zurück zu Aktuelles

Die Gesichter & Geschichten hinter den Geiseln – Hisham al-Sayed

JERUSALEM, 03.07.2024 (LS) – Wir wollen den Geiseln in Gaza ein Gesicht geben und ihre Geschichte erzählen. Wir wollen gemeinsam unseren Alltag für ein paar Minuten anhalten und für die Heimkehr eines jeden Einzelnen beten.

„Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt” (Mischna, Sanhedrin 4:5)

Hisham al-Sayed (36), al-Hura

Zwei psychisch kranke israelische Männer, Hisham al-Sayed und Avera Mengistu, überquerten 2014 und 2015 unabhängig voneinander die Grenze zum Gazastreifen und werden seitdem von der Hamas als Geiseln festgehalten.

Hisham wurde als ältestes von acht Kindern im Beduinendorf al-Sayed geboren und wuchs dort auf. Das Dorf wurde später in die Stadt al-Hura in der Negev-Wüste eingegliedert. Hisham schloss die High School ab, erbrachte jedoch schlechte Leistungen, so sein Vater Sha’ban al-Sayed. Sha’ban erklärte gegenüber Human Rights Watch, er habe versucht, seinen Sohn in sein Baugeschäft einzubinden, aber er habe sich geweigert, zu arbeiten und sei zu Hause geblieben.

Hishams Mutter Manal beschrieb ihn als “nie zufrieden mit dem Leben, das er zu Hause hat. Er schaut sich immer andere Leute an und wünscht sich, er hätte das, was sie haben.” Sha’ban merkte an: “Wenn er einen Lkw-Fahrer sieht, möchte er einer werden; er sieht einen Arzt, er möchte einer werden.” Manal erzählt, das Ziel ihres Sohnes war, zu heiraten und einen Job haben. Hisham heiratete tatsächlich, doch er und seine Frau ließen sich innerhalb einer Woche scheiden.

Eine Woche vor seinem Verschwinden hatte er gegenüber seiner Mutter Interesse an einer erneuten Heirat bekundet. Sie erzählt jedoch, er verbrachte seine Zeit hauptsächlich damit, fernzusehen, Musik zu hören und in die Häuser und Geschäfte der Nachbarn zu gehen, die ihn manchmal neckten oder hinauswarfen. Viele in al-Hura wussten von seinem psychischen Zustand, fügte Sha’ban hinzu. Er erklärt, sie hätten ihn 2005 zu Programmen nach Zypern und 2010 nach London geschickt, in der Hoffnung, ein Tapetenwechsel würde ihm helfen.

Dokumentierte psychische Krankheiten

Von Human Rights Watch eingesehene medizinische Unterlagen zeigen eine Diagnose, die Hörverlust, Schwindel und Tinnitus im Jahr 2007, “Persönlichkeitsstörung und nicht näher bezeichnete emotionale und Verhaltensstörungen” im Jahr 2009, “akute psychotische Störung” im Jahr 2010 und Schizophrenie im Jahr 2013 umfasst. Hisham verbrachte auch erhebliche Zeiträume von Tagen bis Wochen in Krankenhäusern und psychiatrischen Einrichtungen im ganzen Land, auch auf Anordnung von Gerichten und Ärzten. Sha’ban erklärt, sein Sohn habe versucht, aus mindestens einer Einrichtung zu fliehen. Es gebe “eine Stimme in seinem Kopf, die ihm sagt, was er tun soll, und er kann sie nicht kontrollieren”.

Die Familien von Avera Mengistu und Hisham al-Sayad am 6. September 2018 während einer Pressekonferenz, auf der sie die Freilassung der beiden israelischen Staatsbürger aus der Gefangenschaft der Hamas fordern. Foto: Hadas Parush/Flash90

In einem Schreiben eines psychiatrischen Zentrums von Ende 2013 heißt es, seine Einweisung beziehe sich auf ein “Verhalten, das einen Mangel an Urteilsvermögen zeigt”. Darin heißt es auch, dass er eingewiesen wurde, “nachdem er dabei erwischt wurde, wie er in Tel Aviv über einen Zaun sprang, um, wie er sagt, zu palästinensischen Taxis zu gelangen, damit sie ihn nach Jordanien bringen konnten”, und dass “er nach Jordanien oder Thailand gehen und dort leben möchte.”

Versuchte Einreisen nach Jordanien und Festnahmen

Der junge Beduine hat nach Angaben seines Vaters fünfmal versucht, allein nach Jordanien zu reisen. Bei drei dieser Gelegenheiten wurde er von Sicherheitskräften oder anderen Personen an der Überfahrt gehindert. Zwei Mal wurde er von der Polizei festgehalten, beim zweiten Mal für zehn Tage, etwa eine Woche vor seinem Verschwinden im April 2015.

Sein Sohn sei auch bei mindestens 15 verschiedenen Gelegenheiten in das sogenannte Westjordanland eingereist, erzählt sein Vater, wobei er dreimal von der palästinensischen Präventivsicherheit festgenommen wurde.

2010 und 2013 habe er auch den Gazastreifen betreten. Israelische Vertreter sagten aus, die Grenzübertritte hätten nach israelischen Aufzeichnungen am 2. Februar 2010 und am 16. Januar 2013 stattgefunden.

In einer Erklärung der israelischen Verteidigungskräfte aus dem Jahr 2016 heißt es, Hisham habe sich am 18. August 2008 freiwillig zum Militärdienst gemeldet, sei aber am 6. November 2008 entlassen worden, nachdem er für “nicht diensttauglich” befunden wurde. In dem Schreiben heißt es weiter, er gehöre “nicht zu den Reservekräften”.

