung und die Kämpfe zogen sich über Stunden hin, zum letzten Mal hörten sie um 9:30 von ihm, so Saguis Vater Jonathan Dekel-Chen.

Saguis Mutter, Neomit, 63, lebt ebenfalls in Nir Oz und wurde zusammen mit ihren Nachbarn gefangen genommen und Richtung Gaza gefahren. Ein Hubschrauber der israelischen Armee schoss auf die Terroristen und den Fahrer. Die verletzte Neomit konnte flüchten und machte sich auf den Weg zurück in den Kibbuz zu ihrer Familie. Dort wurde sie schließlich gerettet und evakuiert.

Saguis Vater kämpft für die Befreiung der Geiseln

Jonathan war Teil der amerikanischen Delegation von Familienmitgliedern der Geiseln mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft, die in den USA auf die anhaltende Notlage der Gefangenen aufmerksam machen.

„Dies ist mein Kampf, Sagui zu befreien oder sicherzustellen, dass er und die anderen noch leben“, erklärt er. „Dies sind meine Freunde, meine Nachbarn, Lehrer, Studenten, Krankenschwestern, Bauern. Wie die anderen Familien möchte ich verzweifelt, dass unsere Lieben zurückkehren und alles tun, damit sie nach Hause kommen und ihre Träume erfüllen können.“

Sagui Dekel-Chen mit seiner Frau Avital, seiner sechsjährigen Tochter Bar und seiner zweijährigen Tochter Gali. Foto: Hostages and Missing Families Forum

Saguis Leidenschaft ist das Umrüsten von Bussen, um aus ausrangierten Fahrzeugen etwas Neues zu machen. Zunächst verwandelte er einen ausrangierten Bus in ein mobiles Heim, das er als Rückzugsort nutzen wollte, um damit durch das Land zu reisen. Er kaufte einen weiteren Bus, dann noch einen, dann noch einen und schuf so eine Reihe von mobilen technischen Klassenzimmern. In Videos, die auf Kanal 12 veröffentlicht wurden, ist Sagui mit mehreren neu gekauften Bussen zu sehen, während er seiner Frau verschmitzt erklärt: „Ich verspreche dir, Mili, das ist der letzte, der letzte…“

Zusammen mit seiner Frau hatte Sagui die Idee, einen Bus zu einem mobilen Lebensmittelladen für Gemeinden ohne Supermärkte umzubauen. Er beliefert nun das abgelegene Dorf Giv’ot Bar, südlich der Beduinenstadt Rahat.

“Wann kommt Papa nach Hause?”

Avital brachte im Dezember ihr drittes Kind zur Welt, ein weiteres Mädchen, während Sagui sich weiterhin in Gefangenschaft befindet.

„Ich bin nicht die Geschichte. Sagui ist die Geschichte”, erklärt Avital auf Kanal 12, dessen Fernsehteam sie während der Geburt begleitet hat. „Dieses Baby ist dank ihm da. Er hat uns beschützt, also ist es dank ihm da … Ist Ihnen klar, dass meine Mädchen und ich in Gaza als Geiseln hätten sitzen können? Das macht keinen Sinn, wirklich.“

Avital nannte ihr Mädchen Shahar Mazal. Sie behielt den von Sagui gewählten Namen „Mazal“ (auf Deutsch: Glück) bei und fügte „Shahar“ (auf Deutsch: „Morgenröte“) hinzu, im Andenken an die im Hamas-Massaker getötete Tochter ihrer ebenfalls ermordeten Freundin Siman Tov, der ersten Direktorin des Kibbuzes.

Die Familie erhielt nach dem Geiselabkommen im November 2023 ein Lebenszeichen von Sagui. Einige der freigelassenen Frauen und Kinder bestätigten, ihm in den Tunneln unter Khan Younis begegnet zu sein. Seitdem haben sie jedoch keine Neuigkeiten erhalten

„Saguis Töchter fragen, wann ihr Vater nach Hause kommt und ob er verletzt ist“, erzählt Jonathan. „Sie fragen, warum sie nicht nach Hause können und wann sie in den Kibbuz zurückkehren dürfen. Auf diese Fragen haben wir keine Antworten.“

Die Familie verbrachte drei Monate in einem Hotel in Eilat, bevor sie mit anderen Mitgliedern der Nir Oz-Gemeinde in eine Notunterkunft außerhalb von Kiryat Gat umzog.

Jonathan Dekel-Chen erkärt, er werde dorthin gehen, wo seine Kinder hingehen. Im Moment sei geplant, dass die überlebenden Kibbuz-Mitglieder dauerhaft in den Kibbuz Beit Nir, ebenfalls in der Nähe von Kiryat Gat, umziehen.

„Sagui, wir bringen dich nach Hause und deine vier Mädchen warten auf dich.“

Sagui, wir beten für Deine Rückkehr.

Eine Wand mit Bildern von nach Gaza entführten israelischen Geiseln. Darunter ist auch das Bild von Sagui (oberste Reihe, drittes von links). Foto: Miriam Alster/Flash90

Titelbild: Sagui Dekel-Chen. Foto: privat

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