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Die Gesichter & Geschichten hinter den Geiseln – Avera Mengistu

JERUSALEM, 27.06.2024 (LS) – Wir wollen den Geiseln in Gaza ein Gesicht geben und ihre Geschichte erzählen. Wir wollen gemeinsam unseren Alltag für ein paar Minuten anhalten und für die Heimkehr eines jeden Einzelnen beten.

„Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt” (Mischna, Sanhedrin 4:5)

Avera Mengistu (36), Aschkelon

Zwei psychisch kranke israelische Männer, Avera Mengistu und Hisham al-Sayed, überquerten 2014 und 2015 unabhängig voneinander die Grenze zum Gazastreifen und werden seitdem von der Hamas als Geiseln festgehalten.

Avraham (“Avera”) Mengistu wanderte als viertes von zehn Kindern im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie aus Äthiopien nach Israel aus, erzählt sein Bruder Ilan Mengistu. Die Familie zog in eine bescheidene Wohnung in einem einkommensschwachen Viertel in Aschkelon, wo Avera bis zu seinem Verschwinden im September 2014 lebte.

Ein Jugendfreund beschreibt Avera als einen “ganz normalen Jungen”, der “lachte, in Restaurants saß und Freunde hatte”. Nach Abschluss der High School arbeitete Avera immer wieder im Recycling und anderen Gelegenheitsjobs, erzählt sein Bruder.

Tod des älteren Bruders
Avera Mengistu als Jugendlicher. Foto: privat

Ilan berichtet, Averas mentaler Zustand habe sich 2011 verschlechtert, nachdem sein älterer Bruder, Masrashau, an Komplikationen im Zusammenhang mit anhaltender Magersucht gestorben war.

Ein Freund aus Kindertagen erzählt, Avera bewältigte seine Trauer allein, zog sich von Familie und Freunden zurückzog, saß stundenlang herum, ging allein auf Reisen und wurde zusehends dünner.

Avera habe behauptet, seinen verstorbenen Bruder in seinen Händen spüren zu können, so Ilan. Ohne Wissen der Familie band er ein Stück Schnur um einen Finger seiner rechten Hand, schnitt die Blutzufuhr ab und versteckte den Finger in seiner Tasche, damit seine Familie ihn nicht sehen konnte. Die Ärzte mussten den Finger amputieren. Avera gab seine Arbeit auf, weigerte sich sogar, Zahlungen von der Nationalversicherung zu erhalten, und verbrachte einen Großteil seiner Zeit damit, durch die Nachbarschaft zu ziehen und Bekannte um Geld zu bitten.

Aufenthalt in pychiatrischer Klinik

Aus Krankenhausunterlagen, die Human Rights Watch eingesehen hat, geht hervor, dass sich Avera Mengistu vom 3. bis 15. Januar 2013 freiwillig einer psychiatrischen Behandlung im Krankenhaus von Beersheva unterzog.

Ilan Mangistu erzählt, sein Bruder, der eine Behandlung zunächst strikt abgelehnt hatte, habe erst zugestimmt, nachdem er wieder einmal verschwunden war und die Polizei ihn allein am Ufer des Sees Genezareth in Tiberias, fast 200 Kilometer von zu Hause entfernt, gefunden hatte. Er wurde jedoch ohne erkennbare Besserung entlassen, so Ilan. Fünf Tage später wiesen Familienangehörige den psychisch labilen Avera mit einer “Anordnung zur dringenden unfreiwilligen Einweisung” für sieben Tage in eine Einrichtung ein.

Doch Avera warf die von den Ärzten verschriebenen Psychopharmaka weg, sobald er das Krankenhaus verlassen hatte, setzte seine Wanderschaft fort und verschwand in ein oder zwei weiteren Vorfällen in anderen Teilen Israels.

Avera “belästigte die Leute, schrie, warf Dinge”, erklärt sein Bruder. “Es war sehr schmerzhaft. Sein Zustand verschlimmerte sich. Er hatte Selbstmordgedanken. … Er konnte gefährliche Dinge tun – seine Hand ins Feuer halten und sagen, es tue nicht weh.”

Im März 2013 befand ein medizinisches Komitee innerhalb der israelischen Verteidigungskräfte Avera Mengistu für “untauglich” und befreite ihn von der Wehrpflicht.

Gegen Mittag des 7. September 2014 bat Avera seine Mutter um Geld. Als sie sagte, sie habe keins, wurde er wütend und verließ das Haus ohne ein weiteres Wort.

Aschkelons Bürgermeister Tomer Glam besucht Avera Mengistus Mutter, nachdem die Stadtverwaltung am 16. März 2021 am Eingang der südisraelischen Stadt ein großes Schild angebracht hatte, das die Freilassung von Avera Mengistu aus der Gefangenschaft der Hamas fordert. Foto: Flash90
Überquerung der Grenze zum Gazastreifen

Später an diesem Tag bemerkten israelische Soldaten auf einer Kamera einen Mann mit dunkler Hautfarbe, der versuchte, einen Stacheldrahtzaun an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel in der Nähe des Strandes zu erklimmen, so ein Vertreter der israelischen Regierung gegenüber Human Rights Watch. Als die Soldaten eintrafen, schrien sie den Mann an, der die Spitze des Zauns erreicht hatte, und schossen in die Luft, aber er reagierte nicht.