Am 20. April 2015 verließ Hisham das Haus mit seinem Mobiltelefon und seinem Ausweis, ohne zu sagen, wohin er gehen wollte. Fotos, die von israelischen Behörden an diesem Tag aufgenommen wurden, zeigen ihn, wie er die Grenze zum Gazastreifen von Osten her überquert. Als er einige Tage später nicht nach Hause zurückkehrte, meldeten ihn seine Eltern als vermisst und suchten an Orten nach ihm, an denen er zuvor verschwunden war, darunter auch in Jordanien.

Als Geisel im Gazastreifen

Seine Familie wusste drei Monate lang nicht, wo er sich aufhielt, bis die Hamas in einer Erklärung bekanntgab, er werde in Gaza festgehalten. Die Terrororganisation behauptet, er sei ein israelischer Kämpfer. “Hisham hat die Grenze zum Gazastreifen wegen seiner Krankheit überquert”, betont sein Vater.

Im April 2016 veröffentlichte die Hamas ein Video von Hisham al-Sayed und Avera Mengistu, dass die beiden in einem mit Photoshop bearbeiteten Bild in Militäruniformen zeigt. Außerdem sind Bilder der Soldaten Oron Shaul und Hadar Goldin zu sehen, die beide 2014 getötet wurden, und deren Leichname sich seitdem in den Händen der Terrororganisation befinden.

Fotos von Hisham al-Sayed (links) und Avera Mengistu in einem Geiselvideo der Hamas im April 2016. Das Video gibt vor, die beiden Geiseln in Militäruniformen zu zeigen, doch es handelt sich um zu einem früheren Zeitpunkt von den Familien veröffentlichte Bilder, die mit Photoshop bearbeitet wurden. Foto: Screenshot Hamasvideo

Jahrelange Versuche, sowohl die beiden psychisch kranken Männer als auch die Leichen der beiden Soldaten durch Verhandlungen zurückzuerhalten, scheiterten.

Besorgniserrender Gesundheitszustand

Im Juni 2022 veröffentlichte die Hamas das bisher letzte Video von Hisham. Dieses gibt Anlass zur Sorge über den körperlichen Zustand der Geisel. Der israelische Beduine ist im Bett liegend, mit einer Sauerstoffmaske und an medizinische Geräte angeschlossen zu sehen.

Das Bildmaterial ist undatiert, doch auf einem Fernseher neben der Geisel ist eine Konferenz auf dem arabischen Kanal von Al Jazeera sehen, die am 21. Juni 2022 stattfand. Das Video zeigt auch Hishams israelischen Ausweis.

Der militärische Flügel der Hamas erklärte zum damaligen Zeitpunkt, der Gesundheitszustand eines ihrer israelischen Gefangenen „habe sich verschlechtert”.

Hisham al-Sayed in einem im Juni 2022 veröffentlichten Geiselvideo. Foto: Screenshot Hamasvideo

Die Aufnahmen waren das erste Mal seit sieben Jahren, dass seine Familie ihren gefangen gehaltenen Sohn sah. Aufgrund der vielen Jahre ohne Lebenszeichen hatten sie befürchtet, ihr Sohn sei in der Gefangenschaft der Hamas gestorben.

“Dies ist das erste Mal seit sieben Jahren, dass ich sein Gesicht sehe. Das hat uns geholfen, uns zu beruhigen. Er hat Medikamente eingenommen, und ich hoffe, sie geben sie ihm”, so sein Vater gegenüber Channel 12. Er appellierte an die Hamas: “Lasst ihn sofort frei. Er ist krank und braucht jederzeit medizinische Versorgung.”

Hishams Vater erklärte, das Video solle die Familien und die israelische Regierung unter Druck setzen, nachdem die jahrelangen Verhandlungen um einen Gefangenenaustausch in eine Sackgasse geraten waren.

“Das alles ist Teil der psychologischen Kriegsführung der Hamas”, so der Vater. Während die Familie Mengistu einen Teil der Schuld für die anhaltende Geiselhaft ihres Sohnes auf die israelische Regierung schiebt, ist die Familie al-Sayed der Meinung, dass die Hamas, und nur die Hamas, für die Situation ihres Sohnes verantwortlich ist. Ihrer Ansicht nach handelt die Hamas gegen die Religion des Islam, indem sie Hisham und Avera als Geiseln hält.

“Im Islam zählen die Sünden der Geisteskranken nicht”, erklärt Sha’aban. “Wenn sie psychisch Kranke nur freilassen wollen, wenn sie dafür etwas bekommen, handeln sie gegen den Islam. Sie sollten aufhören zu sagen, dass sie eine muslimische Organisation sind. Ich sage diese Dinge selbst als Muslim.”

Die Familien der beiden psychisch kranken Geiseln stehen regelmäßig miteinander in Kontakt, und beide beschreiben den Umgang miteinander als respektvoll und herzlich.

Beiden Familien haben die Verhandlungen um ein Abkommen zur Befreiung der am 7. Oktober von der Hamas entführten Geiseln neue Hoffnung gegeben.

Hisham, wir beten für Deine Rückkehr.

Eine Wand mit Bildern von in Gaza festgehaltenen Geiseln. Das Bild von Hisham al-Sayed ist zweimal in der obersten Reihe zu sehen (ganz links und als drittes von rechts). Foto: Miriam Alster/Flash90

Titelbild: Hisham al-Sayed. Foto: privat

Weitere News aus dem Heiligen Land