
Simchat Thora – Freude und Trauer, ein Jahr nach dem Massaker
JERUSALEM 23.10.2024 (LS) – Simchat Thora beginnt am letzten Abend des einwöchigen Laubhüttenfests, also mit Sonnenuntergang am heutigen Mittwoch, 23. Oktober.
Der Höhepunkt dieses Feiertags (der so viel bedeutet wie „Freude an der Thora“) sind die „Hakafot“, die sowohl am Vorabend als auch am Morgen von Simchat Thora stattfinden und bei denen Juden mit den Thora-Rollen um den Lesetisch in der Synagoge laufen und tanzen.
In der Diaspora ist der erste Tag unter seinem biblischen Namen Schemini Atzeret und der zweite als Simchat Thora bekannt. Außerhalb Israels dauern die Feiertage zwei Tage, da man in früheren Zeiten nicht immer sicher war, an welchem Tag der Feiertag genau stattfand, so dass man vorsichtshalber einen zusätzlichen Feiertag einführte.
Jahrestag des Massakers
Im vorigen Jahr fiel der Feiertag Simchat Thora auf den 7. Oktober. Dieser Tag, der eigentlich ein Tag der Freude ist, ist ein Trauertag geworden. Obwohl die offiziellen Trauerveranstaltungen in Israel am 7. Oktober stattfanden, ist Simchat Thora vor allem für die religiöse Bevölkerung der wahre Jahrestag des Massakers.
Es wird vielen schwer fallen, die erforderliche Freude an diesem Tag zu spüren, auch da der Krieg mit der Hamas weiterhin Todesopfer fordert, während Israels Feinde im Norden und weltweit ebenfalls unaufhörlich angreifen.
Viele Rabbiner haben jedoch betont, Simchat Thora solle in diesem Jahr mit gleicher Freude wie üblich begangen werden. Einerseits, weil Gott diesen Tag als Freudentag bezeichnet, und andererseits, weil die Moral des Volkes in diesen schwierigen Zeiten gestärkt werden muss.
Feiern und trauern
Rabbi Doron Perez hat am 7. Oktober 2023 einen Sohn verloren und beschreibt in einem Artikel seine Sichtweise auf den Feiertag. Hier ein kurzer Auszug:
„Dieses Simchat Thora, das letzte der hohen Feste, wird das Schwerste sein, das wir je erlebt haben. Kein Fest wird diese Dualität des Lebens mehr einfangen als dieses Fest. Auf der einen Seite feiern wir – wir halten und tanzen mit der Thora, der Quelle unseres Lebens und Lebenssinns. Gleichzeitig ist dies das schmerzhafteste Simchat Thora, an das sich jeder von uns erinnern kann. Vielleicht eines der schmerzhaftesten in der Geschichte unseres Volkes. Rund 1.300 Familien in ganz Israel werden an diesem Tag den Verlust eines geliebten Menschen betrauern.
Unser Sohn Daniel wurde um 9.01 Uhr morgens erschossen, als sein Kopf aus dem Panzer ragte, nachdem er und seine tapfere Einheit alles in ihrer Macht Stehende getan hatten, um ihre Mitsoldaten auf dem Stützpunkt Nachal Oz und die Mitglieder des benachbarten Kibbuz gleichen Namens zu retten.

Wie können wir die Vollendung der jährlichen Thora-Lesung feiern und gleichzeitig des Schmerzes über den Verlust gedenken?
Das Leben ist gewissermaßen ein Gesamtpaket, und wir sind aufgerufen, übermenschliche Kräfte zu mobilisieren, wenn wir vor Herausforderungen stehen.
Es half mir, etwas zu verstehen, das wir gerade während Sukkot im Buch Kohelet [Prediger] gelesen hatten. König Salomo, der weiseste aller Menschen, hebt in Kapitel 3 hervor, dass es für jede Zeit und jede Stunde unter der Sonne verschiedene Erfahrungen gibt: eine Zeit des Lebens und eine Zeit des Todes, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen, eine Zeit des Friedens und eine Zeit des Krieges, eine Zeit zum Trauern und eine Zeit zum Feiern. Ich hatte bisher immer verstanden, dass Salomo von verschiedenen Zeiten in unserem Leben spricht.
Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. Vielleicht wollte uns König Salomo in seiner großen Weisheit lehren, dass manchmal alle diese Dinge gleichzeitig geschehen. Sie geschehen buchstäblich zur selben Zeit. Das Leben ist ein Gesamtpaket.
Meistens passieren all diese Dinge gleichzeitig. In einigen Bereichen unseres Lebens haben wir Schalom, Frieden und Harmonie, in anderen Konflikt, Konfrontation und Aufruhr. Wir haben so viel Segen und so viel, wofür wir dankbar sein können, aber manchmal auch so viel Fluch und so viele Herausforderungen.
Wir sind oft gefordert, mit diesen gegensätzlichen Erfahrungen und Gefühlen zu jonglieren. An diesem Simchat Thora werden wir beides haben. Wir werden mit jeder Faser unseres Seins tanzen und das Privileg feiern, Jude zu sein, und gleichzeitig werden wir weinen, uns zurücksehnen und den Schmerz dieses letzten Jahres und dessen, was letztes Jahr um diese Zeit geschah, spüren.
Wir leben in Gottes Welt. In Seiner Welt sind die Dinge irgendwie immer in Ordnung, auch wenn sie es nicht sind.“
Titelbild: Israelische Soldaten mit Thora-Schriftrollen während der Simchat-Thora-Feierlichkeiten. Foto: Gershon Elinson/Flash90