Der Verdächtige ließ eine Schultasche zurück, und da die Soldaten nicht wussten, was er vorhatte, beschlossen sie, den Inhalt der Tasche zu untersuchen, bevor sie entschieden, ob sie auf ihn schießen oder ihn anderweitig angreifen sollten. Die Tasche enthielt Hausschuhe, ein Handtuch, eine Bibel und Bücher, darunter ein Buchhaltungsbuch mit dem Namen Avera Mengistu, das es den Soldaten ermöglichte, ihn zu identifizieren.

Währenddessen drang Avera in den Gazastreifen ein, wie israelische Sicherheitskameras in der Nähe der Grenze zeigten. Die Aufnahmen dokumentieren, wie er an einem Fischer vorbeiging, der ihn nicht bemerkte, und sich später mit Menschen neben einer Hütte unterhielt, so der israelische Regierungsvertreter. Danach verlor sich seine Spur, bis sich herausstellte, dass die Hamas den jungen Äthiopier im Gazastreifen gegen seinen Willen festhält.

Lebenszeichen und Hoffnungsschimmer

Im Laufe der Zeit gab es seitens der Hamas mehrere Lebenszeichen sowohl von Avera also auch von Hisham al-Sayed. Die Terrororganisation behauptet, es handele sich bei den Männern um israelische Soldaten, obwohl beide aufgrund ihrer psychischen Krankheit als untauglich eingestuft wurden.

Die Familien von Avera Mengistu und Hisham al-Sayad am 6. September 2018 während einer Pressekonferenz, auf der sie die Freilassung der beiden israelischen Staatsbürger aus der Gefangenschaft der Hamas fordern. Foto: Hadas Parush/Flash90

Ein im April 2016 vom militärischen Flügel der Hamas, den al-Qassam-Brigaden, veröffentlichtes Video bezeichnet sowohl Avera Mengistu als auch Hisham al-Sayed als Soldaten und zeigt beide auf Fotos, die scheinbar mit Photoshop bearbeitet wurden, in Militäruniformen neben Fotos von Oron Shaul und Hadar Goldin. Oron und Hadar wurden während des Krieges 2014 getötet und ihre Leichname befinden sich weiterhin in den Händen der Terrororganisation.

Israel hat die Hamas wiederholt aufgefordert, Avera Mengistu und Hisham al-Sayed sowie die Leichen der beiden Soldaten zurückzugeben.

Ein Mitbegründer der Hamas, Mahmoud al-Zahar, weigerte sich bei einem Treffen mit Human Rights Watch im September 2016, die Geiselhaft von Avera Mengistu und Hisham al-Sayed anzuerkennen. Er behauptete stattdessen, dass es “keine Zivilisten in Israel gibt”, da alle in der Armee dienen, und dass “Israelis, die in den Gazastreifen einreisen, Spione sind”.

Im Januar 2023 veröffentlichte die Hamas ein weiteres Geiselvideo. Es zeigt Avera, der die israelische Regierung auffordert, über seine Freilassung zu verhandeln.

Avera Mengistu in einem im Januar 2023 veröffentlichten Geiselvideo. Foto: Screenshot Hamasvideo

“Ich habe ihn sofort erkannt”, erklärte Gil Elias, ein Familienangehöriger. “Er schien in guter körperlicher Verfassung zu sein, soweit wir das beurteilen konnten.”

Die Hamas forderte für die beiden Zivilisten wiederholt die Freilassung Dutzender Terroristen.

Die Entführung der rund 240 Geiseln nach Gaza am 7. Oktober 2023 und die darauffolgenden Verhandlungen um ein Geiselabkommen hat auch der Familie Mengistu wieder Hoffnung gegeben.

Yallo Mengistu erklärt, er wolle keine Vergleiche zwischen den Entführten vom 7. Oktober und dem Fall seines Bruders anstellen. Doch genau wie für die Familien der Geiseln vom 7. Oktober sei die Abwesenheit seines Bruders eine Wunde, die ohne seine Rückkehr nicht heilen könne.

“Jedes Mal, wenn jemand vor meiner Mutter von Avera spricht, weint sie”, erzählt er. “Und es sind viele Jahre vergangen, aber man gewöhnt sich nicht daran. Es bleibt immer lebendig.”

Averas Mutter Agurnesh Mengistu erzählte Human Rights Watch, wie sehr sie ihren Sohn vermisst. “Ich denke ständig an ihn und weine die ganze Zeit. … Manchmal gehe ich aus … wenn ich nachts zurückkomme, hält mich die Erinnerung an ihn wach. … Ich möchte nur, dass mein Sohn hierher zurückkommt, damit ich ihn sehen kann.”

Das Büro des israelischen Premierministers verkündete nach dem 7. Oktober in einer Erklärung: “Alle Geiseln, die in Gaza festgehalten werden, werden nach Israel zurückgebracht. Gal Hirsch, der vom Premierminister ernannte Sonderkoordinator für die Geiseln und Vermissten, hat sich mit der Familie Mengistu getroffen. Israel ist entschlossen, alle seine Geiseln und Vermissten, einschließlich Avera Mengistu, zurückzubringen.”

Avera, wir beten für Deine Rückkehr.

Eine Wand mit Bildern von nach Gaza entführten israelischen Geiseln. Das Bild von Avera Mengistu ist ganz links in der zweiten Reihe zu sehen. Foto: Miriam Alster/Flash90

Titelbild: Avera Mengistu. Foto: privat

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