
Warum ich jetzt aus Deutschland über Israel berichte
von Alon David
BERLIN, 26.06.2025 – Eigentlich war mein Besuch in Deutschland nur kurz geplant. Drei Tage – vom 12. bis 15. Juni. Ein paar Termine, Gespräche, ein Fernsehauftritt. Dann sollte es zurück nach Hause gehen – nach Israel, zurück an die Nordgrenze, in den Kibbuz Dan. Zurück zu meinem Zuhause als Reporter vor Ort.
Doch in den frühen Morgenstunden des 13. Juni änderte sich alles. Der Krieg zwischen Israel und dem Iran eskalierte. Raketenalarm in Tel Aviv. Explosionen in Be’er Scheva. Sirenen im ganzen Land. Und ich? Ich saß plötzlich fest.
Nicht im übertragenen Sinn – sondern ganz konkret: keine Rückflüge, keine Evakuierung, keine Möglichkeit, nach Israel zurückzukehren. Seitdem bin ich hier in Berlin gestrandet.
Aus der Ferne
Und während meine Gedanken täglich bei den Menschen in Israel sind – bei meinen Freunden im Norden, den Soldaten an der Grenze, den Familien in Schutzräumen – nutze ich die Zeit hier in Deutschland, um das zu tun, was ich kann: berichten. Aufklären. Sprechen.
So war ich in den letzten Tagen wieder bei WELT TV zu Gast – unter anderem am Freitag nach dem iranischen Raketenangriff auf Zentralisrael. Ich sprach über die Bilder der Zerstörung, die mich erreichten: „Totale Zerstörung. Leute unter Trümmern – ich bin solche Bilder aus der Ukraine gewohnt, aber nicht aus Israel.“

Ich sprach über Israels Ziel, das iranische Atomprogramm auszuschalten – und darüber, wie schwer das angesichts des bereits vorhandenen Know-hows im Iran überhaupt möglich ist.
Ich gebe Interviews, schreibe Artikel, spreche mit Redaktionen, berichte über das, was viele nicht sehen – oder nicht sehen wollen.
Was fehlt: die ganze Wahrheit
Denn das ist vielleicht das größte Problem dieser Tage: die selektive Wahrnehmung.
Zu viele Medien – gerade in der deutschen Berichterstattung – lassen wichtige Informationen weg, betonen das eine, verschweigen das andere. So entsteht kein realistisches Bild der Lage. Sondern ein verzerrtes, bruchstückhaftes, oft gefährlich einseitiges Narrativ.
Die Komplexität des Nahen Ostens lässt sich nicht in Schlagzeilen pressen. Man muss bereit sein, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Und genau das tun wir bei Fokus Jerusalem: Wir berichten wöchentlich auf Deutsch aus Israel – ungeschönt, mit Blick auf das Ganze. Wir sprechen über die Lage im Süden und im Norden, über die Bedrohung durch die Hisbollah, über die Realität in Sderot, Tel Aviv und Metulla – und wir nennen die Täter beim Namen.
Viele Fronten – auch medial
Gerade jetzt ist das wichtiger denn je. Der Iran führt längst einen Mehrfrontenkrieg gegen Israel – über seine Stellvertreter in Gaza, im Libanon, im Irak und im Jemen. Und viele in Europa wollen das nicht wahrhaben.
In dieser Situation wäre ich lieber dort, wo ich sonst bin: an der Grenze. Ich würde lieber direkt aus dem Norden Israels berichten, wo wir jeden Tag Raketenalarm hören und in Schutzräume rennen. Ich würde lieber mit Menschen sprechen, die ihre Häuser verlassen mussten, mit Reservisten, die ihr Leben aufs Spiel setzen, mit Sanitätern, die Verletzte versorgen.
Aber ich bin hier. Und solange ich hier bin, werde ich meine Stimme nutzen.

Nicht neutral – sondern ehrlich
Nicht, weil ich muss – sondern weil ich glaube, dass es notwendig ist.
Weil es in Zeiten wie diesen nicht reicht, neutral zu bleiben. Weil man Haltung zeigen muss. Und weil Schweigen auch eine Form der Parteinahme ist.
Deshalb nutze ich jede Gelegenheit, die sich mir in Deutschland bietet: als Gesprächspartner im Fernsehen, als Stimme aus Israel in Redaktionen, als Journalist, der versucht, die Lücke zwischen dem, was passiert, und dem, was berichtet wird, ein Stück weit zu schließen.
Die Wahrheit kennt keine Grenzen
Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier festsitze. Ich weiß nicht, wann ich zurück nach Hause kann. Aber ich weiß, dass meine Aufgabe gerade jetzt darin besteht, die Realität Israels verständlich zu machen – auch, oder gerade, von hier aus.
Denn ob in Berlin oder in Tel Aviv – die Wahrheit braucht Verbündete.
Der Autor ist deutscher Journalist, lebt in Israel und berichtet regelmäßig für das TV-Magazin Fokus Jerusalem aus Israel.
Titelbild: Alon David / Foto: Gaby Schütze