
Hebroner Scheichs bieten Israel Anerkennung an – im Gegenzug für ein eigenes Emirat
von Benjamin Funk
JERUSALEM, 07.07.2025 – Ein eigenes Emirat in Hebron und im Gegenzug die Anerkennung Israels als jüdischer Staat. Was wie ein politisches Gedankenspiel klingt, ist der ernst gemeinte Vorschlag von fünf einflussreichen Scheichs aus der Stadt im Süden des sogenannten Westjordanlands (biblisch: Judäa und Samaria). Ihr Ziel: die Trennung von der Palästinensischen Autonomiebehörde, die Rückkehr zu lokaler Führung und eine neue Partnerschaft mit Israel, wirtschaftlich und politisch.
Im Zentrum der Initiative steht Scheich Wadee’ al-Jaabari, Oberhaupt einer der mächtigsten Clanfamilien Hebrons. Gemeinsam mit vier weiteren Stammesführern unterzeichnete er einen Brief, in dem Frieden, wirtschaftliche Kooperation und die Anerkennung Israels als Nationalstaat des jüdischen Volkes angeboten werden. Im Gegenzug soll Israel ein „Emirat Hebron“ als offizielle Vertretung der arabischen Bevölkerung in der Region anerkennen.
Der Brief wurde Israels Wirtschaftsminister Nir Barkat überreicht. Seit Februar hat Barkat über ein Dutzend Treffen mit den Scheichs geführt. Die Initiative wird auch Premierminister Benjamin Netanjahu vorgelegt, der laut Medienberichten informiert ist, aber bislang keine öffentliche Position bezogen hat.
Scheichs kritisieren Autonomiebehörde
Die Vorschläge der Scheichs sind konkret. Sie fordern zunächst 1.000 israelische Arbeitserlaubnisse für Bewohner Hebrons, später ausweitbar auf bis zu 50.000. Ihr Ziel ist ein wirtschaftlicher Neustart, getragen von pragmatischer Zusammenarbeit. Die Kritik an der Autonomiebehörde fällt scharf aus. Die Oslo-Abkommen hätten nur Tod, wirtschaftliches Desaster und Zerstörung gebracht, heißt es in dem Schreiben. Stattdessen brauche es eine Rückkehr zur authentischen, lokalen Führung, die sich um das Wohl der Menschen kümmert und nicht um Machtspiele zwischen Ramallah und Gaza.
Barkat äußerte sich offen. Niemand in Israel glaube mehr an die Palästinensische Autonomiebehörde, und auch unter den Palästinensern selbst wachse die Entfremdung, sagte er gegenüber Journalisten. Ob Israel bereit ist, diesen Vorschlag ernsthaft zu prüfen, ist offen. Zu viele Faktoren hängen daran. Doch die Bewegung aus Hebron zeigt, dass sich unter der Oberfläche des Nahostkonflikts neue Realitäten abzeichnen.
Clans als Ordnungsmächte
Der Rückgriff auf Clans und Scheichs als politische Ordnungsmächte hat im Nahen Osten eine lange Geschichte. Während des Ersten Weltkriegs unterstützten britische Offiziere wie T. E. Lawrence den Aufstand arabischer Stämme gegen das Osmanische Reich. Aus diesen Allianzen gingen kurzlebige Monarchien in Syrien, im Hedschas und im Irak hervor. Nur in Jordanien konnte sich ein stabiles System entwickeln, gestützt auf britische Hilfe, ein stammesgeprägtes Gesellschaftsmodell und auf die Fähigkeit des Königshauses, auch Minderheiten und urbane Eliten einzubinden.

Scheich Wadee’ al-Jaabari hat von der Palästinensischen Autonomiebehörde die Nase voll. Er macht sich stark für ein „Emirat Hebron“. Foto: privat
Auch jüngere Beispiele wie die „Sons of Iraq“, ein Netzwerk sunnitischer Stammesmilizen, das zwischen 2006 und 2008 gemeinsam mit den USA gegen islamistische Aufständische vorging, zeigen: Lokale Clans können kurzfristig Stabilität schaffen, vor allem in Phasen staatlichen Zerfalls. Doch sie ersetzen keine Verwaltung, keine Institutionen und keine langfristige Perspektive. Die irakische Initiative versandete, als sie nicht in ein staatliches Gefüge eingebunden wurde.
Hebron gehört zu den größten Städten in den von den Palästinensern beanspruchten Gebieten. Wenn es dort heute Stimmen gibt, die sich für ein lokales Emirat unter traditioneller Führung aussprechen, verweisen manche Beobachter auf die Golfstaaten. Sie gelten als Beispiele dafür, dass Staaten mit stammesbasierter Führung durchaus funktionieren können. Allerdings ist die Realität dort eine andere. Diese Staaten sind klein, rohstoffreich und weitgehend homogen. Viele von ihnen entstanden unter internationalem Schutz, nicht inmitten eines ungelösten nationalen Konflikts.
Der palästinensische Kontext ist grundlegend anders. Nach 1948 zerbrachen viele traditionelle Clanstrukturen durch Flucht, Vertreibung und den Zerfall klassischer Dorfgemeinschaften. Bewegungen wie Fatah und später Hamas füllten das entstehende Vakuum. Nationalismus, Islamismus und sozialistische Ideologien prägten die politische Landschaft. Die Figur des Dorfältesten oder Clanchefs verlor an Bedeutung, ebenso wie die bürgerlichen Eliten der Vorkriegszeit.
Warum also der Versuch, heute wieder auf Scheichs zu setzen? Die Antwort liegt vermutlich im Zustand der Autonomiebehörde. Korruptionsvorwürfe, Machtlosigkeit gegenüber Israel und innere Zerstrittenheit. Viele Palästinenser erleben die Abbas-Organisation nicht mehr als Repräsentantin ihrer Interessen. In diesem Klima gewinnt die Idee einer Rückbesinnung auf lokale Führung neue Strahlkraft. Nicht überall, nicht flächendeckend, aber spürbar in Orten wie Hebron.
„Verrat geschah in Oslo“
Scheich al-Jaabari sieht sich nicht als Gegner der palästinensischen Sache. Der Verrat geschah in Oslo, sagt er: „Ihr habt es vergessen, ich nicht. Ich glaube an meinen Weg. Wenn wir auf Felsen stoßen, nehmen wir Eisen, um sie zu zerbrechen“. Seine Worte klingen entschlossen, aber nicht martialisch. Er spricht von Verantwortung, nicht von Revolution.
Ob sich aus dem Vorschlag ein ernst zu nehmendes politisches Projekt entwickelt oder es nur ein Signal bleibt, lässt sich bisher nicht sagen. Aber dass lokale Autoritäten in Hebron Israel direkt die Hand reichen, ist bemerkenswert. Es ist mehr als Symbolpolitik. Es ist ein Versuch, Spielräume zu schaffen, jenseits aller politische Blockaden.
Titelbild: Hebron ist bekannt als Stadt der Patriarchengräber. Sie ist mit über 200.000 Einwohnern die größte palästinensische Stadt und die einzige, in der jüdische Familien mitten im Stadtzentrum leben. Foto: Wisam Hashlamoun / Flash 90