zurück zu Aktuelles

Jeder vierte denkt ans Auswandern: Israels stille Abstimmung mit den Füßen?

JERUSALEM, 11.07.2025 (BF) – Die Frage, ob man bleibt oder geht, beschäftigt derzeit so viele Israelis wie seit Jahren nicht mehr. Einer aktuellen Umfrage zufolge ziehen 73 Prozent der israelischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Betracht, das Land zu verlassen, zumindest vorübergehend. Damit ist der Anteil der Auswanderungswilligen im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent gestiegen. Es ist das erste Mal seit fünf Jahren, dass die 70-Prozent-Marke überschritten wurde.

Die Erhebung wurde von der israelischen Jobplattform AllJobs durchgeführt und umfasst Antworten von 611 Berufstätigen ab 22 Jahren aus dem ganzen Land. Auch wenn die Zahlen zunächst wie ein Stimmungsbild erscheinen, deuten sie auf eine tiefere gesellschaftliche Verunsicherung hin.

Sicherheit rückt in den Vordergrund

Lange Zeit waren es vor allem klassische Gründe wie Karrierechancen, internationale Erfahrung oder ein besserer Lebensstandard, die für Israelis eine Rolle spielten, wenn sie an ein Leben im Ausland dachten. Auch in der aktuellen Umfrage werden diese Aspekte genannt: 59 Prozent wünschen sich mehr Lebensqualität, 48 Prozent internationale Erfahrung, 38 Prozent erhoffen sich berufliche Weiterentwicklung.

Doch auffällig ist: Neue Beweggründe treten hinzu und verändern die Dynamik. 30 Prozent der Befragten nennen persönliche Sicherheitsbedenken als Grund für einen möglichen Weggang. 24 Prozent sprechen von politischer Instabilität, ebenfalls 24 Prozent äußern Enttäuschung über den Zustand des Landes. Zwar ist der Grad dieser Enttäuschung gegenüber früheren Jahren etwas gesunken, doch das Gefühl, in einer zerbrechlichen Gesellschaft zu leben, scheint präsent zu bleiben.

„Wir beobachten eine Verschiebung in der Motivation“, erklärt Liat Ben-Torah Shoshan von AllJobs. „Früher war die Auswanderung vor allem eine strategische Karriereentscheidung. Heute spielen emotionale, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Faktoren eine viel größere Rolle.“

USA beliebt – Europa verliert an Anziehungskraft

Unter den bevorzugten Zielstaaten bleibt die USA mit 44 Prozent an der Spitze. Europa hingegen verliert an Reiz. Nur noch 26 Prozent der Befragten nennen ein europäisches Land als bevorzugtes Ziel, ein deutlicher Rückgang. Mögliche Ursachen sind die wachsende Sorge vor Antisemitismus sowie gesellschaftliche Veränderungen in vielen europäischen Ländern.

Trotz des ausgeprägten Auswanderungswunsches ist vielen klar, dass ein tatsächlicher Umzug ins Ausland kein einfacher Schritt ist. 56 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass die Umsetzung komplex sei, auch wenn sie im Prinzip attraktiv erscheine.

Was Menschen zum Bleiben oder Gehen bewegt

Im Jahr 2023 verließen rund 82.700 Israelis das Land, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Darunter waren nicht nur klassische Auswanderer („Yerida“), sondern auch zahlreiche Rückkehrer aus der Ukraine und Russland. Auffällig ist, dass viele von ihnen sich erst in den vergangenen Jahren für ein Leben in Israel entschieden hatten.

„Auch wenn wir Verwandte in Holland haben und manches dort sicherer oder einfacher wirkt, kann ich mir nicht vorstellen, Israel zu verlassen. Das ist meine Heimat“, sagt Nati aus dem Norden des Landes.

Für sie ist klar: Israel bleibt ihr unerschütterliches Zuhause, selbst in unsicheren Zeiten. Das zeigte sich auch während des Iran-Kriegs. Statt die Gefahr auszusitzen und im Ausland zu bleiben, versuchten Zehntausende, ins Land zurückzukehren, selbst unter Raketenbeschuss. Insgesamt zeichnet sich ein Stimmungsbild ab, das weder in Alarmismus noch in Schönfärberei verfällt. Die Israelis sind sich der Herausforderungen bewusst. Viele Menschen tragen den Gedanken an einen Neuanfang im Ausland mit sich, sei es vorübergehend oder dauerhaft. Das Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und Perspektive lässt diese Option realistischer wirken. Dennoch entscheiden sich die meisten letztlich dafür, in Israel zu bleiben.

Foto: Ein Arbeiter in einer Fabrik, die Kräne herstellt, im Industriegebiet Alon Tavor bei Afula. Viele Israelis spielen mit dem Gedanken, Israel zu verlassen, bleiben dann aber doch im Land. Bild: Michael Giladi/Flash90

Weitere News aus dem Heiligen Land