
Netanjahu kritisiert den Generalstreik: Geiselangehörige geben ihm Rückenwind
JERUSALEM, 18.08.2025 (NH) – Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich gegen die Solidaritätsproteste für die Rückkehr der Geiseln ausgesprochen, die am gestrigen Sonntag das ganze Land überflutet hatten. Seinen Standpunkt äußerte der Regierungschef bei der wöchentlichen Kabinettssitzung. Er unterstrich, dass „die Proteste, die ein Ende des Krieges ohne die Niederlage der Hamas fordern, nicht nur die Position der Terrororganisation verhärten, sondern auch die Freilassung der israelischen Geiseln weiter in die Ferne rücken lassen”. Netanjahu wies wiederholt auf die Drohung der Hamas hin, die Verbrechen und Gräueltaten des 7. Oktober zu wiederholen. Unterstützung erhielt der israelische Regierungschef überraschenderweise aus den Reihen der Geiselfamilien.
Netanjahu bezieht Position gegen den Streik
„Wir bestehen nicht nur darauf, dass die Hamas entwaffnet wird, sondern auch darauf, dass Israel im Laufe der Zeit die Entmilitarisierung des Gazastreifens durchsetzt, indem es kontinuierlich gegen jeden Versuch vorgeht, terroristische Organisationen zu bewaffnen und zu organisieren“, erklärt Netanjahu. „Die Hamas fordert das genaue Gegenteil. Sie will, dass wir den gesamten Gazastreifen vollständig verlassen: aus dem Norden, aus dem Süden, von der Philadelphi-Route, die den Schmuggel verhindert, und aus dem Sicherheitsbereich, der unsere Grenzgemeinden schützt. Auf diese Weise wird sie in der Lage sein, sich neu zu gruppieren, sich neu zu bewaffnen und uns erneut anzugreifen. Die Hamas wird wieder mit ihren Pick-ups und ihren monströsen Mördern an den Zaun kommen und Nir Oz, Kissufim und Sderot erneut bedrohen“, so Netanjahu.
Das Hauptquartier der Geiselfamilien fand scharfe Worte für die Ansprache des Premierministers: „Netanjahu, in den letzten 22 Monaten haben die Geiseln in Gaza geschmachtet – unter deiner Aufsicht. Anstatt die Öffentlichkeit zu täuschen, Verdrehungen zu verbreiten und die Familien der Entführten zu diskreditieren, bring unsere Lieben in einem Abkommen zurück und beende den Krieg. Das ist die einzig mögliche Entscheidung, die das Volk Israel verlangt.“

Geiselfamilien unterstützen Netanjahu
Doch nicht alle Angehörigen von Geiseln unterstützten den landesweiten Protesttag, dem sich Tausende Unternehmen, Restaurants und Einrichtungen aus verschiedenen Bereichen der israelischen Wirtschaft angeschlossen hatten. Neben Avishai David, dem Vater der Geisel Evyatar David, lehnte auch Iris Haim, die Mutter der ermordeten Geisel Yotam Haim, den Streik ab. Die Angehörigen warnten, dass die landesweiten Proteste nicht nur die israelische Gesellschaft weiter spalten und der Wirtschaft des Landes schaden, sondern dass das Leid der Geiseln schlichtweg für politische Zwecke ausgenutzt werde. Der gebrochene Geiselvater behauptete, das eigentliche Ziel der Streiks sei es, die amtierende Netanjahu-Regierung zu stürzen.
Avishai David, dessen abgemagerter Sohn jüngst für grausame Hamas-Propagandavideos vor der Kamera der Terrororganisation stand, kritisierte das Forum der Geiselfamilien und betonte, dass viele der Aktionen politisch motiviert seien. Zwar schätzt der Geiselvater viele Aktivitäten des Forums, doch viele Geiselangehörige stimmen den versteckten Zielen der Organisation, die Regierung und ihre Führung zu stürzen, nicht zu. Avishais Aussagen spiegeln die Haltung anderer Geiselangehöriger wider, die ihre Frustration darüber zum Ausdruck bringen, dass ihr Schmerz wiederholt in innenpolitischen Kämpfen eingesetzt wird.

„Wie praktisch, dass wir der Hamas die Arbeit abnehmen“
Auch Iris Haim, die Mutter von Yotam Haim, der am 7. Oktober entführt und später bei seiner Flucht aus der Gewalt der Hamas durch Eigenbeschuss getötet wurde, sprach sich gegen den Streiktag aus. „Alle wollen, dass die Geiseln nach Hause kommen. Aber wenn einige streiken und andere nicht, fühlen sich die Menschen verurteilt – als ob es bedeutet, dass es ihnen egal ist, wenn sie nicht streiken. Es gibt niemanden in Israel, dem das egal ist. Jede Familie hat einen Beitrag geleistet – sei es mit Geld, mit Freiwilligenarbeit oder mit dem Leben ihrer Kinder“, so Haim. „Die Hamas schaut zu und lernt. Sie sehen, dass es ihnen gelingt, Israels Wirtschaft herunterzufahren. Der Stillstand der Wirtschaft ist ein weiterer Sieg für die Hamas.“ Iris schloss ihren Appell mit warnenden Worten: „Der Streik wird die Spaltungen vertiefen und das Land ins Chaos stürzen. Der nächste Schritt ist die Anarchie, aus der es kein Zurück mehr geben wird.“
Titelbild: Hunderttausende versammelten sich zu Einer Kundgebung am Ende des Streiktages in Tel Aviv. Foto: Chaim Goldberg/Flash90