
Geisel-Angehörige gegen Anerkennung von „Palästina“: Kritik an britischem Kurs wächst
JERUSALEM, 31.07.2025 (BF) – Während immer mehr westliche Staaten Pläne für eine Anerkennung Palästinas vorantreiben, formiert sich in Israel und jüdischen Gemeinschaften laute Kritik. Besonders Großbritannien steht politisch unter Zugzwang. Doch der Zeitpunkt seiner Initiative stößt auf harte Ablehnung aus dem Umfeld der Angehörigen der Geiseln. Die britisch-israelische Ex-Geisel Emily Damari spricht Klartext: „Anerkennung ohne Freilassung der Geiseln ist eine moralische Bankrotterklärung und belohnt Terror.“
Warum der Zeitpunkt kritisch bewertet wird
Großbritannien kündigte im UN-Kontext an, Palästina im September als Staat anzuerkennen, sollten keine substanziellen Fortschritte zur Beendigung des Gaza-Kriegs und zur Wiederaufnahme eines Friedensprozesses erfolgen. Frankreich folgt einem ähnlichen Kurs. Weitere Staaten wie Kanada, Australien, Luxemburg und Portugal prüfen entsprechende Schritte.
Doch aus der Perspektive der Geisel-Familien und vieler Israelis ist diese Entscheidung verfehlt. Die Familien israelischer Geiseln, die noch immer von der Hamas in Gaza festgehalten werden, reagierten empört. Sie bezeichneten die geplante Anerkennung als „beschämend“ und als indirekte Belohnung für den Terror des 7. Oktober. Solange noch mindestens 50 Menschen in den Tunneln der Hamas festgehalten werden und schwierige Verhandlungen über ihre Freilassung andauern, gilt eine solche Anerkennung als signalhafte Legitimation von Gewalt. Der Schritt untergräbt die Einflussmöglichkeiten Israels in den Gesprächen, entzieht ihm diplomatische Hebel und setzt die Opferseite unter moralischen Druck.
Bedauerlicherweise stellt Großbritannien seinen Plan als Akt der Solidarität mit dem palästinensischen Volk dar und lehnt den Vorwurf ab, Hamas zu belohnen. Doch dieser einseitig humanitäre Fokus übersieht: Anerkennung ohne Freilassung konterkariert die Führungskraft des internationalen Rechts. Er vermittelt den Eindruck, dass politische Ziele durch Gewalt erreicht werden können.
Trotz Rückweisung: Kritik berechtigt
In Israel lehnen offizielle Stellen jede einseitige Anerkennung ab. Premierminister Benjamin Netanyahu warf London vor, Terrorismus zu legitimieren. Auch hochrangige Stimmen aus jüdischen Gemeinden im Ausland meldeten sich. Der britische Ex-Oberrabbiner Ephraim Mirvis sprach von einem Verrat am Existenzrecht Israels. Ex-Regierungssprecher Emmanuel Nahshon warnte, der Schritt könne als Legitimierung bestialischer Barbarei missverstanden werden.
Diese Positionen sind mehr als reflexhafte Reaktionen. Sie gründen auf einer realen Sorge: Länder, die Palästina vor einer Friedensregelung anerkennen, nehmen Verhandlungen ihre Dynamik. Sie fördern das Narrativ, dass Gewalt politische Legitimation verschafft. Das ist kein überzogenes Argument, sondern eine strategische Einschätzung, die auf Erfahrung und diplomatischer Realität beruht.
Noch kritischer: Der Zeitpunkt dieser Anerkennung könnte in der arabischen Welt als symbolischer Sieg der Hamas verstanden werden. Eine solche Wahrnehmung könnte die radikale Gruppe international und lokal stärken.
### Meine Meinung:
Die geplante Anerkennung Palästinas durch Großbritannien macht den zentralen Fehler, nicht auf die Freilassung der Geiseln zu warten. Damit nimmt sie Druck von der Terrorgruppe. Die Kritik, die London entgegenschlägt, ist verständlich. Sie beruht auf moralischen und strategischen Gründen und bleibt legitim – gerade jetzt.
Solange die Geiseln nicht freikommen, sollte eine Anerkennung nicht erfolgen. Frieden beginnt nicht mit symbolischen Gesten, sondern mit konkretem Handeln. Freilassen, verhandeln, Menschen retten. Wer das überspringt, verspielt Glaubwürdigkeit und Macht – zu Lasten der Opfer und aller, die echte Lösungen suchen. Benjamin Funk
Titelbild: Mütter israelischer Geiseln und ihre Unterstützer haben heute vor dem Büro des Premierministers in Jerusalem für die Freilassung der im Gazastreifen festgehaltenen Verschleppten demonstriert. Foto: Yonatan Sindel / Flash 90